Kundenrezension

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitlos gut..., 20. März 2009
Von 
Rezension bezieht sich auf: Parallel Lines:Deluxe Collector's Edition (Audio CD)
Gibt es wirklich perfekte Musikalben? Gibt es Alben, die ein Zeugnis über die Zeit des Erscheinens ablegen und dennoch nach vielen Jahren immer noch aktuell sind? Gibt es Alben, die gute Texte mit toller Musik und einer Vielfalt von verspielten Sounds verschiedener Genres mischen? Gibt es Alben, auf denen charismatische Frontfiguren jedem Song das gewisse "Etwas" verleihen?

Jeder, der darüber nachdenkt, wird sofort sein persönliches Lieblingsalbum, seine Lieblingsband, einen bestimmten Song, oder den oder die Lieblingssänger/in vor Augen haben und kurz lächeln.

Doch für viele Fans der Rock/Pop/Alternative-Musik treffen diese Aussagen u. a. auf ein ganz bestimmtes Album zu. Ein Album, dass auch heute noch in den Ranglisten von Magazinen, wie z.B. dem Rolling Stone Magazine, einen hohen Stellenwert hat, in England sogar fast jedes Jahr erneut in die Charts einsteigt (selbstverständlich aufgrund unzähliger Re-Releases über die vergangenen 30 Jahre hinweg), aber dennoch...PARALLEL LINES von Blondie ist ein musikalischer Zeitzeuge einer frühen Musikszene, die den Weg für das ebnete, was für uns alle heute selbstverständlich ist, auch wenn nicht mehr viele Bands (in der Zeit der schnelllebigen Acts und Casting-Show-"Ich gewinne dann ein Jahr nach Erscheinen eh einen Echo und verschwinde danach wieder in der Versenkung"-Gewinnern) das Zeug dazu haben, etwas zeitlos Gutes zu erschaffen, wie z.B. ein perfektes Album.

Die Geschichte dieses Albums ist sehr komplex. Wir schreiben das Jahr 1978. New York. Der Punk boomt, New Wave beginnt zu wachsen, Underground-Schuppen wie das CBGB's haben den Weg für Bands wie die Ramones und Figuren wie Pattie Smith frei gemacht. Und auch eine Band um eine ehemalige Serviererin aus dem berühmten Max' Kansas City, die zwischenzeitlich auch als Playboy-Bunny arbeitete, nachdem sie ihr Kunststudium schmiss und sich in einigen anderen Bands versuchte, wurde ein nicht zu unterschätzender Teil dieser neuen Bewegung. Debbie Harry und Blondie waren durchs Punk-Movement zumindest in Europa keine Unbekannten mehr, ihre ersten beiden Alben ("Blondie" von 1976 und "Plastic Letters" von 1977) hatten ihnen zudem in Australien mit "In The Flesh" den ersten #1 Hit überhaupt beschert, in England war "Denis" vom zweiten Longplayer zu einer Pop-Hyme geworden.

Blondie hatten Stil. Ihren ganz eigenen Stil. Sie versuchen sich in fast allen Musikstilen und kreierten daraus ihren eigenen speziellen Mix. Modisch und musikalisch schlugen sie neue Seiten auf. Nachdem sie vom Private Stock Label durch die damals weitreichend bekannte Chrysalis Musikgruppe "aufgekauft" worden waren, nachdem man vor allem das Potential der blonden Frontfrau erkannt hatte, sahen die Verantwortlichen nun die Zeit gekommen, Debbie Harry und Blondie auf eine neue Ebene zu heben. Die Musik sollte sich vom schroffen Punk-Sound, gemischt mit sechziger Jahre Girlgroup-Sound, zu etwas kommerziellem entwickeln. Radiofreundlichkeit wurde groß geschrieben, wurde durch dieses Medium in einer Zeit vor MTV und dem Internet hierüber noch über Erfolg oder Misserfolg entschieden. Mike Chapmann, Produzent unzähliger Hits für Gruppen wie Sweet und maßgeblich für den Erfolg von Suzie Quatro verantwortlich, wurde verpflichtet, sich die blonde Punk-Schönheit mit ihren Jungs anzuschauen, ihnen den Weg auf den nächsten Erfolgslevel zu ebnen und ihnen somit den letzten Feinschliff zu verpassen.

Diese Zusammenarbeit kann man als eine Art kreatives Chaos bezeichnen, arbeitete der Produzent, der es gewohnt war, dass man ihm blind vertraute und den eigenen musikalischen Stil genau seinen Vorstellungen anpasste, nun mit eigenwilligen Bowery-Kids zusammen, die genau wussten, wie ihre Songs klingen sollten...wollte man schließlich den eigenen Stil, die Herkunft und vor allem die Szenefreunde aus der Punkwelt des CBGB's nicht verraten oder gar verleugnen. Debbie Harry erinnerte sich in einer von der BBC eigens über sie gedrehten Biographie daran, wie hart und neu Chapmans Stil zu arbeiten für die Gruppe war: "You did it once, you can do it twice. And better. Okay, let's try this again. And again. And again". Eine ganz andere Art zu recorden, als es Blondie von den ersten beiden Alben gewohnt waren, die, unter der Leitung von Craig Leon, eher die verspielte Naivität der Band genau einfing und eben diese Stücke dadurch anders authentisch wirken, als die perfekten Platten, die später mit Chapman noch folgen sollten.

Nach unzähligen Nächten im Studio, kleinerer Fights zwischen Band und Produzenten, wobei auch schon mal aus Wut und Trotz ein zu damaliger Zeit teures Studioinventar zerstört wurde, entstand etwas großes...und allen Beteiligten wurde dies immer deutlicher, umso mehr Stücke fertig gestellt wurden. Durch den kreativen Input dieser Zusammenarbeit schrieb Debbie Harry z.B. in nur einer Nacht den Song "Pretty Baby", inspiriert durch den gleichnamigen Film über eine Kinderprostituierte, gespielt von Brooke Shields. Dies ist ein Song, der auch heute noch, grad bei Live-Konzerten, einen besonderen Stellenwert durch die bittersüßen Lyrics inne hat.

Zugleich übernahm Chapman die Initative bei einem Song, den die Band seit Ihrer Gründung in verschiedenster Form mit sich trug: den sog. "Disco Song"...der weder als Raggae- noch als Funk-Version richtig funktionieren wollte. Mike Chapman nahm sich dessen an und kreierte mit der Band einen als Hommage an die Disco-Zeit gedachten Song, der sarkastisch das Ende der Disco-Ära einläuten sollte, diese jedoch mit seinem neuartigen Synthie-Sound auf einen neuen Level empor hob: "Heart Of Glass".

"Heart Of Glass" wurde Blondies erster Nummer # 1-Hit in den USA, UK und in vielen anderen Ländern der Welt (u.a. auch Deutschland, Schweiz & Österreich).

30 Jahre nach der Ersterscheinung des Albums, welches neben den vorstehend genannten Songs auch noch Kulthits wie "One Way Or Another" und den # 1 Song Sunday Girl" enthält, ist und bleibt Parallel Lines -Blondies Masterpiece- und wird von Fans und Kritikern weltweit gleichermaßen geliebt.

Diese Sonderedition bietet neben den 12 regulären Album-Tracks noch vier Bonustitel (die leider nicht sonderlich erwähnenswert sind, aber dennoch eine nette Ergänzung, grad für neue oder jüngere Fans, bieten), sowie eine DVD mit einigen Promo-Clips und einen bislang unveröffentlichten Auftritt der Gruppe um Debbie Harry mit "Sunday Girl" bei der britischen Ausgabe von Top Of The Pops.

Blondie ist Kult. Parallel Lines ist Kunst. Was für eine zeitlos gelungene Mischung...

Tracks:

Hanging On The Telephone
Der Opener der Platte. Ein wütender Song über die bekannte Situation, auf einen Anruf zu warten, oder am Telefon einfach abgewürgt zu werden, wenn noch so viele Dinge unausgesprochen sind. Schnell. Hart. Wütend. Einfach gut.

One Way Or Another
Kaum ein anderer Blondie-Song wurde so oft in Filmen verwendet, bzw. besitzt mittlerweile soviel Kult-Faktor, wie dieser Smash-Rocker, der aus der Sicht eines Stalkers erzählt wird. This song's gonna getcha...getcha...getcha...

Picture This
Die etwas andere Liebeserklärung. Bester Moment: "I'll give you my finest hour. The one I'll spent watching you shower".

Fade Away And Radiate
Ein langsamer, düsterer Song, der als Blondie's Einstieg in die New Wave Szene angesehen werden kann. Synthie-Sound, in Kombination mit einmaligen Drums, bis der Song am Ende mit einem Gitarrenriff ausklingt, welches ein leichtes Raggae-Feeling aufkommen lässt.

Pretty Baby
Wie bereits erwähnt, Debbie Harrys Song, in dem sie die Thematik des gleichnamigen Films mit der damaligen Jungschauspielerin Brooke Shields aufgreift. Bittersüß, zum dahinschmelzen.

I Know But I Don't Know
Ich weiß, aber ich weiß es nicht. Es kümmert mich, aber es kümmert mich auch nicht...wunderbar verwirrter Rocksong über so viele Aussagen, die sich sodann sofort wieder aufheben. Einmalige Riffs, toll gesungen im Duett mit Gitarrist Frank Infante, der heute nicht mehr zum aktuellen Line-Up der Band gehört. Dieser Song war 2008 live während der "Parallel Lines 30th Aniversary"-Tour ein absolutes Highlight.

11:59
Jeder von uns kennt die Momente, wo man spürt, es ist kurz vor zwölf und nichts kann einem mehr helfen. Und trotzdem will man überleben, einfach nicht aufgeben kann und will. Hören und gut finden. Blondie at it's best.

Will Anything Happen?
Wie bereits auch "Hanging On The Telephone" ist dieser Song ein Cover. Blondie setzen hier eine rockige Marke, die kaum zu überbieten ist. Smashige Lyrics verbinden sich mit Gitarrenriffs und Drums zu einem perfekten Ganzen. Unbedingt anhören!

Sungay Girl
Poppig geht's weiter. Nummer 1-Hit aus England, #2 in Deutschland 1979. In Anlehnung an Debbie Harrys Kater "Sunday Man" wird hier die Geschichte über ein süßes Girlie Girls erzählt...cold as ice cream but still as sweet. Heute noch genauso smashig wie vor dreißig Jahren.

Heart Of Glass
Disco meets Rock & Pop & New Wave. Blondie's internationale Durchbruch-Single ist ein zeitloser Hit. Nummer 1 in unzähligen Ländern, auch heute noch in vielen Ranking-Shows ganz oben und das deutlichste Anzeichen dafür, dass Kunst manchmal länger braucht, um auch als diese erkannt zu werden. Anhören, genießen...und irgendwann nur noch tanzen.
Leider ist auch bei dieser Jubiläums-Edition, wie bei vielen anderen Versionen, die Extended Disco-Version mit über 5 min. Länge verwendet worden, wobei die Single-Version als Bonus-Track zu finden ist. Die Original-Version von Heart Of Glass mit 3:54 min. wird somit auch weiterhin nur auf den frühen CD-Versionen aus den 80gern, sowie den ersten Remastered Versionen von 1994 zu finden bleiben. Schade, aber bei einem solchen Hit ist es nachvollziehbar, dass die Verantwortlichen gerade hierbei mit der Extended Version den gesamten Ausmaß der Genialität des Songs bezeugen wollen.

I'm Gonna Love You Too
Blondie covern Buddy Holly. Ein etwas skuriler Moment des Albums, der durch den coolen Gesang und die passenden Gitarren sofort zum Fuß-Wippen animiert...
gefolgt von...

Just Go Away
Das letzte Stück auf dem Album zeigt, wie deutliche Ansagen auszusehen haben. Debbie Harrys Aufforderung, von jemandem in Ruh gelassen zu werden, schwankt zwischen Agression und Leidenschaft. Der perfekte Abschluss.

Nach erfolgreicher Jubiläumstour zu diesem Album im vergangenen Jahr und mit aktuellen Konzerten in 2009, wobei die meisten Stücke ebenso Beachtung finden, selbstverständlich in Verbindung mit späteren Hits bis zur Trennung im Jahr 1982 und ab der Wiedervereinigung im Jahr 1999, gepaart mit einigen Debbie Harry Solo-Titeln, machen Blondie weiterhin deutlich, wie zeitlos und perfekt aufeinander abgestimmt die Songs zusammenpassen, ohne dabei die individuelle Entwicklung der Band und der Frontfrau als Solokünstlerin außer Acht zu lassen.

Wer die Chance hat, Blondie live zu erleben sollte dies unbedingt tun. Und wem dieses Vergnügen nicht zu Teil wird, sollte seine Sammlung entweder mit dieser Scheibe starten, oder erweitern...und einfach genießen.

"Once I had a love..."
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.09.2014 07:35:09 GMT+02:00
Ryo Hazuki meint:
Vielen Dank für diese ausführliche,sehr informative Rezension,das Ding ist so gut wie gekauft;-)
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