Kundenrezension

38 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hervorragend, 28. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Was passiert in Russland (Gebundene Ausgabe)
Gabriele Krone-Schmalz hat mit ihrem neuen Werk ein sehr engagiertes und lesenswertes Buch über Russland unter Putin vorgelegt. Wurde Putin zunächst im Westen als neuer Präsident Russlands geschätzt, weil er Stabilität und Berechenbarkeit in dieses Land brachte, so muss mit dem Fischer-Weltalmanach 2008 korrekterweise konstatiert werden, dass die Beziehungen Russlands mit dem Westen seit dem Mord an Anna Politkowskaja und der Affaire Litwinenko auf einem Tiefpunkt angelangt sind. Deutlich wurde die veränderte Wahrnehmung auf beiden Seiten durch die Rede Putins auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007, die im Westen überwiegend als "Rückkehr zum Vokabular des kalten Krieges" interpretiert wurde.

Ganz offensichtlich hat es einen Wandel an Wahrnehmungen gegenüber Russland gegeben. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber Gorbatschow 1985 herrschte zunächst Euphorie über Glasnost und Perestroika, die dann - schon am Ende der Regierungszeit Gorbatschows - gegenüber einer kritischeren Sichtweise abgelöst wurde. Dennoch protegierte der Westen Boris Jelzin, in dem er den "Garanten der Demokratie" gesehen hatte. Dass unter Jelzin Rechtsunsicherheit und eine skrupellose Herrschaft der Oligarchen einsetzte, wurde im Westen zwar - insbesondere seit 1993 - zunehmend erkannt, aber häufig ein "Auge" zugedrückt, weil der Westen Jelzin als "kleineres Übel" gegenüber einer Rückkehr der Kommunisten sah. Putin galt als undurchsichtig, wenn auch klug. Dass er Russland wieder stark machen und "Ordnung" schaffen wollte, galt als sein Programm; seine Äußerung, es solle die "Diktatur des Gesetzes" wieder hergestellt werden, hat zu unterschiedlichen Konnotationen im Westen wie in Russland geführt. Im Westen hörten politisch Interessierte das Wort "Diktatur" und damit die Rückkehr zur Diktatur heraus, in Russland (hoffnungsvoll) die Geltung von Recht und Gesetzen.

Gabriele Krone-Schmalz bemüht sich, die russische Sicht der Dinge darzustellen: "Wenn ich für jemanden Verständnis habe, dann heißt das noch lange nicht, dass ich sein Verhalten in allen Facetten akzeptiere und für gut befinde. Es heißt lediglich, dass ich diesen jemand respektiere, mich für seine Probleme interessiere und nicht versuche, mich selbst zum Maßstab aller Dinge zu machen." (S. 9). Krone-Schmalz gelingt es, Russland und die Politik Putins, für dessen politische Handlungen sie Verständnis bekundet und dessen persönliche und politische Integrität sie schätzt, aus einem differenzierten Blickwinkel zu betrachten, um das heutige Russland verstehbar zu machen. Nur so können Missverständnisse und neue Konfrontationen abgewendet und der Aufbau neuer Stereotypen und Feindbilder abgewendet werden. Sie zeichnet Entwicklungsprozesse - wie die Entstehung der "Bürgergesellschaft" (einen Begriff, den sie der definierbaren "Zivilgesellschaft" vorzieht) nach, wobei sie in Anlehnung an Michael Eggert die Funktion der "Gesellschaftskammer", einer von Putin geschaffenen Instanz, die zwischen Nicht-Regierungs-Organisationen, Bürgern und dem Staat vermitteln soll, minutiös nachzeichnet. Die Reizthemen Pressefreiheit, Tschetschenien, Wirtschafts- und Energiepolitik sowie Außenpolitik werden dargestellt, wobei Krone-Schmalz die Motive der russischen Sicht darlegt und insbesondere dem Westen vorwirft, sein Versprechen, die Nato nicht nach Osten zu erweitern (als Preis für die Zustimmung Gorbatschows zur Mitgliedschaft des vereinigten Deutschlands in der Nato) gebrochen zu haben. Putins Ängste vor einem amerikanischen Raketenschild in Polen und Tschechien seien daher nicht "lächerlich", wie es die amerikanische Außenministerin Rice gesagt habe, sondern durchaus nachvollziehbar.

In allen Bereichen wird das zentrale Anliegen von Krone-Schmalz deutlich: sie fordert differenzierte und aufrichtige Berichterstattung. Dies bedeutet für sie, die Standpunkte des anderen möglichst neutral darzustellen und Manipulationen, vorauseilender Gehorsam und schlampige Sprache und Recherche zu vermeiden.

Ich habe die Motive der russischen Seite durch die fesselnde Lektüre des Buches von Krone-Schmalz sehr viel besser verstanden als durch zahlreiche Bücher vor ihr. Manchmal scheint sie mir die Politik Putins zu sehr zu "verharmlosen", wenn sie etwa den Mord an Anna Politkowskaja lediglich dem tschetschenischen Präsidenten anlastet und Putins Betroffenheitsbekundungen in dieser Hinsicht mir nicht kritisch genug hinterfragt, während sie andererseits Jelzin unbesehen für den Mord an der Petersburger Politikerin Starowojtowa verantwortlich macht. Zum Verständnis - auch Putins - gehört für mich, seine zwiespältige Reaktion auf den Tod von Politkowskaja auch korrekt darzustellen, wenn ihre Feststellung, dass die Ermordung dieser Journalisten Putin und der Regierung mehr geschadet habe als Politkowskajas kritische Artikel, zutrifft. Auch Putins Motive kritischer zu hinterfragen, hätte dem Informationswert von Krone-Schmalz Buch sicher nicht geschadet.

Insgesamt aber ein hervorragendes Buch. Unbedingt dazu lesen - um eine Gegenmeinung zu erhalten und Einblicke in die Machtstrukturen des "Systems Putin" zu erhalten, sollte man das eben erschienene Werk: "Das System Putin" der Russlandexpertinnen Margareta Mommsen und Angelika Nußberger, die Putin und seine Politik wesentlich kritischer kommentieren als Krone-Schmalz.

Ansonsten: ein wirklich engagiertes und lesenswertes Buch, welches den Mut hat, "gegen den Strom" zu schwimmen und stilistisch brilliant geschrieben und fesselnd zu lesen ist. Absolute Empfehlung!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare


Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.11.2007 17:26:39 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.11.2007 13:59:13 GMT+01:00
Danke. Eine kluge und eingehende Analyse.
Schade, dass auch Sie in der Politkovskaja-Frage immer noch den Klischees aufsitzen. Das ist doch gerade die allerwiderlichste Anti-Putin-Kampagne, die vom Beresovskij-Clan je gefahren wurde. Mir sind keinerlei Aeusserungen des russischen Präsidenten in der Sache bekannt, die auch nur den geringsten Anlass zu (moralischem) Tadel, Zweifel oder gar Verdacht geben würden.

Veröffentlicht am 26.08.2009 15:11:04 GMT+02:00
Volker Jansen meint:
Die lobenden Ausführungen zu Krone-Schmalz' Buch teile ich uneingeschränkt.
Sicherlich schadet es nicht, das Buch "Das System Putin", das übrigens für ca. 5 Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung bezogen werden kann, zum Vergleich zu lesen. Dort allerdings werden exakt die von Krone-Schmalz beklagten Klischees verbreitet. Mit den Informationen und Wertungen dieses Buches bin ich diesen Sommer (2009) nach Moskau und Sibirien gereist und auf das staunende Unverständnis eines in Ekaterinburg arbeitenden Kollegen gestoßen. Er hat mir die Lektüre von "Was passiert in Russland?" empfohlen, von dessen Existenz ich bis dahin nichts wusste, obwohl ich Krone-Schmalz natürlich vom TV und auch als Autorin kenne und schätze und mich als Slavist und in einer Städtepartnerschaft Engagierter sehr für die GUS interessiere.
Gesellschaftskammer, Geschichte und Hintergründe des Tschetschenienkrieges, kriminelle Bereicherung seitens Chodorkovskij, Energiediebstahl durch die Ukraine ... wenn ich mich richtig erinnere, ist von all dem bei Mommsen/Nußberger nichts oder kaum etwas zu lesen. - Ich bin gespannt, ob die bpb sich auch um eine Lizenz für den preiswerten Nachdruck von "Was passiert in Russland?" bemühen wird.
Noch ein Wort zu Putins Reaktion auf die Ermordung von Anna Politkovskaja: Ich weiß nicht, ob er seinen Abscheu über diese Tat und sein Mitgefühl mit den Hinterbliebenen ausgedrückt hat. Empört haben sich unsere Medien über sein kühl wirkende Aussage, die Ermordung der Journalistin sei "für unser Land und für unsere Regierung eine viel schlimmere Sache als ihre Publikationen" (K.-S., S. 96). Ist das nicht eine sehr nachvollziehbare Argumentation? In den westlichen Medien wurde Putin seit Jahren angegriffen, ihm und seiner Regierung wurden alle möglichen finsteren Machenschaften unterstellt. Da appelliert er - naiv? - an den kritischen Verstand und fordert dazu auf, einmal darüber nachzudenken, wem dieser Mord nützt, wer ein Interesse daran haben konnte, diese Stimme totzuschlagen. Wenn ihr mich für einen abgefeimten, durchtriebenen, mit allen Wassern gewaschenen, intelligenten Schurken haltet - wie passt dazu solch ein "dummer" Mord? Aber darüber wurde nicht reflektiert, denn es stand ja schon vor der Untersuchung fest, wo die Drahtzieher saßen.
Wiederholt sich das Schema gerade bei der Berichterstattung über die Kaperung und Befreiung der Arctic Sea, die Festnahme der Piraten und die ersten Verhöre? Die Untersuchungen haben kaum begonnen, da kann man bereits lesen, dass Moskau mauere, verschleiere. Ist es nur westlichen Ermittlungsbehörden erlaubt, erst zu recherchieren und um des Ermittlungserfolgs willen nicht sofort jede Information den Medien zugänglich zu machen?
Gerade erfahren wir, dass auf Druck aus der Regierung Kohl Anfang der 80er Jahre ein Gutachten "geschönt" wurde, dass die Eignung des Salzstocks bei Gorleben für ein Atommüll-Endlager in Frage stellte. Wir haben allen Grund, vor der eigenen Haustüre zu kehren und unseren 'lupenrein demokratischen' Instanzen mindestens kritisch auf die Finger zu schauen. Unter Putin hat Russland - ohne jegliche demokratische Tradition in der Vergangenheit! - vor etwa 10 Jahren begonnen, das Chaos nach dem Zerfall der UdSSR und des Wildwest-Kapitalismus einzudämmen, wirtschaftliche Stabilität herzustellen und auf einem unvorstellbar großen Territorium rechtsstaatliche Strukturen aufzubauen. In diesen "Busch" wurden keine Juristen und Verwaltungsfachleute aus dem Westen entsandt. Und trotz westdeutscher Hilfe und Kontrolle wurde im deutschen Osten ebenso skrupellos wie erfolgreich Beute gemacht. Alles schon vergessen?
Nach der Lektüre von "Was passiert in Russland?" höre ich genauer hin bzw. lese kritischer Meldung über Russland und es stimmt leider: Sehr oft enthalten die Formulierungen Vorverurteilungen, Verachtung oder andere negative Töne.

Veröffentlicht am 26.08.2009 15:12:19 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 26.08.2009 15:26:29 GMT+02:00]
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

4.5 von 5 Sternen (14 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (12)
4 Sterne:    (0)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:
 (1)
1 Sterne:
 (1)
 
 
 
Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent