Kundenrezension

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Interessante These, leider nicht korrekt, 24. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Schöpfung außer Kontrolle: Wie die Technik uns benutzt (Gebundene Ausgabe)
Der Autor stellt die interessante These auf, dass sich der Mensch immer mehr zum Sklaven der Technik und damit möglicherweise zu einem Steigbügelhalter einer späteren Herrschaft der Maschinen über uns und die Welt mache. Allerdings hapert es an der Beweisführung. So behauptet er etwa, dass die Evolution der Technik den gleichen drei Prinzipien wie die biologische Evolution gemäß Darwin folge, und genau das ist leider nicht zutreffend. Erschwerend kommt hinzu, dass er dabei auf Richard Dawkins' Universellen Darwinismus setzt, dem viele kritische Bedingungen für Evolution fehlen.

So heißt es beispielsweise (40): "Dies ist ein fundamentaler Irrtum, der erstaunlicherweise bis heute nicht ausgerottet ist. Wer da wirklich ums ,Überleben' kämpft, sind nicht Tier- und Pflanzenarten, sondern Gene." Der fundamentale Irrtum liegt auf Seiten des Autors.

Ferner (40): "Die Gene sind das Einzige, was von Generation zu Generation 'überlebt'." Nein, viele Arten geben auch nichtgenetische Kompetenzen an ihre Nachkommen weiter.

Und (42): Entscheidend an Dawkins' Erkenntnis ist, dass die Evolution offensichtlich auf unbelebte Materie wirkt, denn die Gene selbst sind ja nicht lebendig. Dass das so ist, kann man am Beispiel der Viren sehen. Viren sind keine Lebewesen. Sie haben keinen Stoffwechsel, keine Organe und können sich nicht selbst vermehren. Trotzdem entwickeln sie sich ständig weiter, verändern sich, passen sich an ihre Umwelt an. Sie unterliegen offensichtlich der Evolution."

Hier muss ich mich dann doch einmal als Frau positionieren: Auch Männer haben - biologisch betrachtet - ihre Fortpflanzungsfunktionen an den Wirt "Frau" ausgelagert (outgesourct). Sollten sie deshalb nicht nicht mehr der Evolution unterliegen? Doch, das tun sie. Denn Viren und Männer sind gemäß der Systemischen Evolutionstheorie selbstreproduktive Systeme und von daher selbstverständlich evolutionsfähig.

Die Prinzipien der Evolution beschreibt der Autor wie folgt (44f.):

"Wenn es tatsächlich so oder ähnlich gewesen ist, dann waren drei Dinge notwendig, um die Evolution in Gang zu setzen und die Entstehung des Lebens zu ermöglichen:
- Replikatoren, die Kopien von sich selbst herstellen konnten,
- Fehler bei der Herstellung dieser Kopien, die hin und wieder zu reproduktionsfähigen Mutationen führten,
- und eine aufgrund der Umweltbedingungen unterschiedliche Wahrscheinlichkeit dieser verschiedenen Replikator-Arten, erneut kopiert zu werden, und sich auszubreiten.
Mehr als diese drei simplen Voraussetzungen braucht es offensichtlich nicht, um einen ganzen Planeten mit Gänseblümchen, Pilzen (...) und einer Bücher schreibenden Affenart zu füllen."

Doch es braucht mehr, viel mehr sogar, nämlich so etwas wie einen Evolutionsantrieb, den Dawkins Egoismus, Mersch "Reproduktionsinteresse" und Darwin "Struggle for Existence" bzw. "überreichliche Nachkommensproduktion" nennen.

Besonders deutlich wird das beim vom Autor präsentierten Evolutionswürfelspiel auf den Seiten 52ff. Hier behauptet er, das Spiel genüge den drei Prinzipien Reproduktion, Mutation und Selektion und deshalb komme es darin zur Evolution. Denn (50): "Evolution ist eine mathematische Zwangsläufigkeit. Sie entsteht immer dann, wenn drei simple Mechanismen wirken: Reproduktion, Mutation und Selektion."

Dabei übersieht er, dass das Spiel aus sich heraus niemals evolvieren könnte. Dazu bräuchte es nämlich einen Würfler, von manchen auch Schöpfer genannt. Sollte das Spiel dagegen eigendynamisch evolvieren können, dann müsste die Rolle des Würflers in die Würfel selbst integriert werden. Anders gesagt: Man müsste den Würfeln ein "Reproduktionsinteresse" verordnen. Oder noch anders gesagt: Man müsste ihnen so etwas wie Leben einhauchen.

Und genau deshalb können auch die Übertragungen des Autors auf die angebliche Evolution der Technik nicht funktionieren (57): "Kaum jemand wird bezweifeln, dass bei der Entwicklung von Technik Reproduktion stattfindet. Nicht nur Produkte wie Autos (...) werden in großen Mengen 'reproduziert', sondern es werden zum Beispiel auch Konstruktionspläne für Autos (...) vervielfältigt, beispielsweise auf den Computerfestplatten der Herstellerfirmen."

Evolvieren können gemäß Merschs Systemischer Evolutionstheorie nur selbstreproduktive Systeme, und das sind technische Systeme nun einmal nicht, sehr wohl aber deren Erzeuger wie Nokia, Volkswagen, Airbus etc. Anders gesagt: Ein Großteil unseres technischen Umfeldes wird überhaupt nicht vom Menschen hervorgebracht, sondern von einer neuen Klasse an selbstreproduktiven Systemen (der aktuellen Krone der Schöpfung), den Unternehmen. Wir versklaven uns folglich nur indirekt gegenüber der Technik, in direkter Weise stattdessen gegenüber der Unternehmenswelt. Hier besteht dann meiner Meinung nach ein wirklicher Handlungsbedarf. Wir sollten nicht die Technik bekämpfen, sondern die Märkte regulieren.

Zu den Ausführungen des Autors über die Dawkins' Memetik sage ich lieber nichts, da ich die Mem-Theorie, zu der Bunge/Mahner in Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft immerhin meinen, sie sei konzeptuell so unklar, dass sie an Sinnlosigkeit grenze, für absolut unwissenschaftlich halte.

Fazit: Das Buch hat ein wichtiges Anliegen und in vielen Punkten teile ich auch seine Einschätzung: Wir Menschen scheinen gegenüber einer zunehmend beschleunigten Evolution um ums herum langsam aber sicher die Kontrolle zu verlieren. Doch leider scheitert es bei der Analyse. Mein dringender, auch schon an anderer Stelle geäußerter Rat wäre: Die aktuellen medienpräsenten Vordenker dieser Gesellschaft sollten sich endlich mit den Vor-Vordenkern kurzschließen, statt ihre Aussagen auf den untauglichen Konzepten eines Richard Dawkins' fußen zu lassen. 4 Sterne dennoch, denn das Buch ist insgesamt sehr verständlich und exzellent geschrieben.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 3 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.02.2014 20:33:56 GMT+01:00
C. Fessel meint:
Haben Sie eine Alternative um sich als "Laie" weitergehend mit dieser Thematik zu befassen?

Danke und vielen Dank für ihre Rezension!

Veröffentlicht am 20.03.2014 01:07:16 GMT+01:00
J. Voswinkel meint:
Die wissenschaftliche Art Ihrer Ausführungen lässt den Eindruck von Kompetenz entstehen. Trotzdem sind nicht alle Ihre Kritikpunkte nachvollziehbar.

So zitieren Sie „Entscheidend an Dawkins' Erkenntnis ist, dass die Evolution offensichtlich auf unbelebte Materie wirkt, denn die Gene selbst sind ja nicht lebendig. Dass das so ist, kann man am Beispiel der Viren sehen. Viren sind keine Lebewesen. Sie haben keinen Stoffwechsel, keine Organe und können sich nicht selbst vermehren. Trotzdem entwickeln sie sich ständig weiter, verändern sich, passen sich an ihre Umwelt an. Sie unterliegen offensichtlich der Evolution."

Ihr Kommentar dazu: „Hier muss ich mich dann doch einmal als Frau positionieren: Auch Männer haben - biologisch betrachtet - ihre Fortpflanzungsfunktionen an den Wirt "Frau" ausgelagert (outgesourct). Sollten sie deshalb nicht mehr der Evolution unterliegen? Doch, das tun sie. Denn Viren und Männer sind gemäß der Systemischen Evolutionstheorie selbstreproduktive Systeme und von daher selbstverständlich evolutionsfähig.“

Wunderschön geschrieben! Allerdings hat der Autor genau das gesagt, was Sie „richtigstellen“, nämlich: „Sie (die Viren) unterliegen offensichtlich der Evolution." Siehe letzter Satz ihres Buch-Zitats.

Ebenfalls unverständlich ist für mich, was Sie zu dem Evolutionswürfelspiel im Buch schreiben. Hier tun Sie so, als würde der Autor davon ausgehen oder gar behaupten, dass das Spiel aus sich heraus evolvieren könnte. Dafür gibt es nun wirklich keine Anhaltspunkte. Ganz offensichtlich möchte der Autor dem Leser mit dem Evolutionswürfelspiel allein die Zwangsläufigkeit der Evolution vor Augen führen.
Um das zu erkennen ist nicht viel guter Wille erforderlich.

Positiv an Ihrer Rezension ist, dass Sie trotz aller Kritik an der Beweisführung des Autors faire vier Sterne vergeben.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.03.2014 02:40:02 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 25.05.2014 20:03:42 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.03.2014 10:50:21 GMT+01:00
J. Voswinkel meint:
@ Lena
Danke für die freundliche Antwort mit den ausführlichen Erläuterungen und den interessanten Tipps.
Das Buch „Die egoistische Information“ werde ich auf jeden Fall lesen.

J.Voswinkel

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.05.2014 14:11:39 GMT+02:00
Sehr schöne Rezension, besonders bemerkenswert finde ich den Verweis auf den 2. HS der Thermodynamik als Vorraussetzung des Lebens. Ich bin "verhinderter" Physiker und stattdessen Nervenarzt und verfolge dieses Konzept auch zur alternativen Erklärung verschiedener psychiatrischer Phänomene. Tut man das konsequent so erscheint Psychotherapie, Massenhysterie, Third-man-Phänomen, Telepathie und Telekinese, Reinkarnation unter einem ganz anderen zwanglos naturwisschenaftlich erklärbaren Licht. Die Voraussetzung des Lebens (Seele?/Geist?) ist eine Energieform, die nicht unbegrenzt verfügbar ist, mit dem Tod entsprechend 1. HS der Thermodynamik nicht verschwindet. Möglicherweise ein Quantenfeld? Biologische Systeme und deren Stoffwechsel wandeln chemische Energien um, um diese postulierte Energie in einer Art Cloud in der Nähe ihres Zentrums zu konzentrieren, damit die Entropie zu reduzieren.
Sollten Sie an einem weiteren Austausch zum Thema interessiert sein, senden Sie mir eine mail an th.schwerdtfeger62@gmail.com
mfG
TS
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

4.4 von 5 Sternen (8 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (4)
4 Sterne:
 (3)
3 Sterne:
 (1)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
Gebraucht & neu ab: EUR 2,97
Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Top-Rezensenten Rang: 86