Kundenrezension

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Jane Eyre: Zwei Literaturadaptionen im Vergleich (2006 und 2011), 22. Februar 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Jane Eyre (DVD)
Die Handlung
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Jane Eyre wächst bei Verwandten auf, die sie leider mehr als stiefmütterlich behandeln und schon bald in eine Erziehungsanstalt abschieben. Dort verbleibt sie, bis sie den strengen Erzieherinnen, den demütigenden Strafen und der beengten Umgebung entkommen kann, indem sie sich als Jugendliche zur Gouvernante ausbilden lässt. Sie findet eine Anstellung bei Mr. Rochester auf seinem Herrensitz Thornfield Hall. Dort soll sie sich um seinen Mündel, ein kleines französisches Mädchen, und deren Erziehung kümmern. Mr. Rochester selbst reist viel und ist somit oft monatelang nicht zu Hause - wenn er nicht durch Abwesenheit glänzt gibt er sich gerne zynisch und abgebrüht. Was Jane nicht weiß: Rochesters äußere Fassade trügt, denn der Hausherr von Thornfield Hall hat etwas zu verbergen...

Der Film
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Da ich auch die Adaption von 2006 mit Ruth Wilson als Jane und Toby Stephens als Rochester gesehen habe, werde ich wohl im Folgenden beide Versionen leider häufiger vergleichen. Wer darauf keinen Wert legt, kann die Rezension gerne überspringen und sich den anderen hier schon geposteten Bewertungen zuwenden.

Der Film besticht mit schöner Cinematographie, die vor allem durch häufig lichtdurchflutete Räume ensteht und somit einen (meiner Meinung nach) angenehmen Kontrast zur düsteren Version von 2006 bildet. Die Düsterheit der früheren Adaption trug aber auch dazu bei, die mysteriöse Grundstimmung der Geschichte zu transportieren - und gerade die bleibt in dieser Version von 2011 etwas auf der Strecke.

Darstellerisch überzeugen mich Mia Wasikowska und Michael Fassbender als Jane und Rochester absolut. Ruth Wilson und vor allem Toby Stephens aus der 2006er TV-Serie spielten zwar auch gut, ihre dargestellten Charaktere kamen mir aber gleichzeitig sehr gequält vor (was angesichts der Umstände innerhalb der Handlung aber natürlich eigentlich nicht verwunderlich ist). Zusammen mit der dunklen Grundstimmung in der 2006er Adaption macht einen das fast schon depressiv. Daher habe ich mich auch sehr über die luftigere, sonnigere Atmosphäre der Version von 2011 gefreut. Fassbender als Rochester gefällt mir besser als Toby Stephens - anstatt nur gereizt und gequält von seiner Vergangenheit zu sein, ist Fassbenders Rochester in manchen Momenten wesentlich entspannter und offener in Bezug auf Jane, insgesamt in meinen Augen also menschlicher als die doch etwas steifere Interpretation von Stephens. Auch Mia Wasikowska spielt mit mehr Verve als Ruth Wilson: Ihre Jane ist freundlich, aber bestimmt; dienstfertig, aber auch nicht ohne Stolz; klug und mitfühlend - wohingegen mir Wilson in vielen Situationen als Jane Eyre zu unsicher und schüchtern schien.

Eine sehr gute Nebenrollenbesetzung ist Judi Dench als Mrs. Fairfax. Dench strahlt in ihrem Schauspiel hier wie immer so viel Herzlichkeit und Gutmütigkeit aus, dass es leicht zu glauben ist, wie schnell sich Jane auf Thornfield Hall integriert. Mrs. Fairfax bildet damit einen positiven, optimistischen Kontrapunkt zu den tragischen Ereignissen, die im Laufe der Geschichte noch auftreten. Die Mrs. Fairfax von 2006 hingegen war darstellerisch blasser und ist mir ehrlich gesagt nicht wirklich im Gedächtnis geblieben.

Was mir bei dieser Version aber unangenehm aufgefallen ist, ist die Geschwindigkeit, mit der hier durch den Plot gallopiert wird. Sicherlich, ein Vergleich zu 2011 wäre hier unfair - die 2011er Adaption muss die Handlung für einen Kinofilm auf etwas mehr als zwei Stunden runterbrechen, während man 2006 mit der TV-Serie ein vollkommen anderes Format hatte. Trotzdem fällt auf, dass der Handlung in der Version von 2006 das Serienformat sehr gut getan hatte: Es wurde mehr Spannung aufgebaut, die Beziehung von Jane zu Rochester war nachvollziehbarer, soweit ich mich erinnern kann wurde sogar zu Rochesters Geheimnis sehr viel mehr Hintergrundinformation geboten. Damit kann ein Kinofilm aufgrund der komprimierten Länge und resultierenden Beschränktheit natürlich nicht dienen. Es wäre aber sicher doch hilfreich gewesen, noch ein paar Minuten mehr zu investieren, um wenigstens der aufkeimenden Zuneigung zwischen Jane und Rochester etwas mehr Platz zu geben.

Sehr gut gefallen hat mir die Erzählweise, mit Janes Aufenthalt bei den St. Johns anzufangen und diesen Handlungsstrang sozusagen als Klammer zu nutzen, um Janes Kindheit und erste Zeit auf Thornfield Hall in Form von Rückblenden zu erzählen. Jamie Bell als Pfarrer St. John hat das Beste aus seiner Rolle herausgeholt - auch wenn hier wieder aufgrund der zeitlichen Begrenzung eine aufkeimende Zuneigung etwas plötzlich als solche dargestellt wird. Seine Empfindungen für Jane hat man Andrew Buchan (der 2006er St. John) deshalb vielleicht insgesamt etwas eher abgenommen. Dass Jamie Bell durch die erzählerische Klammer einmal ganz am Anfang des Films und dann erst wieder gegen Ende auftaucht hilft da leider nicht viel - diese Zerstückelung ist zwar für den Gesamtplot geschickt, aber nicht für die (zugegebenermaßen) in der Gesamthandlung doch eher nebensächlichen Sympathie St. Johns für Jane. Dafür kann Jamie Bell aber natürlich nichts. [EDIT: Ich merke gerade, dass es in der literarischen Vorlage mit St. Johns Gefühlen wohl doch nicht so weit her war (ich kenne das Buch leider nicht) und hatte mich schon gewundert, warum Jamie Bell als St. John gegenüber Jane im Laufe der Handlung so dominant und letztendlich wenig feinfühlig auftritt...]

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FAZIT

Eine an manchen Stellen ziemlich gehetzte Handlung macht es wahrscheinlich für einige nötig, sich vor dem Ansehen des Films etwas intensiver mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, um gerade im ersten Drittel nicht verwirrt zu werden (wie und warum Jane Eyre ausgerechnet nach Thornfield Hall kommt, wird zum Beispiel nicht deutlich). Ansonsten ist diese Verfilmung von Jane Eyre aber eine sehr schöne, optisch toll umgesetzte Filmversion mit guten Schauspielern, bei der sich das Anschauen schon allein zum Vergleich mit früheren Versionen sehr wohl lohnt.
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Von 2 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.03.2014 10:43:44 GMT+01:00
Hallo Chris,

bin auch ein fleißiger Sammler von "Jane Eyre"-Verfilmungen und finde die Darsteller dieser Adaption sehr überzeugend - vor allem die beiden Hauptdarsteller!
Was das Tempo angeht - das ist für jemanden, der völlig unbedarft den Film angesehen hat, garantiert zu schnell. Ich hatte das Glück, den Film im Kino anzusehen und habe danach einige ratlose Gesichter in den Zuschauerreihen erblickt! Aber falls man dadurch angeregt wird, mehr über die eigentliche Geschichte zu erfahren und Jane Eyre auch als Lektüre genießt, ist trotzdem viel gewonnen!

Die erwähnte 2006er Verfilmung ist natürlich viel ausführlicher und romantisch-schaurig. Genauer und auch überzeugender ist jedoch die relativ unbekannte und leider auch bildlich etwas blasse "80er Jane Eyre" mit Timothy Dalton, der einigen noch als James Bond Darsteller bekannt sein dürfte. Hier wird die Figur des St. John auch gemäß der literarischen Vorlage dargestellt, denn vom Aussehen dürfte diese Figur nicht minder attraktiv aussehen als der geliebte Mr. Rochester, im Gegenteil: Charlotte Bronte bescheinigt ihm sogar ein recht klassisches Profil! Aber kalt muss der Rivale sein und mit religiöser Grausamkeit der armen Jane recht zusetzen!

Die Rezension gefällt mir sehr gut, obwohl ich es manchmal etwas kritisch finde, wenn man direkt zwei Verfilmungen miteinander vergleicht, weil man dadurch vielleicht zu viel Vorwissen des Lesers voraussetzt.

Einen guten Wochenstart wünscht

Tanja Heckendorn

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.03.2014 15:04:04 GMT+01:00
chris meint:
Hallo liebe Frau Heckendorn,

einen Vergleich zu schreiben hatte ich anfangs eigentlich gar nicht geplant, aber dann sind die Pferde doch mit mir durchgegangen und ich konnte nicht widerstehen ;) Film- oder Literaturvergleiche sind einfach so interessant! Zum Glück sind ja noch viele andere gute Rezensionen da, die sich ausschließlich mit der 2011er Version beschäftigen.

Das schnelle Erzähltempo ist bei Kinoversionen wahrscheinlich fast immer ein Problem. Neulich habe ich mir zwei Fassungen von "Great Expectations" auf DVD gegönnt - die 2011er BBC-Serie Great Expectations - Große Erwartungen und den 2012er Kinofilm Große Erwartungen. Ich glaube, dazu haben Sie auch schon rezensiert? Die Kinofassung ist ziemlich durch die Handlung gesaust (der spannende Erzählstrang um Orlick wurde komplett vernachlässigt). Letztendlich hat mir die Serie (nicht nur wegen der langsameren Erzählweise) besser gefallen. Die einzige period drama-Adaption die mir einfällt bei der das Weglassen eines Handlungsstranges das Gesamtergebnis nicht beeinträchtigt hat und die Erzählgeschwindigkeit angemessen war ist der bezaubernde 2005er Oliver Twist Kinofilm von Polanski.

Ihnen auch einen guten Start in die Woche!
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