Kundenrezension

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sehr lesenswert aber am Ende leider fehlerhaft!, 29. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (edition unseld) (Taschenbuch)
ALLGEMEIN: sehr gut zu lesendes Büchlein mit ca. 140 Seiten!!! Die beiden Hauptkapitel

1. Die Natur und
2. Die Menschenwelt

unterteilen sich in 14 bzw. 7 weitere Kapitel, in welchen ausgehend vom heutigen Paradigma Das "Haus der Natur" analysiert wird. Ebenso die Vorstellung von Ökologie, Evolution, vom Faktor Zeit, Stoffwechsel der Lebewesen u.v.m.

POSITIV: Es ist insgesamt sehr lesenswert, wenn man sich mit dem ganzen Themenkomplex auseinandersetzen will. Der Autor hat dazu sehr gut vorgelegt und breitet seine Sichtweisen über weite Strecken hin gut nachvollziehbar aus, so dass man seine Überlegungen neugierig unter die Lupe nehmen kann. Zu 80 bis 90% greift seine Logik bei mir auch, bevor er dann doch noch anfängt etwas groben Sand ins Getriebe seines gedanklichen Räderwerkes zu streuen.

KRITIKPUNKTE: ...ab dann knirscht es mächtig. Wie man einigen kritischen Rezensionen hier schon entnehmen kann, sind anderen Lesern auch mehrere Kritikpunkte aufgefallen, was die Schlussfolgerungen von Josef H. Reichholf betrifft, z.B. sein Fatalismus. Ich würde diesen noch etwas hinzufügen wollen.

Während er im 1. Teil des Buches ein überzeugendes Plädoyer für "stabile Ungleichgewichte" anstelle des alten Denkens in "Gleichgewichten" entwickelt, deutet er im 2. Teil zunächst an, dass sich "nachhaltiges Wirtschaften" nicht mit "Konkurrenz" auf "Märkten" verträgt, denn wer ökologisch umsichtig handelt und dabei auf Profit verzichtet, gerät im Markt ins Hintertreffen und schadet sich selbst, was wiederum dem Ziel der Evolution, für die eigene genetische Reproduktion und den Arterhalt zu sorgen, entgegen steht. (* Auf diesen Widerspruch komme ich unten noch zurück!!!)

Weiter hinten im Text benennt er dann sogar, dass "Kapitalismus" als Gesellschaftsmodell ein ernsthaftes Problem darstellt, da er sich nicht mit der energetischen Frage eines sinnvollen, Maß haltenden Stoffwechsels des Menschen mit der Natur verträgt. Er macht das an "Egoismus" (immer mehr haben wollen) fest. Ersteres kann ich 100%ig nachvollziehen. Letzteres finde ich als Grund allerdings unzureichend.

[Ich würde es anders formulieren: Kapitalismus (Prinzip des unendlichen Wachstum per Verwertung eines abstrakten Wertes) widerspricht der Evolution und den Grundprinzipien des Universums, weil sich Energie nur wandeln, aber nicht vermehren kann und gleichzeitig alle stofflichen Räume endlich sind.]

Daraus resultiert dann auch mein Kritikpunkt, weil weder im folgenden Kapitel wie "Ungleichgewichte sind die Zukunft" noch dem abschließenden "Ausblick" wird das vom Autor berücksichtigt.

Diese wichtige Erkenntnis, dass die Menschen sich nicht adäquat der Natur und Evolution gesellschaftlich konstituiert haben, wird komplett ausgeblendet. So bleibt Reichholf auch der Gedanke verborgen, dass die Menschen sich ja auch anders organisieren könnten. Seine fatalistischen Schlussfolgerungen wären nur dann richtig, wenn die Menschen das nicht erkennen und danach handeln - also die Wertkonstitution nicht ändern. Das hat mit dem energetischen Stoffwechsel selbst nämlich zunächst mal gar nichts zu tun, sondern vielmehr mit Machtverhältnissen und dem Ablauf der menschlichen Geschichte. Die macht Reichholf leider fälschlicherweise an einer Art Sozialdarwinismus fest. Seine Formulierungen erscheinen mir so, als würde er die Triebkraft der menschliche Geschichte ausschließlich am Energiestoffwechsel mit der Natur festmachen und daher einfach die Prinzipien der Natur und Evolution 1:1 auf die Gesellschaft übertragen können.

Wer sich etwas mit kritischer Gesellschaftstheorie auskennt wird bestätigen, dass dieser Ansatz inzwischen als unhaltbar gilt und x-fach widerlegt ist. Biologische Naturphänomene lassen sich eben gerade nicht 1:1 einfach auf soziale Verhältnisse und die Geschichte des Menschen übertragen, weil der Mensch selbstreflexiv denken und handelt kann. Er ist nicht nur auf seine Gene und Instinkte angewiesen. Er kennt abstrakte Entitäten wie Philosophie, Mathematik und Wissenschaften. Er schreibt seine Geschichte auf und könnte daraus einiges lernen, um Fehler nicht unnötig zu wiederholen. Somit kann er zwar nicht die Evolution an sich, aber zumindest die bisherigen Prinzipien der Evolution verändern, was eine neue Qualität darstellt und ihn von Tieren unterscheidet.

So meint Reichholf z.B. irrigerweiße, dass "Kommunismus mit seinem Gleichheitsprinzip" das Problem (Energiestoffwechsel Mensch/Natur) auch nie habe lösen können. Spätestens an der Stelle fragte ich mich, wie er darauf kommt? Das leitet sich logisch aus allen vorangegangenen Kapiteln nämlich nicht ab, sondern lässt vielmehr auf eine ideologische Voreingenommenheit und Fehlinterpretation schließen. Abgesehen davon, dass keine Gesellschaft bisher einen so hohen Produktivitätsstandard und Organisationsgrad der Vergesellschaftung erreicht hat, dass echter Kommunismus möglich gewesen wäre - von sozialen Machtverhältnissen und dem dazu nötigen Bewusstsein ganz zu schweigen - waren bisherige Systeme, die sich als "kommunistisch" oder "sozialistisch" bezeichnet und legitimiert haben, ebenso auf den kapitalistischen Basiskategorien (Arbeit, Ware, Geld) aufgebaut. Deshalb wurde dort die Natur oft ebenso ausgebeutet und Naturschutzgesetze missachtet, wie im normalen Kapitalismus auch, zumal man ja auf dem Weltmarkt immer in Konkurrenz mit dem vermeintlich "anderen System" blieb und irgendwie "mithalten" musste.

Seine finale Schlussfolgerung ist also leider zum Teil falsch. Sein Wissen bezüglich sozialer Verhältnisse scheint zu stark unterrepräsentiert zu sein. Da ist Reichholf leider (fast) betriebsblind. So ist das Buch leider nur sehr eingeschränkt als Referenz zu empfehlen und nicht die runde Sache, wie ich gehofft habe. Das gibt zwei Sterne Abzug. Schade.
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Dass es im Kapitalismus mit dem Wertschöpfungsprinzip und dessen allgemeiner Verkehrsform (Geld) etwas gibt, was ein rein gesellschaftlich konstituiertes, abstraktes Zahlenwerk ist - mit dem Ziel der Kapitalakkumulation - steht in völligem Gegensatz zur Natur des Universums - denn dort gibt es so etwas nicht. Das ist der Grund (siehe * oben), warum er diesen antagonistischen Widerspruch zwar erkennt und halbwegs formulieren, aber nicht auflösen kann. Nur wenn man glaubt, Kapitalismus sei quasi selbst naturwüchsig entstanden, ist man auch derart befangen und glaubt, es handele sich dabei um "Grundprinzipen der Welt", die man einfach auch auf "soziale Systeme" übertragen könne (wie auch ein anderer Rezent meint). Daraus erklärt sich also seine partielle Betriebsblindheit. Die teilt er ja leider mit politischen Parteien (DIE GRÜNEN) und weiten Teilen der Ökologiebewegung, die oft noch im Einklang mit dem Kapital ein "grünes Wachstum" postulieren. Ich hoffe neue Einsichten kommen bald - sonst kann es irgendwann wirklich zu spät sein.

FAZIT: ...abgesehen vom benannten Mangel an gesellschaftstheoretischen Zusammenhängen am Ende, ist dieses Büchlein sehr lesenswert, kurzweilig und bietet zahlreiche Stellen zum Zitieren...!!! Die Kernaussage mit den "stabilen Ungleichgewichten" als ein Lösungsansatz ist für mich nachvollziehbar. Eine Stelle gefällt mir besonders: '"...Zustände des Mangels (sind) die Antwort auf das Schwinden der Möglichkeiten." Das sagt er zwar in Bezug auf ökologische Systeme ' doch dass trifft auch für die schwindenden Verwertungsmöglichkeiten des Kapitalismus zu...kann ja jeder mal selbst drüber nachdenken warum das so ist...
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