Kundenrezension

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4.0 von 5 Sternen Quanten- mit Seitensprung, 21. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Quantensprung des Denkens: Was wir von der modernen Physik lernen können (Taschenbuch)
Dass Naturwissenschaftler, die an den Grenzen des menschlichen Wissens und Verstehens zu Hause sind, über kurz oder lang zu Philosophen werden, ist man seit Einstein oder Heisenberg längst gewohnt. Dass jemand den umgekehrten Weg beschreitet, ist dagegen eher ungewöhnlich. Die Philosophin Natalie Knapp ist so eine Wandlerin zwischen den Wissenschaften, die versucht, Probleme, Denkweise und Lösungsansätze der Quantenmechanik für die Allgemeinheit nutzbar zu machen. Ein sehr interessantes Interview, dass sie anlässlich ihres neuen Buches "Kompass neues Denken" der SZ gegeben hat, hat mich veranlasst, erst einmal den "Quantensprung des Denkens" zu lesen, eine Zweitverwertung ihres ersten Buchs "anders denken lernen".

Es beginnt mit einer Einführung in die Quantenmechanik, also die Wissenschaft, die den Aufbau der Materie zu entschlüsseln versucht. Wir werden sehr behutsam an das Problem herangeführt, dass unser materialistisches, von Newtons Mechanik geprägtes Weltbild nur dann etwas als wahr und wirklich anerkennt, wenn es mess- und beweisbar ist. Die Fragen, die die Quantenmechanik aufwirft, gehen weit über diese vertraute Denkweise hinaus. Das betrifft nicht nur den Welle-Teilchen Dualismus der Materie, der ja inzwischen Schulwissen geworden ist, sondern z.B. auch die Informationsübertragung zwischen einzelnen Partikeln, die eigentlich voneinander eigentlich nichts wissen sollten. Auch die Relativitätstheorie, die zum Verständnis von Aufbau und Historie des Universums erforderlich ist, wird kurz gestreift.

Nathalie Knapp belegt sehr schön, wie sich das Überbordwerfen überkommener Weltbilder segensreich dazu beigetragen hat, das Verständnis der Welt weiterzuentwickeln. Im Falle von Quantenmechanik und Relativitätstheorie scheinen wir aber an einem Punkt angekommen zu sein, wo es nicht richtig weitergeht. Newtons Mechanik deckte sich damals mit dem, was seine Zeitgenossen mit ihrer Vorstellungskraft erfassen können, während uns heute das Verlassen unserer Vorstellungen von Raum und Zeit größte Schwierigkeiten macht. (Schließlich werden wir, aus Sicht der Evolution gesehen, immer noch mit dem gleichen Gehirn geboren, das uns als Jäger und Sammler hat überleben lassen.) Sehr hilfreich beim Verständnis dieser Problematik ist dabei Abbotts Flächenland-Gleichnis, das die Autorin sehr schön erklärt. Wir können es uns jetzt zwar immer noch nicht vorstellen, sind aber wenigstens davon überzeugt, dass Raum und Zeit weitere Dimensionen zugefügt werden können.

Das Buch schließt mit zahlreichen Anregungen, in welche neuen "Dimensionen" wir unser Denken erweitern könnten und sollten. Angesichts der begrenzten Ressourcen der Erde ist das vor allem eine Abkehr vom rein materialistischen Denken und Streben. Wir haben als Menschheit eine Grenze erreicht, wo wir es uns nicht mehr leisten können, als Individuen möglichst viel zu besitzen und zu verbrauchen, sondern müssen lernen, unsere Erfüllung im Immateriellen zu suchen. Dazu gehört zum Beispiel die Pflege der Beziehungen untereinander, weil diese die Grundlage unserer Zivilisation sind (damit meint sie aber nicht die Akquisition von möglichst vielen Facebookfreunden). Das wird noch ergänzt durch einige praktische Ratschläge, neue Ideen zu katalysieren. Davon hat mir einer besonders gut gefallen, nämlich der, sich zu eigenen Geistesblitzen und Durchbrüchen der Vergangenheit zu überlegen, in welchen Situationen sie einem zugeflogen sind, und aus dieser Zusammenstellung möglichst kreativitätsfördernde persönliche Konditionen abzuleiten. Eine Methode, die wahrscheinlich dann am besten dann greift, wenn die eigene Kreativitätsphase noch nicht zu lange zurück liegt, leider...

Nun zu den Dingen, die mir nicht gefallen haben. Zunächst eine mehr ästhetische Kleinigkeit: Natalie Knapp neigt zum Einschieben von Fußnoten, nicht um auf die Quellen hinzuweisen, sondern um Gedanken unterzubringen, die den Erzählfluss stören könnten. Mich hindern solche Fußnoten beim Lesen. Entweder man überspringt sie, weil sie eben nicht unmittelbar zum Thema gehören, aber dann liest man sie doch, wenn man unten auf der Seite angekommen ist, und dann stören sie erst recht. Oder man liest sie gleich, und dann wären sie im Fließtext besser aufgehoben gewesen. Und in den allermeisten Fällen wäre es meiner Ansicht nach überhaupt kein Problem gewesen, den Inhalt der Fußnoten in den Fließtext zu integrieren.

Etwas anderes kann ich allerdings nicht mehr als Geschmackssache betrachten: Im Kapitel "Strukturen des Denkens ändern" werden wir überrascht mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Forschungen von Fritz-Albert Popp, dem Entdecker der Biophotonenstrahlung. Als solche wird ein extrem schwaches, nur unter allergrößtem Aufwand messbares Licht bezeichnet, das von lebender Materie abgesondert wird und das Popp als einziges verlässliches Qualitätsmerkmal unserer Nahrung identifiziert hat.

Meine Meinung zu F. A. Popps Buch "Die Botschaft der Nahrung", auf das sich Natalie Knapp beruft, kann in meiner Rezension zur Taschenbuchausgabe von 1996 nachgelesen werden. An dieser Stelle möchte ich nur sagen, dass das Überbordwerfen bestehender Weltbilder allein noch kein Qualitätsmerkmal ist, und dass nicht jedes Verlassen ausgetretener Wanderpfade auf fruchtbare Almen oder neue Höhen führt , sondern häufig nur auf abschüssige Geröllhalden. Nicht jede Ablehnung durch die etablierte Wissenschaftsgemeinde macht den Betroffenen notwendigerweise zum Heilsbringer, und F.-A. Popp gehört nicht in die Gesellschaft von Heisenberg, Einstein, Schrödinger oder Planck, wie das Quellenverzeichnis des "Quantensprung..." es nahelegt.

Vielleicht ist es ja auch das Mitleid mit einem wissenschaftlichen Outcast, das Frau Knapp Herrn Popp zur Seite eilen lässt, was ihr natürlich zur Ehre gereichen würde. Doch lehnt sie sich dabei viel zu weit zum Fenster heraus: Wenn sie schreibt "Inzwischen wird die Biophotonenstrahlung weltweit anerkannt", ist mir nicht klar, was sie mit "weltweit" meint. Möglicherweise ist es die weltweite Gemeinde der Alternativwissenschaftler und -mediziner, wobei sie aber in einer Fußnote anmerkt, dass die Biophotonenstrahlung von allerlei Quacksalbern unzulässigerweise vereinnahmt wird (von wem denn bitte sonst??). Wenn man das Stichwort bei Google eingibt, finden sich ausschließlich Treffer weit abseits der Schulwissenschaft, während etablierte Forscher wie z.B. die vom Max-Planck-Institut für Biophysik sich hier völlig bedeckt halten. Also kann von weltweiter Anerkennung wahrlich keine Rede sein, und indem sie ausgerechnet F.-A. Popp als Beispiel dafür heranzieht, wie ungerecht Forschungsgelder zugeteilt werden, macht sie die eigenen naturwissenschaftlichen Ausführungen angreifbar. Schade, denn ansonsten ist "Der Quantensprung des Denkens" ein höchst lesenswertes Buch.
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Felix Richter
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