13 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
"totale Kasteiung", 18. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Nach Rom zu Fuß. Geschichte einer Pilgerreise (Gebundene Ausgabe)
Um es vorwegzunehmen: Christian Jostmann ist kein erfahrener Fernwanderer und kein Pilger im eigentlichen Sinne. Für diese beiden Adressatenkreise ist das Buch kaum geeignet. Die Motive seiner Reise weiß der Autor in mystisches Dunkel zu hüllen. Zunächst war es schlicht eine Idee, später tritt ein geheimnisvolles Gelübde hinzu. Ansonsten zeichnet sich der Autor durch eine merkwürdige Distanz zum Thema Religion aus: So erklärt er, "als 'ein aufgeklärter Mensch nicht an die Kraft der Apostelreliquien" zu glauben, vergleicht Gottesdienste mit Aktionärsversammlungen oder spricht von einem Pfarrer und '"seinem'" Gott. Auf der anderen Seite sammelt er fleißig Pilgerstempel, klopft an Klosterpforten und erwartet mit dem Geleitbrief seines Pfarrers unter dem Schein der frommen Wallfahrt gastfreundliche Aufnahme. '"So ein Scheinheiliger"' - was Jostmann über einen lombardischen Bauern schreibt, fällt auf ihn selbst zurück. Zumal dort, wo er seinen Weggenossen und Zufallsbegegnungen mit bornierter Reserviertheit gegenübertritt. Rentnergruppen umschwirren ihn '"wie ein Schwarm Fliegen"', Venedigwanderer degradiert er zu '"Grasslers Jüngern'", ein freundliches Ehepaar zu '"Genußwanderern"'. Dieser Spezies aber steht der Autor nach eigenem Bekunden denkbar fern. Seine Tour beschreibt er mehrfach als "totale Kasteiung". Der unvermeidliche Wechsel zwischen Herausforderung und Glückserlebnis -' für andere der besondere Reiz des Pilgerns '- gerät ihm zu Mühsal und Qual: '"Den vierzigsten Tag"', so klagt er an einer Stelle, sei er '"heute auf der Straße, ebensolange wie Jesus in der Wüste war, den Versuchungen des ewigen Widersachers ausgesetzt'". Sieben Prüfungen - 'Bremsen, Verkehr, Hitze, Durst, Fußschmerzen, Heimweh und ein streitsüchtiges Weib habe der Herrgott ihm geschickt. Dieses Lamento zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, obwohl Jostmann durchaus über eine anständige Barschaft verfügt und sich sogar von seinem Vater frische Wäsche nach Verona liefern läßt. Den Leser beschleicht das Gefühl, die Welt bewege sich zwar unter Jostmanns Füßen hinweg, er selbst aber verharre weitgehend auf seinem eigenen Standpunkt. Diese starre Perspektive hat freilich etwas durchaus Unterhaltsames. Sieht man von bildungsbürgerlichen Stileskapaden -' wenn etwa der '"brave Seume"' zitiert wird - ab, so erschließt sich einiges vom Innenleben eines Wanderers, der die Eindrücke seines Weges präzise beschreibt und einordnet. Sie mitzuerleben gelingt dem Leser umso leichter, als er unabhängig von der Sympathiefrage zweifellos Facetten seiner eigenen Erfahrungen im Text wiederfindet. Insofern eignet sich das Buch für alle, aus welchen Gründen auch immer, Daheimgebliebenen, die an der Seite Jostmanns eine virtuelle Pilgerfahrt unternehmen und darüber hinaus zum Bildungserlebnis gestalten wollen. Wem Stil und Marschtempo des Autors nicht zusagen, der möge '- Jostmann selbst macht es mehrfach vor -' seine Reisebegleitung getrost stehen lassen und eigene Wege beschreiten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
Nach Rom zu Fuß. Geschichte einer Pilgerreise 3406557392
Christian Jostmann
Beck
Nach Rom zu Fuß. Geschichte einer Pilgerreise
Alle Produkte
"totale Kasteiung"
Um es vorwegzunehmen: Christian Jostmann ist kein erfahrener Fernwanderer und kein Pilger im eigentlichen Sinne. Für diese beiden Adressatenkreise ist das Buch kaum geeignet. Die Motive seiner Reise weiß der Autor in mystisches Dunkel zu hüllen. Zunächst war es schlicht eine Idee, später tritt ein geheimnisvolles Gelübde hinzu. Ansonsten zeichnet sich der Autor durch eine merkwürdige Distanz zum Thema Religion aus: So erklärt er, "als 'ein aufgeklärter Mensch nicht an die Kraft der Apostelreliquien" zu glauben, vergleicht Gottesdienste mit Aktionärsversammlungen oder spricht von einem Pfarrer und '"seinem'" Gott. Auf der anderen Seite sammelt er fleißig Pilgerstempel, klopft an Klosterpforten und erwartet mit dem Geleitbrief seines Pfarrers unter dem Schein der frommen Wallfahrt gastfreundliche Aufnahme. '"So ein Scheinheiliger"' - was Jostmann über einen lombardischen Bauern schreibt, fällt auf ihn selbst zurück. Zumal dort, wo er seinen Weggenossen und Zufallsbegegnungen mit bornierter Reserviertheit gegenübertritt. Rentnergruppen umschwirren ihn '"wie ein Schwarm Fliegen"', Venedigwanderer degradiert er zu '"Grasslers Jüngern'", ein freundliches Ehepaar zu '"Genußwanderern"'. Dieser Spezies aber steht der Autor nach eigenem Bekunden denkbar fern. Seine Tour beschreibt er mehrfach als "totale Kasteiung". Der unvermeidliche Wechsel zwischen Herausforderung und Glückserlebnis -' für andere der besondere Reiz des Pilgerns '- gerät ihm zu Mühsal und Qual: '"Den vierzigsten Tag"', so klagt er an einer Stelle, sei er '"heute auf der Straße, ebensolange wie Jesus in der Wüste war, den Versuchungen des ewigen Widersachers ausgesetzt'". Sieben Prüfungen - 'Bremsen, Verkehr, Hitze, Durst, Fußschmerzen, Heimweh und ein streitsüchtiges Weib habe der Herrgott ihm geschickt. Dieses Lamento zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, obwohl Jostmann durchaus über eine anständige Barschaft verfügt und sich sogar von seinem Vater frische Wäsche nach Verona liefern läßt. Den Leser beschleicht das Gefühl, die Welt bewege sich zwar unter Jostmanns Füßen hinweg, er selbst aber verharre weitgehend auf seinem eigenen Standpunkt. Diese starre Perspektive hat freilich etwas durchaus Unterhaltsames. Sieht man von bildungsbürgerlichen Stileskapaden -' wenn etwa der '"brave Seume"' zitiert wird - ab, so erschließt sich einiges vom Innenleben eines Wanderers, der die Eindrücke seines Weges präzise beschreibt und einordnet. Sie mitzuerleben gelingt dem Leser umso leichter, als er unabhängig von der Sympathiefrage zweifellos Facetten seiner eigenen Erfahrungen im Text wiederfindet. Insofern eignet sich das Buch für alle, aus welchen Gründen auch immer, Daheimgebliebenen, die an der Seite Jostmanns eine virtuelle Pilgerfahrt unternehmen und darüber hinaus zum Bildungserlebnis gestalten wollen. Wem Stil und Marschtempo des Autors nicht zusagen, der möge '- Jostmann selbst macht es mehrfach vor -' seine Reisebegleitung getrost stehen lassen und eigene Wege beschreiten.
Südpol-Redaktion
18. August 2007
- Insgesamt:
5

|
Details
Top-Rezensenten Rang: 2.300.628
|