Kundenrezension

22 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Am Ende fragt man sich ..., 7. April 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. (Gebundene Ausgabe)
was wollen die Autoren mir eigentlich sagen.
Die vier Autoren wollen nach eigener Aussage mit ihrer Polemik eine Sachdiskussion anstossen, die ihrer Meinung nach längst überfällig ist. Und zwar über Sinn und Unsinn staatlicher Kulturförderung. Doch haben wir diese Diskussion angesichts leerer öffentlicher Kassen nciht längst? Ja, schon, nur leider an der falschen Stelle, meinen die Autoren. Und wollen das ändern. Und haben deshalb dieses Buch geschrieben.
Dass die staatliche Kulturförderung nciht nur Gutes bringt, liegt auf der Hand, Überförderung hier, fehlerhafte Kontrolle dort und Unterförderung allerorten. Von daher ist eigentlich jeder konstruktive Diskussionsbeitrag zu begrüßen. Ob dieses Buch einer ist, ist aber fraglich.
Denn leider schauen die vier Autoren nciht genauer hin, sondern scheren alle über einen Kamm: Kunst, Theater, Literatur, Museen, Volkshochschulen, Soziokultur, Denkmalschutz, Musik, Film usw. usf.. Alles sublimiert unter dem Begriff "Kultur". Hier liegt das erste große Manko dieses Buches: Die Autoren differenzieren nciht. Besonder deutlich wird das an den Begriffen "Kunst" und "Kultur", beide werden oft synonym gebraucht. Fast so als wäre Kultur nur Kunst und als wäre jede Kunst auch Kultur. Dabei umfasst der Kulturbegriff doch viel mehr als nur künstlerisches schaffen. Die Autoren wissen das auch, setzen Kunst und Kultur aber dennoch gleich. Ich persönlich fand das beim Lesen höchst ärgerlich.
Aus dieser Gleichsetzung ergeben sich dann auch erhebliche Unschärfen in der Argumentation. Denn unterschiedliche Kultureinrichtungen arbeiten auch unterschiedlich. Ein Theater hat andere Aufgaben als ein Museum oder eine Volkshochschule und arbeitet auch anders als diese. Davon findet sich kein Wort im vorliegenden Buch. Diese fehlende Unterscheidung zwischen verschiedenen Kulturträgern entwertet so die oft pauschalen und pauschalisiernden Urteile der Autoren. Die z. T. guten Anfangsüberlegungen verpuffen so.
Denn die Überlegungen der Autoren führen an sich in die richtige Richtung, nciht mehr alles fördern, sondern gezielt fördern und sinnvolle Strukturen schaffen, die die Förderung Einzelner überflüssig machen. Das ist richtig gedacht, aber neu ist dieser Ansatz nciht. Gerade im Kulturbereich werden seit vielen Jahren eher Verbund- und Vernetzungsprojekte gefördert anstatt einzelner Großprojekte. Für diesen Denkanstoß hätte es das Buch meines Erachtens nciht gebraucht.
Dazu kommt, dass die Autoren sehr "markthörig" sind, Markt und Wettbewerb würden ihrer Meinung nach schon alles richten. Dabei übersehen sie, dass beispielsweise Museen (die ohnehin zu kurz kommen in diesem Buch) oder soziokulturelle Zentren auch Aufgaben haben, die mittels des Marktes nicht geregelt werden können. Ein Museum besteht eben nciht nur aus seinen Ausstellungen, Vorträgen und der Museumspädagogik, sondern überwiegend aus seinen Sammlungen und der damit verbundenen Arbeit. Welcher Markt sollte das regeln? Oder die Angebote einer Volkshochschule: Wie teuer müßten diese gemäß der Marktmechanismen sein und wer könnte sie dann noch wahrnehmen? (Man beachte dabei die Bedeutung von VOLKShochschule.)
Ein weiteres kommt dazu: Die Autoren stellen vieles fest, zitieren weniges und belegen praktisch nichts. Der Leser muss ihnen einfach glauben, wenn sie einen "Kulturinfarkt" konstatieren, statistische Belege oder gar konkrete Beispiel fehlen meist. Das ist natürlich einfacher und bedient dem polemischen Charakter des Buches. Nur leider provoziert diese Vorgehensweise auch Widerspruch. Ob berechtigt oder unberechtigt ist dabei zunächst zweitrangig. Entscheidend ist, dass viele Feststellungen der Autoren auf deren subjektiven Wahrnehmungen beruhen und nicht auf belastbaren Fakten.
Leider gilt ähnliches für ihre Vorschläge, wie alles besser werden kann. Unter den meisten Vorschlägen konnte ich mir kaum etwas Konretes vorstellen. (Freilich: Das kann auch an mir liegen.) Ihr Potential zum Lösen der Probleme hat sich mir so nciht erschlossen. Hier hätten wenigstens einige konkrete Beispiele dem Buch und der Argumentation sehr gut getan.
Manche der Behauptungen grenzen auch ans Groteske, etwa wenn die Autoren feststellen, dass viele Kulturtreibende es sich auf den Fördercouches bequem gemacht haben. Offenbar haben sie schon lange keinen neuen Job gesucht und kennen die Arbeitsbedingungen nciht mehr. Von bequem kann da keine Rede sein. Auch die Behauptung, Fördergelder wären kaum an konkrete Bestimmungen und Ziele gebunden, entbehrt jeder Grundlage. Wer regelmäßig Fördermittelanträge im Kulturbereich stellt, weiß, wie sehr mittlerweile Wert gelegt wird auf konkrete Zielvereinbarungen.
Kurios ist dagegen der Vorschlag, Kulturförderung zu demokratisieren und regionale Kulturintendanten für zehn Jahre wählen und dann frei schalten und walten zu lassen. Nichts gegen Demokratie, aber wo läge in einem so mächtigen einzelnen Entscheider der Vorteil? Wo wäre das Ausdruck von Demokratie? Warum sollte dieser Mensch nciht zehn Jahre lang seine bevorzugten Freunde und Interessen fördern? Da sind mir die Landesministerien und -Verwaltungen allemal lieber!
Ein weiteres Manko ergibt sich aus dem ersten: die Sprache. Dieses Buch ist weder für Laien noch für "Nicht-Bildungsbürger" geschrieben. Zu viele Fremdworte und Fachbegriffe tummeln sich neben zu vielen intellektuellen Anspielungen in zu sehr verzweigten und verschachtelten Satzkonstruktionen. So geht vieles in einem diffusen Sprachnebel unter. Aber es kann auch sein, dass das gewollt war. Poleik eben.
Was bleibt ist ein Ansatz, der zwar in die richtige Richtung zielt, aber a.) nichts Neues bereit hält und b.) untergeht in dem intellektuellen Nebel von vier im Kulturbereich gut etablierter und situierter Herren.
Einfacher, Klarer, Konkreter hätte am Ende mehr gebracht.
Übrigens: Wie man mit einer Polemik in eine Sachdiskussion einsteigen will, erschliesst sich mehr immer noch nciht.
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