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5.0 von 5 Sternen Spannende Einsichten, 13. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Pompeji. Leben auf dem Vulkan: Katalog zur Ausstellung München / Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung 15.11.2013 - 30.3.2014 (Gebundene Ausgabe)
Eigentlich ist der Titel "Pompeji" etwas verfehlt. Man bekommt nämlich mehr als nur Pompeji mit diesem Buch: Viele andere Städte und Dörfer hat der Vesuv im Laufe der Geschichte verschüttet. Die fruchtbare Erde und die gute Wasserversorgung haben spätestens seit der frühen Bronzezeit eine so hohe Anziehungskraft auf die Menschen gehabt, dass sie sich hier dauerhaft niederließen. Menschliche Fußspuren in der Vulkanasche reichen sogar bis 300.000 Jahre zurück. Diese Erkenntnisse sind das Ergebnis einer sehr fruchtbaren interdisziplinären Kooperation von Archäologen und Geologen, die mittlerweile sehr genau wissen, wie sich die Ausbruchsereignisse im Großraum vesuvphlegräische Felder abgespielt haben. Und unter der Asche haben sich faszinierende (aber auch erschütternde) Zeugnisse der Vergangenheit erhalten. All das wird im ersten Teil behandelt, unterstützt von aussagekräftigen Fotos und Plänen.

Der Hauptteil des Buches befasst sich dann doch mit Pompeji, insbesondere mit der Casa del Manandro und ihren Bewohnern. Der imposante Grundriss zeigt eine ausgesprochen komplexe Architektur, die neben den reichen Besitzern auch einer großen Anzahl Bediensteter Wohnung bot. So lassen sich die sozialen Realitäten vieler Kasten der römischen Gesellschaft sehr anschaulich an diesem einen Beispiel zeigen, zumal gerade die Casa besonders vollständige Kleinfunde erbrachte. Im Obergeschoss gab es Mietwohnungen (die allerdings nicht erhalten sind), sodass auch dieser Aspekt berücksichtigt wird. In einzelnen Kapiteln wird die Funktion des Hauses erklärt, die sich ganz nach den Bedürfnissen der römischen Oberschicht ausrichtet. Wesentlich sind dabei das Patron-Klient-Verhältnis und das Patriarch-Sklaven-Freigelassenen-Verhältnis, denn das sind die Fundamente der römischen Gesellschaft. Die anschaulichen Beiträge zeigen dabei nicht nur die eigentliche Wohnsituation (die wir heute wohl eher als "nicht gemütlich" bezeichnen würden), sondern eben auch das Leben in diesem Haus. Die Möblierung war sparsam, die Räume dunkel und eine Privatsphäre in unserem Verständnis gab es damals auch nicht. Der Haushalt funktionierte mehr wie eine Firma denn als "Familie". Die Oberschicht lebte allerdings in erheblichem Luxus, mit eigenem, prachtvoll dekoriertem Badehaus, kostbarem Geschirr und Möbeln und einer stattlichen Anzahl von Sklaven. Innerhalb der Dienerschaft gab es ebenfalls soziale Rangunterschiede, wie die verhältnismäßig großzügige Verwalterwohnung zeigt, die in der Casa integriert ist. Die einzelnen, von unterschiedlichen Autoren verfassten Beiträge im Buch widmen sich immer einzelnen Aspekten, die von den Tischsitten (sehr interessant!) bis zu religiösen Vorstellungen und Riten reichen. Zum Schluss steht dem Leser ein sehr lebendiges Bild der Lebensrealität in Pompeji vor Augen.

Der letzte Abschnitt befasst sich mit der Rezeption der antiken Kultur zur Zeit des Klassizismus. Der Beginn der Antikenverehrung reicht zwar noch weiter bis in die Renaissance zurück, einen letzten Höhepunkt hatte sie aber um 1800, als Adel und aufstrebendes Bürgertum "klassisch" bauten und sich ebenso einrichteten. Die Ausgrabungen von Pompeji hatten hier einen maßgeblichen Einfluss.

Der enzyklopädische Ansatz des Buches erlaubt es nicht, jeden Aspekt bis ins Detail zu beleuchten. Die Beiträge sind aber, obwohl von unterschiedlichen Autoren verfasst, bemerkenswert homogen und sehr eingängig geschrieben, sodass man die aktuelle Sicht der Wissenschaft auf die unterschiedlichsten Gebiete vermittelt bekommt. Sei es nun der drohende Ausbruch des Supervulkans unter den phlegräischen Feldern, die Verwendung von Löffeln beim Gelage, Graffiti an den Wänden oder die Probleme bei der Konservierung der Ausgrabungen - die Themen sind sehr vielfältig und ausnahmslos spannend und interessant zu lesen.

Das Buch begleitet zwar die Ausstellung "Pompeji" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, ist aber kein Katalog im üblichen Sinn, denn es enthält keine Referenzen oder Listen zu den Ausstellungsstücken.
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