Kundenrezension

73 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Enttäuschend, bitter, ekelhaft und voller Poesie, 19. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Der Herr des Wüstenplaneten: Roman (Der Wüstenplanet, Band 2) (Taschenbuch)
Enttäuschend, bitter, ekelhaft und dennoch 5 Sterne? Jawohl, gerade deshalb!
Ich will es erläutern: Wir begegnen hier einem Phänomen das in der Science Fiction äußerst selten anzutreffen ist: der rücksichtslosen Demontage (rücksichtslos den Charakteren sowie notwendigerweise auch der Leserschaft gegenüber) der eignenen Helden.
Was sich am Ende des 1. Bandes "Der Wüstenplanet" für den aufmerksamen Leser schon abgezeichnet hat, wird hier bis zum bitteren Finale Realität: der dramatische Abstieg von Paul "Muad'dib" Atreides zum deprimierenden Anti-Helden.
Der Band spielt 12 Jahre nach dem Sieg Muad'dibs über den Padischah-Imperator. Ein blutiger "heiliger" Krieg hat das bekannte Universum überzogen und die alte Ordnung zu Fall gebracht. Doch was daraus erwachsen ist, ist kein goldenes Reich. Pauls Fremenlegionen bringen eine neue Religion die zur Basis seiner Macht wird. Paul selbst ist ihr Gott und Heilsbringer. Die Priester des Qizarat beherrschen jetzt die Völker, richten und regieren in Pauls Namen.
Paul verbringt seine Zeit in seinem Palast auf Arakeen in tiefer Apathie. Er selbst erkennt, dass er diesen Krieg nie wollte, dass die Völker des Universum von ihm und seinen Priestern in eine fanatische, religiöse Finsternis geworfen wurden. Paul herrscht in absolutem Despotismus, Ketzer werden verfolgt, gejagt und hingerichtet.
So mehrt sich auch die Zahl seiner Feinde. Ich verrate nicht zu viel, denn es steht bereits in den ersten Seiten des Buches: die Bene Gesserit, die Navigatoren der Gilde, die Tleilax (die durch absolutes Fehlen jeder Moral und Ethik zu wahrlich perversen und abscheulichen Taten fähig sind) und Pauls eigene Frau Irulan verbünden sich gegen den allmächtig scheinenden Muad'dib.
Dieser auf höchster Ebene geführte Kampf der Verschwörer gegen Paul macht eine Hälfte dieses Buches aus. Der andere Teil wird bestimmt von Pauls Kampf mit sich selbst. Zum einen muss er ohnmächtig zusehen wie seine Legionen und Priester in seinem Namen Völker morden und sich unaufhaltbar wie ein Lavastrom durch das Universum ergießen. Zum anderen ist er Gefangener seiner eigenen Visionen geworden. Er erschafft nicht mehr seine Visionen, sondern sie erschaffen ihn. Sie werden zu Pauls wahrer und vollkommener Nemesis. Ich möchte hier jedoch nicht zu viel verraten, sonst verderbe ich den zukünftigen Lesern das unbeschreiblich ergreifende Erlebnis an diesem, dem Essentiellen, Kampf der in einem wahrhaftig ultimativen Finale enden wird.
Dieses Buch ist grandios und episch, Pauls Selbstbetrachtungen und die seiner Gefährten und Gegenspieler sind auf ihrer Ebene existenziell und unglaublich poetisch. Die Handlung des Buches muss notwendigerweise enttäuschend für die meisten Leser sein, Herbert zeichnet hier ein düsteres und hoffnungsloses Bild, wir treffen hier die alten Fremenkämpfer wieder - verkrüppelt und von Krankheiten gezeichnet, wir sehen einen Paul der sich mit "einem Herrscher names Hitler" vergleicht, Priester die im Namen ihres Mahdi Menschen hinrichten, einen Muad'dib der keinen freien Willen mehr besitzt und sich seinen schrecklichen Visionen hingibt und nicht zuletzt die Tleilax, deren Wissenschaftler ohne jede Moral zu Gräßlichem imstande sind.
Und gerade hier liegt die Stärke dieses Buches, dem vielleicht stärksten der ganzen Reihe. Hier macht sich Herbert frei von den typischen gutmütigen, naiven - wenn nicht gar infantilen - Visionen der "Golden Age" Science Fiction (die Schriftsteller wie Asimov und Heinlein hervorbrachte) und setzt seine Hauptpersonen dem wahren Fluß der Zeit, den wahren und unvermeidlichen Abgründen menschlicher Daseins und Handelns aus und kreiert dabei ein Universum voller philosophischer und existentieller Wahrheiten, glaubhaft und realistisch, lehrreich und erschreckend demaskierend.
Dies fordert natürlich einen Preis: Anspruch. Der Dune Zyklus, und besonders dieser Band, sind nichts für die schnelle Lektüre zwischendurch. Sie erfordern Konzentration und Reflexion. Doch keine Sorge, man braucht kein Philosophiestudium, nur gesunden Menschenverstand und Willen.
Ich hoffe ich habe Neugierde geweckt.
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