Kundenrezension

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neues ist wie Wollen, Wandel wie Müssen, 12. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen (Gebundene Ausgabe)
Sind Sie auch so jemand, der viele Ideen hat und Lust an der Veränderung? Prost, Mahlzeit, vergessen Sie Konzerne wie Audi und BMW. Großunternehmen stellen vornehmlich Zwanghafte ein, keine Abenteurer, Unternehmer, Querdenker, Erfinder, Forscher und Weltverbesserer", lehrt uns Guenter Dueck in seinem neuem Buch Das Neue und seine Feinde".

Mit zwanghaft bezieht sich der Mathematiker, Buchautor und Hobbypsychologe Dueck - er bezeichnet Facebook-Nutzer in Vorträgen auch schon mal als depressiv - auf Riemanns Grundformen der Angst", ein Buch, das wahrscheinlich jeder Zuhause hat, der sich für die Seltsamkeiten des menschlichen Zusammenlebens interessiert. Wer dieses Buch kennt, weiß: Der Gegenpol des Zwanghaften ist das Hysterische: Während der zwanghafte Mensch möchte, dass alles seine Ordnung hat, sucht der Hysteriker Abwechslung und das Neue. Thomann, der Riemann später ergänzte, deutete die beiden Pole etwas weniger krankhaft" um in Wechsel- und Dauerorientiert.

Der ausgeprägt wechselorientierte Mensch will auf keinen Fall stehenbleiben. Versetzen wir uns in die Zeiten, in denen wir fellbehaart in der Natur herumstromerten, steht dahinter der Gedanke: dort könnte er von einem wilden Tier gefangen und erlegt werden. Also bewegt sich der Wechselorientierte im Geiste - entwickelt und erfindet, treibt voran, verfolgt Ideen. Das geht natürlich in der Forschung und Entwicklung besser als, sagen wir im Rechnungswesen, weshalb sich Wechselorientierte, schaffen sie wider Erwarten doch durchs Vorstellungsgespräch und landen zufällig in einem Großunternehmen, oft dort ein Zuhause finden. Eine andere Heimat für Wechselorientierte ist meiner Erfahrung nach das Marketing. Dauerorientierte findet man eher im Personal, wo sie regeln und reglementieren können. Alles nur eine Tendenz, also bitte keine Proteste ;-)

Im System vieler Großunternehmen - und ich füge aus eigener Erfahrung hinzu: auch des Mittelstands und selbst kleiner Unternehmen - wirken Wechselorientierte, also Riemanns Hysteriker", mit ihrem Neuen jedoch wie ein schlimmer Virus, der alle zum Niesen, zum Husten und manchmal sogar zum Kotzen bringt.

Das Neue ist ein Störenfried. Es katapultiert aus der Komfortzone ins Unbekannte, verlangt umzudenken und zu verändern. Es will gehört werden! Es ist zäh und anstrengend und wird öfter von Spinnern repräsentiert, die nicht auf den Punkt kommen und vor allem: durch ganz wenig bis null Interesse an politischen Spielchen überhaupt nicht formbar sind. Je introvertierter und verkopfter, desto störenfriediger ist der Mensch mit dem Neuen im Gepäck. Und wehe wenn Idealismus dazu kommt. Sag ich jetzt, nicht Herr Dueck.

Nun könnte Dueck über die Feinde des Neuen schimpfen, all die Dauerorientierten und wenig Intuitiven, denen das eigene Hemd näher sitzt als die große Idee. Doch das tut er nicht. Als Schlüsselerlebnis beschreibt er einen Workhop in New York, der ihm die Augen öffnet. Hier erkannte er: Echte Entrepreneure, die uneingeschränkt an eine Idee glauben, verkaufen Haus und Hof, um sie zu realisieren. Dazu ist er nicht bereit. Und weiterhin: Wer Ideen vorantreiben möchte, muss nicht mit einen bisschen Gegenwind rechnen, sondern mit 100% Bulls***
Vor allem muss der Prophet des Neuen mit etwas rechnen, was er oft nicht auf dem Plan hat: Eine Armada von Gegnern, die mit unterschiedlichen Waffen das Neue bekämpfen:
◾OpenMinds, die eine Innovation gut fänden, wenn sie denn soweit wäre... hier sind friedliche Mittel der milden Kommunikation zu finden.
◾CloseMinds, die mit so etwas braucht kein Mensch" den Kopf schütteln. Von blanker Anlehnung bis nacktem Hohn ist hier mit allem zu rechnen.
◾Antagonisten, die das neue aktiv bekämpfen (gefährlich! Siehe Facebook...). Hier ist mit direkter, harter Auseinandersetzung und unmittelbarer Konfrontation zu rechnen.

Gewalt führt zu Gegengewalt, Druck erzeugt Gegendruck: So geht es nie um die Sache, wenn Ideen mit aller Wucht durchgeboxt werden. Es geht um alles andere. Und das ist der Grund, aus dem unsere Welt schon Millionenfach durch Ideen hätte gerettet werden können. Wenn da nicht all die da oben wären.

Welch Narr ich war", schreibt der sympathisch selbstreflektierte Dueck, der in seinen frühen Jahren wohl auch eher mit dem Kopf (voller Ideen) durch die Wand (voller Widerstand) wollte. Damals sah er nicht den Kontext menschlichen Zusammenspiels in Unternehmen. Anders als Kollege Precht mit seiner Bildungsattacke hat er aber keine Revolution im Sinn. Vielleicht ist das der Grund, aus dem Dueck bisher nicht in Spiegel-Bestsellerlisten und Talkshows auftauchte. Der Mann ist einfach nicht eindimensional genug.

Botschaften wie macht das Beste aus dem, was da ist" (jetzt hier stark vereinfacht) sind natürlich weniger dramatisch als Forderungen, ganze Bildungssysteme abzuschaffen. Es bedeutet: Man kann wirklich was machen und muss gar nicht viel diskutieren. Wie unkompliziert. Zu unkompliziert, da Änderung so möglich wird.

Dueck wäscht den verträumten Spinnern, den weltfremden Erfindern, die er manchmal am Telefon hat, den Kopf. Nur etwas Neues zu haben und zu wissen, dass es besser geht, reiche nicht. Nur wer es schaffe, an den Hindernissen vorbei zu kommen und mit den naturgegebenen Reglementierungen Hand in Hand zu arbeiten, die eben zu einem Großunternehmen gehören, kann Neues nicht nur erfinden, sondern auch in die Welt bringen. Sein Rat für Erfinder: Work underground as long as you can." Um Ideen zu realisieren, müsse man taktisch vorgehen, lernen, sich auch als Querdenker Freunde zu machen und Bündnisse zu schmieden. Einem Spinner hört keiner zu, einer grauen Eminenz aber sehr wohl.

So ist das Buch ein Plädoyer für gegenseitiges Verständnis und für Annäherung des Verschiedenen - ein somit trotz spitzer Thesen sehr versöhnliches Buch, das auch viel über das Wesen der Zusammenarbeit in Unternehmen und die Motivationen der Menschen aussagt. Und deutlich lesbar aus spiraldynamisch gelben Denken entspringt, ohne darauf zu verweisen. Gelb heißt: Integrativ, versöhnlich, zusammenführend.

Das Neue erobert unter Eustress die Welt, während das Alte unter Distress sein Revier verteidigt", ist mein Lieblingszitat aus dem Buch. Oder auch, in anderer Variante: Das Neue ist wie Wollen, Wechsel wie Müssen." Oh ja! Wenn ich jetzt von all den Menschen in Tageszeitungen und Magazinredaktionen höre und lese, die unter ständigem Distress arbeiten! Und denen die aus der digitalen Welt stammend, sehr viel mehr Eustress erleben, kann ich nur sagen: Wer Spaß an der Arbeit haben will, sollte Umgebungen meiden, in denen Wandel zwingend nötig ist, aber das Alte regiert und Menschen, die Neues wollen nicht nur 100% Bulls*** bescheren, sondern 1000.

Wie oft habe ich Menschen gesehen, die in Unternehmen arbeiteten, die sich verändern mussten. Immer war die Stimmung angestrengt, die Motivation künstlich. Allzulange wird Veränderung halbherzig und mit den - auch personellen Mitteln und Ressourcen - des Alten betrieben.

Würde ich mir als junger Mensch heute ein Unternehmen aussuchen, so wäre es eine innovative Firma im Eustress, die etwas vertreibt oder vorantreibt, was die Welt wirklich braucht. Nie mehr würde ich mich an Tätigkeiten orientieren oder Bereichen, an den großen Namen von früher und Rezepten von gestern.
(diese Rezension erschien erstmals in meinem Blog [...]
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 25.05.2013 12:26:10 GMT+02:00
Toller Text von Svenja Hofert. Woher kannte ich nur den Namen? Bis es mir eingefallen ist. Svenja Hofert schreibt selber Bücher und befasst(e) sich unter anderem mit Existenzgründung.
Warum schreibe ich oben "toller Text"? Weil ich mir überlegt habe, ist das denn eine Besprechung dieses Buchs oder eher eine Reflektion der Rezensentin. Aber egal. Svenja Hofert gelingt es mit ihrem Text den Gehalt des Buches hier auszubreiten und das ist ja wohl der wahre Sinn dieser Buchbesprechungen. Auch wenn ich nun nicht alle Teile ihres Textes so richtig super gut gelungen finde.
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