Kundenrezension

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Thema: partieller Gedächtnisverlust, 30. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ein perfekter Freund (Taschenbuch)
Journalist Fabio Rossi erwacht in einem Krankenhaus. Er trägt einen schweren Kopfverband und wurde offensichtlich brutal niedergeschlagen. Durch die Verletzung ist der Faden der Erinnerung an die letzten Wochen vor dem Unfall abgerissen, und so erkennt er auch die junge Frau nicht, die an seinem Bett sitzt und ihn küsst. Er kann sich schlicht an nichts mehr erinnern.

Offenbar hat Rossi sich in der Zeitspanne, die seinem aktiven Erinnerungsvermögen jetzt fehlt, von seiner langjährigen Beziehung abgewandt und sich neu verliebt. Doch damit nicht genug: er hat auch seinen gut bezahlten Arbeitsplatz als Zeitungsredakteur gekündigt und sich charakterlich stark verändert. Sein einstmals bester Freund und Journalistenkollege, Lucas, scheint ihn darüber hinaus verraten und ihm seine langjährige Beziehung ausgespannt zu haben.

Wie in dichtem Nebel tastet sich der Protagonist durch seine jüngere Vergangenheit und begibt sich auf eine Spurensuche. Dabei muss er feststellen, dass seine gesamten Dateien, Kalender und Aufzeichnungen gelöscht wurden. Hat etwa Lucas ihm eine hoch brisante Geschichte, an der bis zu bis zu seinem Unfall gearbeitet hatte, gestohlen, um sie selbst zu vermarkten?

Mittels Zetteln, Namen, Spesenquittungen und „Geruchsinseln“ setzt der Journalist seinen vergessenen Lebensabschnitt mühsam wie ein Mosaik wieder zusammen. Er findet dabei schrittweise zu seinem letzten Recherchethema, dem Nachweis von Eiweißmolekülen von BSE-verseuchten Rindern in der Schokolade eines Schweizer Süßwarenherstellers. Sollte er von denjenigen dunklen Mächten, denen er auf die Spur gekommen war, aus dem Weg geräumt worden sein, und wird er von ihnen auch weiterhin verfolgt?

Stärker als in den ersten beiden Romanen seiner „neurologischen Trilogie“ entfaltet Suter in „Ein perfekter Freund“ ein Krimi-Szenario, das nach Auflösung drängt. Der „neurologische“ Aspekt des Buches, der Umgang mit einem partiellen Gedächtnisverlust samt seiner sozialen Auswirkungen, rückt dabei ein wenig in den Hintergrund. Insofern fällt der Roman besonders gegenüber dem stärksten Band der Trilogie, „Die dunkle Seite des Mondes“ ab. Hinzu kommen ein paar logische Ungereimtheiten hinsichtlich der Entwicklung der Charaktere, die aber den reinen Unterhaltungswert der gut gebauten, fesselnd geschriebenen Geschichte in keiner Weise mindern.

Lohnt es sich, Martin Suter zu lesen?

Der deutschsprachige Literaturbetrieb wird unverändert von so genannten „Edelfedern" bestimmt. Sie entscheiden darüber (oder versuchen es zumindest), wer „gute" oder „schlechte" Literatur verfasst. Dabei kann es gelegentlich zu Stellungskriegen zwischen den Kritikern kommen, und bisweilen dreht der Wind sogar. Derzeit geschieht das mit dem bisherigen Werk des Schweizer Autors Martin Suter.

Mit dem „Suterismus geht Europa unter", behauptet das Feuilleton des Hamburger SPIEGEL, dessen Redakteure einst zu den größten Fans der Suter-Romane zählten. Mit dem Erfolg von Suter habe der Diogenes- Verlag „seinen historischen Auftrag erfüllt, die deutsche Literatur zu zerstören," urteilt Georg Dietz und erklärt: „Suter täuscht Welt nur an. Er spielt sie uns nur vor. Er tut nur so, als wisse er, wovon er erzählt."

Suter sei „gar kein Schriftsteller", erklärt Ulrich Greiner in der „Zeit", „wenn man darunter jemanden versteht, der die Kunst sprachlicher Aneignung und Durchdringung beherrscht. Kurz gesagt: Suter kann nicht schreiben."
Ob es sich bei derartigen Verrissen lohnt, Suter zu lesen? Es trifft wohl zu, dass der Schweizer Autor aus der dekadent-hohen Sicht eines wohlhabenden Lebemanns schreibt. Seine Helden sind Starjournalisten, erfolgreiche Wirtschaftsanwälte oder Mitarbeiter steinreicher Konzernbosse. Allein daraus auf ein nicht vorhandenes literarisches Talent zu schließen, wäre allerdings mehr als dünn.

Besonders in seinen ersten drei Romanen, die er „neurologische Trilogie" nennt, versteht es der Autor, psychische Prozesse äußerst kenntnisreich und fachkundig zu schildern und soziale Auswirkungen auf den Betroffenen wie seine Umgebung deutlich zu machen. Da er seine Romane zusätzlich in das Gewand gesellschaftskritischer Kriminalliteratur kleidet, entsteht bei der Lektüre eine deutliche Sogwirkung. Suter fesselt, und er löst Fragen aus, die sich vielen Zeitgenossen stellen.

In seinem Erstling „Small World" geht es um das Thema Alzheimer. Einfühlsam und kenntnisreich beschreibt der Schweizer den Prozess des Verfalls seines Protagonisten sowie die Reaktionen seiner Umwelt auf seinen Krankheitsverlauf. Dass die Geschichte um das Schrumpfen der Welt des Hauptdarstellers schließlich in eine Kriminalgeschichte mündet, gibt der Lektüre eine spezielle Note und macht sie doppelt spannend.
Die auf den psychedelischen Hit „The Dark Side of the Moon" der britischen Band Pink Floyd anspielende Kriminalgeschichte „Die dunkle Seite des Mondes" bildet den zweiten Teil von Suters „neurologischer Trilogie". Er behandelt darin die schleichende Persönlichkeitsveränderung und zunehmende Orientierungslosigkeit sowie die Bipolare Affektive Störung des menschlichen Charakters.

„Ein perfekter Freund" schließlich thematisiert den partiellen Gedächtnisverlust samt seiner sozialen Auswirkungen, die der Protagonist nach einem schweren Schlag auf den Kopf erleidet. Wie in dichtem Nebel tastet sich der Leser mit dem Opfer durch dessen jüngere Vergangenheit und begibt sich auf eine unerwartete Spurensuche.
Jeder der drei Bände der „neurologischen Trilogie" steht unabhängig voneinander. „Ein perfekter Freund" fällt allerdings gegenüber den anderen beiden Romanen ab.

Martin Suter wählt für seine Bücher keine Hochsprache oder gar Literatursprache, er schreibt in Umgangssprache. Ihm daraus in literarischer Hinsicht einen Strick drehen zu wollen, halte ich für den verzweifelten Versuch einer selbst ernannten Schar von Gatekeepern des Literaturbetriebs, Literatur weiterhin als etwas Abgehobenes, zwingend Erklärungsbedürftiges betrachten zu wollen. Die geschieht nicht zuletzt, um die eigene Existenzberechtigung zu begründen.

Früher hieß es mal, es lohne sich nur, das zu lesen, was Großkritiker verreißen ... im Falle Suter erhält dieser alte Lehrsatz erneut Berechtigung.
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