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Kundenrezension

4 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mir san vom Woid dahoam, 7. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Finsterau (Krimi/Thriller) (Gebundene Ausgabe)
Kundenmeinung aus dem Amazon Vine - Club der Produkttester-Programm (Was ist das?)
Die Autorin bleibt ihrer Vorliebe für düstere Ortsnamen treu. Und auch dieses Mal hangelt sie sich im kargen Erzählstil erdenschwer an einem wahren Verbrechen entlang und lässt Beteiligte und Unbeteiligte zu Wort kommen. Alles wie gehabt. "Weil sie nix anderes kann", höre ich jetzt den einen oder anderen zischeln, der damit ja auch nicht falsch liegt. Aber, und das macht ihren Erfolg aus, das eine eben kann sie - und mir gefällt das. Warum?

Zugegeben, komplexe Satzstrukturen sind Frau Schenkels Sache nicht, über überbordende Fantasie verfügt sie offensichtlich auch nicht, was zum Teil die Schlankheit ihrer Bücher erklärt, und glücklich lässt sie die Leute, die ihren düsteren Kosmos bevölkern, auch nie werden. Keine Frage, bei dieser Autorin muss man sein eigenes Vorstellungsvermögen strapazieren und "Wellness" gibt's sowieso woanders. Aber, und darin liegt für mich der besondere Reiz, ihre Geschichten sind, egal wo sie angesiedelt sind, Oberpfalz pur. Viele von Ihnen werden jetzt vielleicht nicht gleich so genau wissen, wo sich dieser Landstrich befindet. Im Nordosten Bayerns, einst Zonenrandgebiet, einst hart am Eisernen Vorhang gelegen, einst ein wenig am Ende der Welt, ländlich und erzkatholisch. Heute vereinigen sich die ausgedehnten Oberpfälzer Wälder wieder ungehindert mit denen des Böhmerwaldes; der eisige Ostwind, "der Böhmische" hat sich ohnehin nie an Schranken gehalten. Die offenen Grenzen und die neuen Infrastrukturen haben viel verändert, und der Siegeszug des Internets hat die Welt besonders für die Jüngeren zu einem globalen Dorf gemacht. Davor aber gab es diese enge Welt, die Andrea Maria Schenkel immer wieder zum Leben erweckt. Natürlich gab es nicht ständig Mord und Todschlag, aber harte Arbeit, wenig Zerstreuung, bittere Armut, die Allmacht der Katholischen Kirche und die strengen Hierarchien der kleinen Gemeinschaften, die ständige soziale Kontrolle durch Nachbarn, Tratsch und Missgunst, das schon. Wortkarg war man auch, besonders nach außen, und über manche Sachen redete man sowieso nur hinter vorgehaltener Hand. Entkommen konnte man dem nicht, außer man ging fort. Aber Fortgehen ist nicht jedermanns Sache. Also blieb man und hielt aus, was immer es auszuhalten gab. Und haargenau das schildert die Autorin gekonnt und zeichnet mit wenigen Strichen, was einmal war.

Welche nahezu unerträgliche Last ein "uneheliches" Kind, ein "Bankert", in diesen Gemeinschaften einmal bedeutete, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Für die Mutter und für das Kind bedeutete es, dass sie ein Leben lang stigmatisiert waren. In Finsterau trifft die bigotte Verachtung auch die Eltern der aufrührerischen Afra, die mitten im Krieg ohne Hoffnung nach Hause zurückkehrt. Der Wirt, bei dem sie gegen kargen Lohn schuftete, hat sie rausgeschmissen, weil sie sich mit einem französischen Fremdarbeiter eingelassen hat. Zuhause ist ein erbärmliches Häuschen mit ein bisschen Grund, das die Häusler, wie sie von den Wohlhabenderen des Dorfs verächtlich genannt werden, kaum ernähren kann. Nie mehr wollte sie hierher zurück, für sich selbst wollte sie sorgen, raus aus dieser schindenden Existenz, die außer Arbeit und Not nichts zu bieten hat. Doch jetzt hat sie ihr Kind, ihren kleinen Buben, an dem sie hängt und den sie ablehnt, weil er ihr die Freiheit genommen hat.

Der Zauner Johann, Afras Vater, ist mit knapp 60 Jahren ein alter Mann, gezeichnet nicht nur durch lebenslange Arbeit, sondern auch durch eine mehrwöchige Haft. Als er die Machenschaften der Nazis mit seinem strengen Glauben nicht in Einklang bringen kann, hat er seine Goschn aufgerissen. Aber das Renitente haben sie ihn schon gründlich ausgetrieben, als sie ihn abgeholt und gerichtet haben. Seither ist er nicht mehr der, der er einmal war, da kann seine Frau Theres noch so oft in die Kirche rennen und beten. Jetzt kommt auch noch die Schande dazu und die beginnende Demenz macht ihn aggressiv. Da ist es doch naheliegend, dass er es war, der die Tochter und den Enkel brutal erschlagen hat, oder?

Mit Grausen habe ich diese Geschichte gelesen, die eher im Gewand einer Milieustudie als in dem eines Kriminalromans daherkommt. Und gelesen habe ich sie, da war nichts zu machen, im Oberpfälzer Dialekt, der im Buch durch einzelne Worte immer wieder angedeutet wird. Gut hat sie das gemacht, die Schenkel Andrea Maria. Sehnsucht nach dieser Zeit kommt jedoch nicht auf, wohl aber Mitleid mit der Afra, mit dem kleinen Albert und mit Afras unglücklichen Eltern, die, gefangen in ihrer Zeit und in ihrem Ort, zu grausam plausiblen Opfern wurden. Nein, im Wald ist es nicht immer schön.

Helga Kurz
7. März 2012
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