Kundenrezension

47 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Für Unkundige des BEOWULFs nicht empfehlenswert, 19. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Beowulf: Das angelsächsiche Heldenepos über nordische Könige. Neue Prosaübersetzung, Originaltext, versgetreue Stabreimfassung (Gebundene Ausgabe)
Mir ist schleierhaft, wieso jemand, der das Beowulf-Epos nicht mag, unbedingt ein Beowulf-Buch herausgeben muß. Dr. Hans Hubes eitle Germanistenkommentare aller zwanzig Seiten können einem das Lesen wirklich verderben; aber sie sind ein schönes Beispiel für moderne Herangehensweisen an uralte Überlieferungen. Es geht nämlich nicht darum, was das älteste erhaltene Epos eines Germanenzweiges uns Heutige lehren kann (in Erzählweise und -perspektive, Mehrdeutigkeit, Sprachkunst, Bildkraft), sondern es geht stets nur darum, was wir Heutige an das Epos heranzutragen haben.

Dr. Hube z.B. findet zu viel Dialog im Epos langweilig; dichterische Schönheit kann er ihm nicht abgewinnen. Ebenso verwirren ihn Mehr- und Zweideutigkeiten (die aber eine QUALITÄT altenglischer Kunst sind, kein MANGEL). Weiterhin findet er die ständig variierenden Anreden und Kenninge „manchmal sehr penetrant“ (S. 493). Ja, überhaupt belächelt er den Beowulf-Dichter gern wegen seiner dramaturgischen Mängel – und entschuldigt sich bei den Lesern fast dafür, daß das Epos nicht bietet, was man von amerikanischen Action-Reißern gewöhnt ist. Seine Lieblingsnörgeleien sind „ausgewalzt“ und „verwässert“ (S. 86), „ungefüge, schlecht verbundene Redemassen“ (S. 131), „handlungsarm“ und „wie könnte es anders sein“ (S. 188), „ziemlich wenig zur Situation passend“ und „unbeabsichtigt komisch“ (S. 221), „oft penetrant“ (S. 421), „nutzlos“ und „ermüdend“ (S. 428) sowie „öde und langweilig, aber poetisch“ (S. 216).

Sätze wie der folgende sind in dem Buch keine Seltenheit und zeigen nicht etwa Dr. Hubes Gedankentiefe sondern Herablassung: „Überhaupt ist es psychologisch nicht ausgefeilt, daß Unferth nun zu einem ‚guten Helden‘ mutiert, obwohl kurz davor noch auf seine Feigheit angespielt wurde. Außerdem hatte Beowulf ihn als Brudermörder bezeichnet. Einen ‚negativen‘ Helden musste doch jede germanische Dichtung der Vorzeit haben!“ (S. 191) Hube findet nur lobenswert, was bereits andere vor ihm lobenswert gefunden haben: den Grendelkampf freilich, die Schilderung der Moorhöhle, das Schlußbegräbnis und solcherlei.

Nicht einmal die Übersetzung Hugo Gerings von 1906 läßt Dr. Hans Hube unbemäkelt. Mehr noch: er verändert sie fortwährend nach seinem Belieben. Hube beseitigt dabei „eine Reihe von altertümlichen Wendungen, etwa die Form ‚ward‘ statt ‚wurde‘ und nicht selten dem Beziehungswort vorangestellte Genitive, wie ‚des Königs Mannen‘ usw.“ (S. 425) ohne dem Leser zu verraten, daß schon der Beowulf-Text selber auf seinerzeit „altertümliche Wendungen“ zurückgegriffen hatte. Ob durch solche Bevormundungen „die Lesbarkeit dieses Textes“ (ebd.) erhöht wurde, wage ich zu bezweifeln; die Lesbarkeit wurde lediglich mehr einem heutigem Zeitungsniveau angeglichen.

Dr. Hubes eigene Prosaübertragung ist unkünstlerisch weitschweifig. Oft macht er aus bloßen Adjektiven des Originals ganze Relativsätze, und wo im Original EIN treffendes Wort steht, braucht Hube manchmal fünf. Er will dadurch freilich größtmögliche Genauigkeit erreichen. Doch wer so etwas tut, der komme mir nicht mit dem Richterspruch „erhöhter Lesbarkeit“ und urteile andere, bessere, künstlerischere Übersetzungen ab!

Ein Mangel, der von vielen Lesern sicher gar nicht bemerkt wird, ist die Wiedergabe des altenglischen Textes. Er ist nach moderner Gewohnheit umgebrochen und lesbarer gemacht (z.B. „HWAET WEGARDENA ingear dagum“ wird zu „Hwæt! Wé Gárdena [Abstand] in géardagum“), und es sind in die Lücken des Textes einige ‚Verbesserungen‘ des 19ten Jahrhunderts getreten (sog. „emendations“), die aber mit dem Originaltext nicht das geringste zu tun haben. Nach welcher Edition Dr. Hans Hube also seinen angelsächsischen Beowulf-Text wiedergibt, vermag ich nicht zu sagen.

Kurz und gut: Dieses Buch finde ich nicht empfehlenswert, auch als erste Annäherung an den Beowulf-Stoff nicht. Denn Hube verdunkelt mit seiner rücksichtslosen Art und mit seinen hopp-oder-topp-Beurteilungen einem unbefangenen Neuling alle noch unbeeinflußten Sinne. Nur wer bereits (durch eine Reclam-Ausgabe, durchs Altenglisch-Studium oder durch sonstiges) bereits eine erste Ahnung von der Reichhaltigkeit des Beowulf-Liedes bekommen hat, dem kann dieses Buch viel an neuer Erkenntnis geben: nicht viel Neues zum Beowulf zwar, wohl aber zur Geschichtlichkeit rund um den Sagenstoff und zur Betrachtungsweise alter Sprache und Texte durch überweise moderne Wissenschaftler.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.05.2011 09:36:47 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.05.2011 17:10:33 GMT+02:00
Margret Popp meint:
>Nach welcher Edition Dr. Hans Hube also seinen angelsächsischen Beowulf-Text wiedergibt, vermag ich nicht zu sagen.

Aber ich. Der Text ist ohne Hinweis des sog. Herausgebers Hube von der Seite eines amerikanischen Beowulf-Spezialisten kopiert worden. Näheres hier: http://webdoc.gwdg.de/edoc/ia/eese/artic210/mpopp/6_2010.pdf

Für ausführliche Auskünfte stehe ich gern zur Verfügung und möchte amazon ermutigen, Ihnen meine private E-Mail-Adresse zu geben.
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