Kundenrezension

31 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Overkill, 17. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Enter The Void (Limited Edition) (inkl. DVD) [Blu-ray] (Blu-ray)
"Enter the void", Gaspar Noés dritter Film, ist eine dreistündige cinematografische Grenzerfahrung. Ich kann sagen, dass ich es nicht bereue, den Film gesehen zu haben. Wer sich für ungewöhnliche Wege und künstlerisch eigenständige Formsprachen interessiert, wer auf der Suche nach Nie-Zuvor-Gesehenem ist, wer sich von ungewöhnlichen Kamerafahrten gern überraschen lässt und eine Ader für das Experimentelle besitzt - der ist quasi dazu verpflichtet, sich "Enter the void" anzusehen.

Aber ist es auch ein guter Film? Ich bin da unschlüssig.

Die Helden der Geschichte sind Oscar und Linda, zwei twentysomethings, die es als Waisen nach Tokio verschlagen hat. Nach dem Unfalltot der Eltern haben sie sich ewige Geschwister-Treue geschworen. Oscar ist drogenabhängig und dealt in der Tokioter Klubszene. Linda ist Striptänzerin. Bei einem Drogendeal wird Oscar hochgenommen. Auf der Flucht vor der Polizei wird er erschossen. Ab diesem Zeitpunkt folgen wir seinem Geist, der Linda weiterhin begleitet - und der auf der Suche nach einem Tor für seine Wiedergeburt ist.

Auf visueller und akkustischer Ebene ist "Enter the void" phantastisch, bewusstseinserweiternd, bisweilen magisch. Sie werden Dinge sehen, die Sie noch nie gesehen haben. Bis zu seinem Tod folgen wir Oscar per Handkamera auf derart intensive Weise, dass wir uns tatsächlich mit ihm in den Straßenschluchten des nächtlichen Molochs Tokio wähnen. Und wenn er zum Geist geworden ist, geht es gemeinsam mit ihm buchstäblich durch die Wand. Grandios!

Leider hapert es bei der Geschichte. Vielleicht liegt es ja auch an mir. Aber ich habe bisher noch keine überzeugende Auseinandersetzung eines westlichen Regisseurs mit Buddhismus und Reinkarnation gesehen. Es wirkt jedesmal so, als ob ein minderjähriger Konfirmand sich Sonntags auf die Kanzel stellt, um zu predigen. Ich kaufe es einfach nicht. Das ging mir bei "The fountain" so. Und das wiederholt sich nun bei "Enter the void". Es ist unterkomplex. Es wirkt angelesen. Auf dem Weg zu seinem gewaltsamen Tod erzählt Oscars Freund Alex ihm vom Tibetischen Totenbuch. Hören Sie sich diese Sentenz an - dann haben Sie den Plot. So wie es hier erzählt wird, werden wir es mit Oscars Geist nacherleben. Ungelogen - ich habe eine Stunde vor dem Ende des Films gewusst, wie die Auflösung sein wird. Was hier wohl als unvorherzusehender Endtwist gedacht war, kommt ungefähr so überraschend, wie ein sich langsam nähernder Kohlezug. Lesen Sie sich den Wikipedia-Eintrag zum Tibetischen Totenbuch durch - voila, ce sa. Wer einen wirklich vielschichtigen Film über die fernöstliche Geisterwelt sehen möchte, dem empfehle ich "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben".

Hinzu kommt erstens, dass der Film bei aller optischen Raffinesse, all der genialen Kameraarbeit und all den überzeugenden Darstellern einfach zu lang ist. Mindestens eine halbe Stunde könnte hier weggekürzt werden. Es täte der Sache gut.
Zweitens begann mich nach einiger Zeit Gaspar Noés Hang zum Draufhalten zu nerven. Der Regisseur ist leider kein Freund vornehmer Zurückhaltung. Aufprallunfälle, ein frisch abgetriebener Fötus in einer Blechschale? Krass, da halten wir voll drauf! Leute haben Sex? Yeah, das schauen wir uns mal näher an! Paz de la Huerta ist eine schöne Frau und gute Schauspielerin. Nach drei Stunden kennen wir ihre Linda in- wie auswendig sehr gut. Ihren Geburtskanal eingeschlossen. Zum Ende des Films kippt dieser Hang zur Hardcore-Ästhetik ins unfreiwillig Komische.

Eins noch: ich bezweifle ernstlich, dass dieser Film auf einem kleinen Bildschirm auch nur annähernd die visuelle Wirkung entfalten kann, die es rechtfertigt, sich diese krude Geschichte anzuschauen. Wer zuhause keinen Beamer, keine gute Soundanlage und keine große, weiße Wand in einem gut abzudunkelnden Raum besitzt, der wird mit "Enter the void" keine Freude haben. Dieser Film braucht Fläche, um wirken zu können.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 01.06.2011 02:01:02 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.01.2012 23:14:54 GMT+01:00
Tyler Durden meint:
Rezension triffts aufn Kopp! Ich hatte zum Glück einen Beamer und eine weiße Wand, und bereue es nicht ihn gesehen zu haben, aber mehr als 3 Sterne wäre trotz der visuellen Genialität too much...

Veröffentlicht am 15.01.2012 22:58:21 GMT+01:00
B. Marian meint:
Kann ihre Rezension ohne weitere Addendums unterschreiben!

Veröffentlicht am 01.10.2013 17:07:02 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 01.10.2013 23:27:30 GMT+02:00
Etheriel meint:
"Vielleicht liegt es ja auch an mir. Aber ich habe bisher noch keine überzeugende Auseinandersetzung eines westlichen Regisseurs mit Buddhismus und Reinkarnation gesehen. Es wirkt jedesmal so, als ob ein minderjähriger Konfirmand sich Sonntags auf die Kanzel stellt, um zu predigen. Ich kaufe es einfach nicht. Das ging mir bei "The fountain" so. Und das wiederholt sich nun bei "Enter the void". Es ist unterkomplex. Es wirkt angelesen. Auf dem Weg zu seinem gewaltsamen Tod erzählt Oscars Freund Alex ihm vom Tibetischen Totenbuch. Hören Sie sich diese Sentenz an - dann haben Sie den Plot. So wie es hier erzählt wird, werden wir es mit Oscars Geist nacherleben."

Eben, Oscar steht immer noch unter Drogen als er Erschossen wird, er ist kein Geist, sondern auf seinem Trip, in der Vorstellung ein geist zu sein. Das ganze ist mehr eine fast freudsche Studie des Sterbens, als die Geschichte einer Reinkanation. Oscar bekam die komlette Vorlage für seinen Trip von Alex, weshalb sich der Plot sehr eng an diese Vorgabe hält. Als er dann in der Toilettenkabine tödlich verwundet wird, schüttet sein Körper noch Unmengen Adrenalin und Dopamin dazu und Oscar begibt sich im Sterben auf seine letzte Reise, die nur in seinem Kopf stattfindet mit all seiner Einsamkeit und seinen Fehlern und Schwächen und sowohl die Vergangenheit einbezieht als auch eine mögliche Zukunft heraufbeschwören möchte. Er durchlebt das "Vater siehst du nicht dass ich brenne" Delirium wie dereinst schon Fred Madison, Sam Lowry, Henry Letham, Simon Cable oder Samantha Goodman. Er schafft sich so eine alternative Wirklichkeit um der Realität zu entkommen, diese Wirklichkeitsflucht und Phantasiererei mündet dann jedoch in dem extremsten Trauma seines Lebens, seiner eigenen Geburt und damit der Annahme der Wirklichkeit und somit seinem Tod.
Das ist fast schon ein Standartmotiv surreal angehauchter Filme, wobei die meisten den Umstand aufklären oder deutlicher Aufzeigen nur Lynch und Noe verzichten darauf den Zuschauer noch mit der Nase drauf zu stoßen.

EDIT: Allein der Film- und Clubname "Betritt die Leere" weißt schon darauf hin.
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent


Top-Rezensenten Rang: 968