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Dahlke und die Ideologie,
21. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Peace Food: Wie der Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt (Gebundene Ausgabe)
"Peace Food" wird wie immer die Ja-Sager aus Dahlkes Umfeld dazu animieren, haltlos positive Kritiken zu verfassen. Seltsam darf es erscheinen, dass er in Rundbriefen mittlerweile dazu aufruft, unter dem Vorwand der Erstellung eines "positiven morphogenetischen Feldes", möglichst vorteilhafte Bewertungen für seine Bücher abzugeben.
Zweifellos hat Dahlke in den vergangenen drei Jahrzehnten, wie kein anderer im deutschsprachigen Raum zu einem breiteren Verständnis der ganzheitlichen Sichtweise beigetragen. Sein Ideenkosmos ist geboren aus der Esoterikwelle der 80er Jahre. Seine Leserschaft besteht bis heute vornehmlich aus der sich weiter etablierenden spirituellen Szene, Vertretern der Naturheilkunde, einigen wenigen um Weitblick bemühten Ärzten, sowie den in der Krankenpflege Tätigen.
"Peace Food" strotzt vor Konstrukten. Wenn Dahlke 10 Bücher liest, um ein eigenes zu schreiben ist das hoch angesetzt. Die mutmaßliche Notwendigkeit einer veganen Ernährung ist durch die Bücher von Karen Duve und Jonathan Foer meisterhaft abgedeckt. Lesen sie lieber diese authentischen Werke. Dahlke ist lediglich thematischer Trittbrettfahrer. Mittlerweile hat er über 40 Titel aus den verschiedensten Themengebieten und noch mehr CDs mit geführten Meditationen zu jeder Lebenslage veröffentlicht. Für (leicht)gläubige Menschen mag das erscheinen, als habe er eine große Gesamtschau über die Dinge des Lebens. Das übt eine gewaltige Anziehungskraft auf die im Leben und in Gesundheitsfragen unsicheren Menschen aus - und das wird hier mit einem weiteren Titel bedient.
Die Inhalte des Buches basieren auf den (Zwischen)Ergebnissen der "China Study", einer beeindruckend groß angelegten epidemiologischen Studie durch Colin T. Campbell, einen Biochemie-Professor der Cornell University, New York, USA. Zusätzlich finden Sie viele Geschichten der Begegnungen des Autors mit industrieller Tierverarbeitung, allerlei gesammelte Ernährungsweisheiten, weitere Ausführungen über die von ihm ausgerufene spirituelle Philosophie, 30 vegane Rezepte und natürlich massenhaft Verweise auf die Literatur des Autors.
Und: den Hinweis auf ein durch Dahlke ins Leben gerufenes Nahrungsergänzungmittel "Take Me". Eine Protein-Pulvernahrung aus vakuumgetrockneten feinvermalenen Pflanzenbestandteilen.
Hier einige Aussagen im Buch und aus Interviews zu "Peace Food":
"- Ich habe seit dem Abstillen keine Milch mehr zu mir genommen.
- Wo ich auch hinkomme, macht das Buch gewaltig Furore.
- Wenn Sie Fleisch essen, essen Sie Aas.
- Natalie Portman, Gwyneth Paltrow, Richard Gere, Nena, Thomas D., sind langjährige Veganer
- Die Menschheit hätte auch nicht überlebt, wir konnten ja am Anfang letztlich nur vegan leben.
- Wenn ein Kind nach der Muttermilch gar keine Milchprodukte bekommen würde, wäre dem Diabetes Typ I die Grundlage entzogen.
- Milch macht Osteoporose, sie entzieht dem Körper mehr Kalzium als sie zusetzt.
- Milch ist krebsfördernd, weil sie den Wachstumsfaktor IGF1 enthält.
- Wenn man Osteoporose und Prostatakarzinome haben will ist es ganz ideal, viele Milchprodukte zu essen.
- Wir würden an den Stresshormonen der Fische nicht so leiden, wie an denen der Säugetiere.
- Heute werden Fische aus 2000m Meerestiefe geholt. Die sind in der Regel über 100 Jahre alt. Wollen Sie einen Methusalem essen?
- Ärzte, die diesen Ausdruck verdienen, müssten jetzt abraten von Tierprodukten. Es ist eine ärztliche Pflicht den Leuten vom Essen von Tiereiweiss abzuraten.
- Panikattacken haben mit dem erhöhten Konsum von Fleisch zu tun.
- Es kommt jetzt eine Art Revolution in der Ernährung. Die Milch- und Fleischindustrie wird noch ein bisschen dagegen rummosern.
- Das bisschen Fotovoltaik ist ökologisch ein verschwindend kleiner Schritt im Vergleich dazu, dass wir die Leichenteile aus der Küche verbannen.
- Wenn sie die Feldfrüchte von den Biofeldern nicht waschen, haben sie genug Vitamin B12, weil das ja von Bakterien gebildet wird.
- Wir müssen uns nicht um die Vegetarier sorgen, sondern um die Allesesser. Denen steht ein mieses Ende bevor.
- Vegetarier sind bewusstere Menschen, Veganer sind noch einmal sehr viel bewusster.
- Mit veganem Essen sind Ihre Ausdünstungen geringer, sie stinken nicht mehr so.
- Die Ausstrahlung wird auch anders. Ich kann es einem Schweinefleischesser im Gesicht ansehen.
- Veganer sind schlanke, lebenslustige, humorvolle Menschen.
- Unser Darm ist 10m lang, Raubtiere haben einen kurzen Darm. Unser Gebiss ist nicht für das Schlingen geeignet.
- Wir finden keine Hinweise beim Menschen, dass er ein Fleischfresser ist.
- Es ist ein medizinischer Erfolg, dass wir jetzt die Zivilisationskrankheiten durch Vermeidung von Tierprotein verringern können.
- Der Verzicht ist der geringste Teil beim veganen Essen.
- Bis vor ein paar Jahren habe ich noch Käse gegessen, heute würde ich den gar nicht mehr mögen.
- Manchmal fehlt mir ein Stück Butter auf dem Brot."
Bilden Sie sich ihre eigene Meinung oder besser: recherchieren Sie diese Aussagen.
Ich ernähre mich seit einem Jahrzehnt vegetarisch. Grundsätzlich spricht nichts gegen vegane Ernährung bei Erwachsenen. Insbesondere die Aspekte des Verzehrs von industriellen Tierprodukten sind in "Peace Food" in geeigneter Tiefe dargestellt, ebenso die Absurditäten der Massentierhaltung. Dass das fleischlose Essen Frieden bringt, für sich selbst, für andere und für die gequälten Kreaturen, leuchtet jeder halbwegs sensiblen Seele ein. Lebensmittelskandale betreffen fast ausschließlich Tierprodukte. Parasitäre Erregerspektren finden ihre Zwischenwirte vornehmlich hier. Dass Massentierhaltung große Teile der Ackerbauflächen für Kraftfutter verbraucht und die Umwelt mit Stoffwechselprodukten unverhältnismäßig belastet, ist mittlerweile weithin bekannt.
Die Idee, man sei leichter und die Seele könne sich vom "Körperhaus in Meditationen besser lösen", weil tiereiweissfrei ... naja, denken sie sich ihren Teil. Selbst wenn man die spirituelle Tiefe dieser These nicht direkt erfasst, wird man sicher nicht vom Nirwana ausgeschlossen werden.
Die Aussage, der Mensch sei eher ein Pflanzen- als Fleischfresser lässt sich phylogenetisch und historisch durch nichts belegen. Informieren Sie sich in einem beliebigen paläontologischen Museum. Lesen Sie dazu das ausserordentlich sauber recherchierte Buch:
Wolf Schneider, Der Mensch. Eine Karriere.
Lesen sie die "China Study" und setzen Sie sich auch unbedingt mit der Kritik daran auseinander. Nach den Durchführungskautelen für international gültige Standards in wissenschaftlichen Studien enthält sie neben Fakten auch einige methodische Fehler. Nicht weil hier ein absoluter Anspruch der Wissenschaft vertreten sei und damit die Gültigkeit der Ergebnisse sofort nichtig ist. Es geht darum, sich bei grundlegenden Themen - also der Ernährung - nicht allein auf die Konstrukte einer indoktrinierenden Philosophie in der Zeitgeistliteratur zu verlassen. Es soll auch heissen, dass nur weil ein Biochemiker einer renommierten Universität - natürlich aus den USA - eine groß angelegte Studie vorantreibt, die Ergebnisse nicht automatisch hieb- und stichfest sind. Ohne vielfach nachgewiesene harte Fakten glaubt im wissenschaftlichen Umfeld heute kaum noch jemand an "bahnbrechende" Ergebnisse. Setzen Sie sich mit den Tricks und Manipulationen des Wissenschaftsbetriebs auseinander. Geeignet dazu ist z.B.
Ben Goldacre: Die Wissenschaftslüge
Der in "Peace Food" vertretene Anspruch Dahlkes, dass die Dinge schwarz auf weiss, also wissenschaftlich bewiesen seien, ist - wie so vieles in Dahlkes Büchern - bei genauerer Recherche nicht haltbar. Die Beweiskette entspringt gerne einmal dem Bereich des wunschvollen Denkens und dient dem Zweck, Sie zu überzeugen. Und Dahlke ist ein Meister der Polemik. Hier benutzt der Autor das wissenschaftliche Deckmäntelchen, um sich den Anstrich fundierter Seriösität in der populärwissenschaftlichen Zone zu verschaffen. In populärwissenschaftlicher Literatur muss man ja seine Quellen auch nicht so genau belegen.
Die meisten Leser werden soweit aber gar nicht nachforschen und wie immer in ihren Rezensionen huldigende Lobgesänge anstimmen. Sie haben hiermit ein weiteres Buch für sich entdeckt, mit dem sie nun über den Darm heilig werden können. Übrigens war diese "Scheinheiligkeit" etwas, dass Dahlke vor nicht allzu langer Zeit den "Körnerfressern" vorwarf.
In diesem Zusammenhang mag es sie interessieren, dass Dahlke bis vor zwei Jahren noch den Verzehr von Fisch für eine ausgewogene Ernährung propagierte. Natürlich wegen der wichtigen Omgea 3-Fettsäuren und weil der Fisch "evolutionär viel weiter vom Menschen entfernt" sei als die Säugetiere. Spirituell und ethisch war das bis ein Jahr nach seiner Kenntnis der China-Study also durchaus vertretbar.
Es darf Anlass zu allerlei Vermutungen über Dahlkes allgemeinen wissenschaftlichen Kenntnisstand geben, dass er erst jetzt auf diese Ergebnisse stösst. Die Studie läuft seit 1987, die ersten Ergebnisse sind seit 1992 publiziert (siehe PubMed).
Es geht in diesem Buch mehr um Dahlke selbst, als um den Inhalt. Das vegane Leben ist ein weiteres Mittel zu dem Zweck der Inszenierung seiner "spirituellen Philosophie". Ideologie ist eben auch die Lebensweise, die er derzeit in seinen Kreisen populär macht und - natürlich mit einem weiteren Buch - unterstreicht.
Veganes Leben sei hier nicht kommentiert und nicht bewertet. Vielmehr steht es bei Dahke im Lichte der Bildung einer alternativen Lebensgemeinschaft in Gamlitz bei Graz, die sich gegenüber den 'Normalos' abgrenzt. Dahlkes Wunsch ist unübersehbar, mit Visionen von einer besseren, weil alternativen Art des Zusammenlebens doch noch den Traum seiner 68er-Kommunengeneration zu verwirklichen. Eine ökologisch, soziale Revolution aus kleiner Zelle mit Hilfe eines Dogmas. "Peace Food" ist eines der Evangelien, die er für diese Gemeinschaft und die Stammleserschaft geschrieben hat. Man kann sich nun einen weiteren Band der Enzyklopädie des Dahlke-Universums ins Regal stellen.
Gerne nimmt man diese Dinge an, weil man in verwirrender Vielfalt selbst den Überblick nicht behalten kann
Gerne nimmt man diese Dinge an, weil man die Führung einer rhetorisch gewandten Persönlichkeit leicht akzeptiert. Insbesondere die eines Arztes.
Gerne nimmt man diese Dinge an, weil man sich dadurch als besserer Mensch fühlt und natürlich viel spiritueller als die anderen.
Gerne nimmt man diese Dinge an, weil es das nächste Ding ist mit dem man sich auf seinem spirituellen "Weg" beschäftigen kann.
Gerne nimmt man diese Dinge an, weil man damit scheinbar eine Identität findet.
Mit dem nächsten Dahlke-Buch oder Seminar hat man wieder etwas Wertvolles (weil nicht ganz Billiges) zum Ich dazuaddiert und wird nun sicher noch schneller erleuchtet. Man hat so aber lediglich das alte lästige Selbst, gegen ein neues, spirituell gebildetes Selbst ausgetauscht. Das ist ein uraltes Guru-Strickmuster und ein allzeit boomendes Geschäft (Dahlke wurde durch seine Autorenschaft zum Multimillionär). Und man kann nun trotz aller Schattenbearbeitung nicht mehr anders, als einen Zusammenhang mit diesem Buch und dem von Dahlke angepriesenen Eigenprodukt Take-Me zu vermuten.
Dahlke polarisiert bewusst mit diesem Buch in der Hoffnung, dass eingesessene Fleischesser aus Gewissensgründen ihre Ernährungsgewohnheiten ändern werden. Wer einmal ein Lehrbuch der Ernährungsmedizin zur Hand genommen hat wird leicht im Voraus wissen, dass sich diese grundlegenden Gewohnheitsmuster in der Praxis nur mit äußerstem Aufwand ändern lassen. Allen, die hier "Hurra! Ab jetzt vegan!" schreien, kann man das so leicht garnicht abnehmen.
Möglicherweise ist ja bei Dahlke trotz jahrelangem eisernem Fasten und unerbittlicher Wiederholung von zusammengeklaubten Gesundheitsformeln doch ein Rest Sorge vor eigener Erkrankung geblieben. Die vegane Lebensweise ist, ähnlich wie die Krankheits-Symptomdeutung und die 'Reinkarnationstherapie', letztlich ein Vehikel zur weiteren Untermauerung der von ihm zelebrierten Ideologie, ein weiteres Mittel zur gut gemeinten Machtausübung.
Sozialismus, Konservativismus, Spiritualismus .... Veganismius, jede Art von "-ismus" ist Ausdruck einer ideologischen Grundhaltung, die sich aus vermeintlich höheren Gründen gegen das Andere abgrenzt. Das Theoriengebäude von Dahlkes "Spiritueller Philosophie" ist durch allerlei Dogmen abgesichert.
Lesen Sie dazu auch:
Hubert Schleichert, Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren.
Fazit:
Seien Sie mit ihrer Nahrung aufmerksam. Kaufen Sie Produkte, die Sie ökologisch und ethisch vertreten können. Wenn sie Fleisch essen, "nehmen sie das aus biologischer Quelle und essen Sie einfach weniger davon" (Kurt Schweisfurth, Herrmannsdorfer Höfe). Sie haben riesige Macht in den Händen: Sie kaufen Lebensmittel aus fragwürdigen Quellen einfach nicht - und der Markt regelt deren Ende. Es wird nur das produziert, was Abnehmer findet. Die Veränderung beginnt bei Ihnen, sie beginnt in Ihrem Inneren. Wenn Sie es in sich finden können auf Fleisch und Eier zu verzichten und in Maßen zu essen, tun Sie zuerst sich und dann der Umwelt einen großen Dienst.
Machen sie aus dem Essen keine Ideologie, weder für andere, noch für sich selbst. Essen Sie mit Freude und wachem Bewusstsein. Das ist angewandter Frieden beim Essen. Sie sind längst das, was sie suchen, und finden es auch nicht im Veganismus. Sie brauchen keine Ergänzungsmittel und Sie brauchen auch dieses Buch nicht.
Guten Appetit
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