Kundenrezension

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lost, 14. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Enter the Void (DVD)
Regisseur Gaspar Noé lädt uns ein, das Gefühl der Leere bzw. des "Verlorenseins" zu erleben.
Dies ist ihm mit seinen Filmen "Menschenfeind" und "Irreversible" bereits gelungen, die jeweils vom Schicksal schwer gebeutelte Charaktere zum Mittelpunkt hatten. In "Menschenfeind" war es ein arbeitsloser Schlachter, in dessen Leben so ziemlich alles schief gelaufen ist und der sich darauf hin zynisch, nihilistisch, misanthropisch und beziehungsunfähig durch sein trostloses Leben schlägt. Bei "Irreversible" stand ein Pärchen im Mittelpunkt, welches durch eine Vergewaltigung und die folgende Racheaktion völlig aus dem Leben gerissen wurde. Auch der Story von "Enter the Void" liegt ein schwerer Schicksalschlag zu Grunde. Oscar und seine Schwester Linda haben als Kinder bei einem Autounfall ihre Eltern verloren und wurden darauf hin getrennt in Heimen untergebracht. Oscar darbt später als kleiner Drogendealer in Tokyo vor sich hin und holt irgendwann seine Schwester nach. Sein Freund Victor lässt ihn auffliegen als er erfährt, dass Oscar dessen Mutter beschlafen hat. Auf der Flucht vor der Polizei wird Oscar im Drogenrausch erschossen. SPOILERanfang. Seine Seele lebt jedoch weiter. Sein Leben läuft in Rückblenden an ihm vorbei. Als Zuschauer beobachten wir "mit Oscars Augen" aus der Vogelperspektive (Noé`s schon aus "Irreversible" bekannte "fliegende Kamera"), wie es mit seiner Schwester und seinem anderen Freund Alex, der letztendlich mit Linda zusammen kommt und mit ihr ein Kind zeugt (als das Oscar wiedergeboren wird) weitergeht. Oscar und Linda hatten sich als Kinder geschworen, immer beieinander zu bleiben...SPOILERende

Wer Gaspar Noé kennt, weiß, dass er niemals "normale Filme" dreht. Zeit und Raum verschachtelnde Erzählweise, kreative Visualisierung, Vertonung sowie drastische Direktheit sind seinen Filmen immanent. Das besondere an "Enter the Void" ist wohl weniger die esoterisch angehauchte Story an sich, sondern die Machart. Bei "Menschenfeind" war es z.B. die Einbeziehung des Zuschauers in die Gedankenwelt des Protagonisten und die Handlung ("Warnung! Schalten sie den Film jetzt ab"), bei "Irreversible" die rückwärts erzählte Handlung und "Enter the Void" zeichnet eine fast durchgehend verfremdete Optik aus. Tokyo wird als knallbunter, neonlichtgetauchter Moloch dargestellt ("künstlich, fremd und kalt"). Der Zuschauer sieht mit Oscars Augen (Handkamera inkl. Abblenden beim Lidschlag), erlebt einen visuell bizarren Drogentrip ("Realitätsflucht"), einen Autounfall (inkl. unschöner Kopfverletzungen und markerschütternd schreiender Kinder), eine Zeugung (aus der "Innenansicht") sowie eine Abtreibung (inkl. Foetus in Nahaufnahme) ultrarealistisch mit. Bildabfolgen sind mitunter extrem beschleunigt. Die Kamera fliegt und wirbelt. Nix für Epileptiker und Leute mit empfindlichem Magen.

Und damit wären wir bei den Kritikpunkten. Gaspar Noé übertreibt es zusehends mit den technischen Spielereien und den vermeintlichen Schockszenarien. Der Film ist außerdem entschieden zu lang. Spätestens wenn die Kamera 10 mal über Tokyos Straßenschluchten geschwebt ist, fängt einen das an zu langweilen. Auch die vielen (softcore) Kopulationsszenen sind so nicht nötig. Wenn man den Foetus aus der Entfernung in der Nierenschale liegen sieht ahnt man, dass die Kamera da noch dicht heranfährt (und genau...). Tja und die grellbunte, verzerrte Optik ist für die Augen natürlich alles andere als schön. Ich habe manchmal einfach die Augen kurz zugemacht, weil es mir zu anstrengend war. Das ist natürlich so gewollt und gehört zum Film. Trotzdem wirkte auch hierbei einiges zu "exzessiv auswalzend". Man hat letztendlich leider den Eindruck, dem Regisseur wäre das Artifizielle wichtiger als die Geschichte und seine Figuren an sich. So schafft man es als Zuschauer auch nicht so gut wie in den Vorgängerfilmen, sich mit den Personen zu identifizieren und deren Schicksal nachzuvollziehen bzw. mitzufühlen. Zu Gute halten muss man Noé allerdings, dass er es schafft, die L e e r e sehr gut fühlbar zu machen und trotz aller Kaputtheit die Welt noch mit etwas Trost zu füllen (der Schluss ist nämlich tatsächlich "schön").

Fazit:
Gegenüber "Menschenfeind" und "Irreversible" fällt "Enter the Void" etwas ab. Gaspar Noé geht es wahrscheinlich ähnlich wie David Lynch. Wenn man quasi schon alle Grenzen verschoben hat, wird es immer schwieriger noch eins draufzusetzen. Geniales und Banales liegt oft dicht beieinander. Wenn der Film als solcher vielleicht auch keine Höchstwertung erreicht, so muss man ihn trotzdem als gelungenes filmisches Experiment beurteilen. Eine "Erfahrung" ist er allemal.
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