Kundenrezension

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erstaunlich reifes Debüt mit bewegenden Erinnerungen an das Leben in der DDR, 28. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Ab jetzt ist Ruhe: Roman meiner fabelhaften Familie (Gebundene Ausgabe)
Zum zehnjährigen Todestag von Marion Braschs Bruder, dem Multitalent, dem großen Lyriker und Dramatiker Thomas erschien 2011 im Arche Verlag das Buch "Kinder der Preußischen Wüste". In diesem weit gefächerten, leider recht mittelmäßigen Buch kommt Marion Brasch überhaupt nicht vor. Das hätte möglicherweise der Auslöser für das Schreiben dieses Debütromans gewesen sein können, doch Marion Brasch hat in einem Interview gesagt: "Meiner Tochter wollte ich die Geschichte erzählen". Vielleicht ist deshalb der Untertitel doch, je nach Sinnverwandtheit, eher eine beschönigende Umschreibung.

Ihre erste Buchveröffentlichung "Ab jetzt ist Ruhe" soll nicht an das bekannte "Ins-Bett-bring-Ritual" aus Kindertagen erinnern, sondern sie möchte damit auch zum Ausdruck bringen, dass die Geschichte der DDR-Nomenklatur, die Geschichte des sozialistischen Regimes, all das was mit dem Leben in dem merkwürdigen deutschen Staat verbunden nun in Frieden ruhen möge. In dieser Beziehung hat der Roman in seiner Zielsetzung gewisse Ähnlichkeit mit Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (s. meine Rezension 10.03.2012). Auch Ruge rechnet nicht ab, wenn er auch in wesentlichen Passagen kritisch mit den Überresten alter Kulturen umgeht, aber Marion Brasch erzählt eine ostdeutsche Familiengeschichte die zeitweise mit einer Prise von verklärtem Blick daherkommt und oft die scheinbar auch die Zielsetzung hat mögliche Idylle des Systems aufzuzeigen, zumindest aus dem Milieu der Funktionärsschicht. In dieser Beziehung hat die Autorin auch eine ganz andere Sichtweise wie beispielsweise Julia Frank, die in ihrem Roman "Rücken an Rücken" (s. meine Rezension19.02.2012) von brutalen, angsttraumhaften Zuständen berichtet.

Das Schicksal der Familie Brasch ist mit der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts auf äußerst schmerzliche Art und Weise verstrickt. Eigentlich schreibt man eine Familiengeschichte als Biografie, Marion Brasch hat die Bitterkeit eliminiert und als Medium die Romanform gewählt, genauer die Autografie, in der sie nun mit sensiblem erzählerischem Geschick, in heiterem Smalltalk, mit viel Humor und Leichtigkeit - obwohl es eine sehr harte und schmerzliche Geschichte ist - die bewegende, auch für sie sehr wichtige Familiengeschichte dem Leser vermittelt. Die einzig Überlebende der Familie bleibt in ihrem Schreiben sehr nah an ihrer Familie, an Eltern und Brüdern, und nutzt damit vielleicht auch bewusst die Gelegenheit rückblickend ihre Familie besser zu verstehen, die eine oder andere schwierige Szene besser zu hinterfragen.

Der Vater Horst Brasch war wegen seiner jüdischen Herkunft während der NS-Diktatur nach England emigriert, hat dort die FDJ mitbegründet. Im Exil lernte er seine aus einer sehr wohlhabenden Familie stammende Frau Gerda kennen, mit der er dann 1946 in die DDR übersiedelte. In der DDR stieg Horst Brasch schnell auf, wollte als Politiker seine Ideale verwirklichen und war für kurze Zeit stellvertretender Minister für Kultur. In der sehr ungewöhnlichen Familie nahm alles einen tragischen Verlauf. Es gab vier kluge, autonome Kinder die einen anderen Weg einschlagen als der Vater. Das zerreißt zwangsläufig die Familie.

Die beiden Brüder die Schriftsteller Thomas und Peter, genau so wie der Schauspieler Klaus sind alle sehr früh gestorben. Der 1945 geborene älteste Sohn hat die Verletzungen, die er durch das DDR Regime und die Erziehung seines Vaters erlitten hat, nie überwunden. Er war Opfer des Systems. Selbst als er staatsfeindliche Flugblätter wegen der Niederschlagung des Prager Frühlings verteilte hat der Vater seine Treue zum System über die Liebe zu seinem Sohn gestellt. Der Sohn kam ins Gefängnis, doch auch für den Vater war es das Ende der Politkarriere. Thomas, dessen berühmtester Roman "Vor den Vätern sterben die Söhne", so etwas wie eine Vorahnung war, floh dann 1976 in den Westen. Alle drei Söhne die mehr oder weniger verbissen gegen die Autorität des Vaters und die ganze Vätergeneration aufbegehrten starben früh an Drogen, Alkohol oder einer Überportion von Tabletten - "sie haben sich aus dem Leben getrunken"- schreibt Marion Brasch. Die einzige Überlebende der Familie Marion Brasch war erst 14 Jahre als ihre Mutter 1975 starb. Sie suchte als kleine Schwester die Versöhnung mit dem Vater, rebellierte nicht offen gegen das System, stieß dabei aber auf der Suche nach dem eigenen Leben im "falschen" oder "richtigen" Leben oft auch an ihre Grenzen. Der Vater, der 1989 starb, hat den Abgesang auf seine sozialistischen Ideale, an die er bis zum Schluss geglaubt hat, nicht mehr wirklich miterlebt. Dieser Vater war ein sehr strenger, autoritärer, Prinzipien treuer Mensch, eine dominierende Figur im Familienverbund, um den sich alles drehte. Dass dann doch nicht so funktionierte, wie er sich das vorgestellt hatte kann man in dem Buch lesen und weiß so weshalb die Familiengeschichte diesen Verlauf genommen hat. Die Ideale auch in den Kindern verwirklicht zu sehen war das Anliegen der Eltern. Der Entzug der elterlichen Wärme und Liebe hat in gewisser Weise auch traumatische Defizite mit sich gebracht und in der Folge zu starken destruktiven Kräften geführt, denn ihre Brüder hatten alle Bindungsprobleme, Alkoholprobleme und Drogenprobleme. Ohne rückwirkend hinterfragend zu analysieren, erzählt Marina Brasch wie sich ihre rebellischen Brüder gegen den Vater aufbegehrten, um sich so aus der Dominanz des Vaters zu befreien.

Die Autorin war in diesem "Vierer Männerverbund" das einzige Mädchen, dazu das Nesthäkchen, sie konnte sich besser schützen, der Vater war ihr gegenüber auch wesentlich großzügiger, hat sie nicht so verletzt wie die Brüder. So war ihr Verhältnis zum Vater inniger. Das bewahrte sie vor einem Absturz. Eine kleine Sucht, die sie dennoch hatte, die sie aber überwinden konnte, wird in dem Buch auch erwähnt. Man hat als Leser auch den Eindruck, dass die Autorin außerdem eher als ihre Brüder im Stande waren, Kompromisse einzugehen, das heißt einen Mittelweg zu gehen, ohne sich kompromisslos gegen die ideologischen Erwartungen des Vaters aufzulehnen. Sie war in gewisser Weise viel opportunistischer, vielleicht auch um dem Vater zu gefallen. Auch dieser Opportunismus, den sie dann später abgelegt hat, hat sie wahrscheinlich auch vor einem Absturz bewahrt.

Vielleicht war dieser Roman für die Autorin in gewisser Weise auch eine Therapie, um im Nachhineinen Risse, Brüche und Missverständnisse, die es immer wieder innerhalb der Familie gab, besser zu verstehen. Und die Autorin schreibt in einem Ton der den Leser nicht bedrückt macht und auch nicht runter zieht. Sie nutzt die Romanform, um Fakten und Fiktion zu mischen, denn einige Leerstellen füllt sie mit nicht biografischen Passagen. Für ihre Brüder, die ihr oft sehr fern und fremd waren, findet sie in diesem Roman herzliche Worte der Zuneigung, Anhänglichkeit, Sympathie und bemerkenswerten Bewunderung, aber sie lässt sie namenlos.

"Ab jetzt ist Ruhe" ist, trotz enormer Fallhöhe zwischen Erlebtem und Erzähltem, eine im unterhaltsamen Plauderton erzählte, anrührende Familiengeschichte. Damit fügt die Autorin den ostdeutschen Familiengeschichten ein lesenwerte, bewegende Variante hinzu. Eine über weite Strecken durchaus auch witzige Reflektion über Marion Braschs eigenes Leben in einem Staat den es nun nicht mehr gibt.
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