Kundenrezension

7 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Reduzieren Sie Ihre Rundfunkgebühren!, 27. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Alisa - Folge deinem Herzen, Vol. 02 [3 DVDs] (DVD)
Meine Mitbewohnerin hat diese DVD aus Deutschland mitgebracht. War es Heimweh oder Neugier, warum ich einmal hineingeschaut habe? Wollte ich wieder einmal Deutsch hören?

Ich habe genau 22,5 Minuten von »Alisa, folge Deinem Herzen« ausgehalten. Dabei kam ich mir heldenhaft vor.

Wer alle 244 Folgen à 45 Minuten ansieht, braucht dafür 10.980 Minuten oder 183 Stunden oder 7,625 Tage. Es ist also so, als ob Sie eine Woche lang, Tag und Nacht, ohne Pause vor dem Fernseher sitzen. Das ZDF stiehlt Ihnen eine ganze Woche Ihres Lebens. Und was bekommen Sie dafür? Laienspiel, abgenutzte Klischees, reaktionären Kitsch und Filmmusik zum Hirnerweichen; (die ganze Zeit über ist man versucht, François Truffauts Aufforderung: »Schießen Sie auf den Pianisten!« wörtlich zu nehmen).

Diese Daily Soap ist so repetitiv wie eine Hitler-Rede. In Dialogen, die selbst Leser von Groschenheften als Zumutung empfinden würden, werden dem Zuschauer immer wieder dieselben Lügen eingehämmert: Man müsse nur »seinem Herzen folgen«, und alles sei gut. Die Absicht, die hinter dieser Produktion des deutschen Staatsfernsehens steckt, ist eindeutig: Das Volk soll zur Arbeit gehen, konsumieren und ansonsten das Maul halten. Diese Volksverdummung dient darüber hinaus dazu, Rentner und Arbeitslose ruhigzustellen.

Das ZDF bietet dem Zuschauer von »Alisa, folge deinem Herzen« einen garantiert »arischen« Nachmittag. Schwule, Juden, Lesben, Zigeuner, Bohemiens, Künstler, Exzentriker, Außenseiter aller Art scheint es in Deutschland nicht mehr zu geben. Es gibt nur noch die bei allen Widersprüchen letztendlich solidarische, gleichgeschaltete weiße Volksgemeinschaft in H&M.

Geschickt und manipulativ werden dem Zuschauer verschiedene Figuren zur Identifikation angeboten. Das Drehbuch scheint eher von PR-Strategen, Reklamefritzen und Psychologen mit geringem Berufsethos geschrieben zu sein als von Drehbuchautoren.

Der Extremismus der Mitte, der hier als einzig möglicher modus vivendi propagiert wird, ist der schlimmste Extremismus überhaupt. In historischen Krisenzeiten wie der unseren feiert er seine gefährlichen Triumphe.

Tamino und Papagena werden hier gegeben von dem Industriellensohn Christian und dem herzensguten Plebeiermädchen Alisa. Das liebe Blondchen kommt aus dem einfachen aber sauberen Milieu ihrer Adoptiveltern Gudrun und Karl Lenz, ist aber, ebenso wie ihr Bruder Jonas, durch an den Haaren herbeigezogene Umstände mit der Industriellen-Familie Castellhoff (sic!) verwandt. Die steife und pathetische Oberschichtfamilie Castellhoff wird vertreten von dem glatzköpfigen Firmenpatriarchen Ludwig und seinen skrupellosen Bruder Oskar.

Wahrhaft skrupellos ist allein das ZDF. Der Darsteller des Oskar, Andreas Hofer, ist dagegen der einzige richtige Schauspieler in der ganzen Crew, und man fragt sich, was dieser eindrucksvolle Charakterdarsteller eigentlich in so einer volksverdummenden Daily Soap zu suchen hat. Es gibt hier, typisch auch für faschistische Ästhetik, nur das absolut Gute und das absolut Böse. Oskar verkörpert letzteres. Er ist eine Art deutscher JR.

Natürlich darf auch der Halbgott in Weiß nicht fehlen. Dr. Paul Hartmann ist, so sein Türschild, »Allgemein Mediziner«. Es ist schon ein Unterschied, ob jemand Allgemein-Mediziner ist oder nur so ganz allgemein Mediziner. Oft steckt der Teufel in einem fehlenden Bindestrich. Die attraktive, aber intrigante Helen Burg ißt Sushi (mit stimmhaften S!), und die Flexion starker Verben scheint ein dialektal bedingtes Problem im fiktiven Harzstädtchen »Schönroda« zu sein. Dabei muß dahingestellt bleiben, ob die Drehbuchautoren keine Verbtabellen zur Verfügung hatten, oder ob die Schauspieler am Rande der Erschöpfung agieren. Wenn die armen, getäuschten Schauspieler glauben, »Alisa« könne ein Sprungbrett für ernsthafte Rollen in Theater und Film sein, werden sie sich grausam enttäuscht sehen. Daily-Soap-Darsteller sind bei Theater- und Filmleuten gefürchtet, weil sie als »versaut« gelten für ernsthafte Rollen, da ihnen die Präzision und Spannung seriöser Schauspielerei bei der Sklavenarbeit von Produktionen wie »Alisa« ausgetrieben wird.

Solchem Mißbrauch der Schauspieler und aller Mitwirkenden entspricht der topographische Betrug. Denn die abartige Sendereihe wurde in dem schon von Fontane gerühmten malerischen Havelstädtchen Werder gedreht. Garniert mit Archivaufnahmen vom Harz wird Werder zu »Schönroda« umgefälscht. Schönroda aber liegt nicht im Harz, sondern im Hartz IV.

Niemand, kein Mitwirkender, kein Zuschauer, kann unbeschadet aus dieser Gehirnwäsche hervorgehen. Wer als Couch Potato anfängt, regelmäßig »Alisa« zu gucken, endet als Zombie. Schon nach 22, 5 Minuten fühlte ich mich vollkommen verblödet.

Wenn ein Propagandist des Staatsfernsehens behauptet, »Alisa« sei nichts anderes als das Straßentheater, wie wir es von der Antike bis zur Commedia dell'Arte kennen, können Sie ihm entgegenhalten, daß dieses Straßentheater immer anarchistisch und subversiv war, sowohl was die Typen als auch was die Handlungen angeht, während eine Daily Soap wie »Alisa« die suggestive und totalitäre Propagandierung einer apolitischen, unkritischen und rein konsumistischen weißen Mittelschicht darstellt. So wie die Szenerie des Drehortes Werder werden alle menschlichen Regungen, Bedürfnisse und Gefühle hier im Klischee entleert.

60 ist offenbar nicht nur das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer, sondern auch ihr durchschnittlicher Intelligenzquotient; zumindest, wenn sie regelmäßig »Alisa« gucken. Während das Alter des ZDF-Zuschauers kontinuierlich steigt, senkt sich hier sein IQ ebenso unaufhaltsam ab.

Lebenszeit ist kostbar, und das ZDF geht sehr großzügig mit Ihrer Lebenszeit um. Wenn Sie einen Verantwortlichen beim Fernsehen ansprechen, wird er Ihnen vermutlich zynisch antworten, daß die Zuschauer solche wertlosen Produktionen »sehen wollen«. Er macht seinen eigenen Zuschauern damit allerdings kein Kompliment.

Laut Rundfunkgesetz hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen aber einen Kultur- und Bildungsauftrag. Dies besagt nicht, daß manche Sendungen diesen Auftrag haben und andere nicht, sondern er gilt für alle. Sie sind also berechtigt, angesichts von Veranstaltungen wie »Alisa« einen Teil Ihrer Rundfunkgebühren einzubehalten, vergleichbar einer Mietminderung bei nachhaltigem Schaden an Ihrer Wohnung.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-7 von 7 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 08.03.2010 00:51:34 GMT+01:00
Hubert412 meint:
Man kann eine Menge in so eine Serie "hineingeheimnisen" und reininterpretieren.
Fakt ist: die Darsteller sind für eine Telenovela ganz gut gecastet. Die Settings
sind liebevoll und die Idee mit den "Optischen Werken", dazu die Schleiferei nicht
dumm! Dumm aber ist, dass die beiden Hauptdarsteller nicht zusammenpassen und
noch dümmer ist die Handlung, welche am Ende allzu abstruse wirkt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.03.2010 15:25:32 GMT+01:00
Mowgli meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 09.03.2010 15:35:17 GMT+01:00
Mowgli meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 18.03.2010 01:38:59 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 18.03.2010 01:47:12 GMT+01:00
Groß. Alleine der "Anmerkungen" wegen hat es sich doch gelohnt, Alisa anzurühren...
Und was die Reduzierung der Rundfunkgebühren angeht: wenn das Studium der Rechtswissenschaft einem solche lebenspraktischen Winks bieten kann, dann ein Hoch auf die Jurisprudenz!

Veröffentlicht am 31.05.2010 00:49:54 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 31.05.2010 00:55:09 GMT+02:00
stanislawgrof meint:
Selten habe ich hier auf amazon eine so treffende Rezension gelesen!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.09.2010 18:47:21 GMT+02:00
Loxagon meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 21.06.2011 01:01:32 GMT+02:00
Amazon-Kunde meint:
"Der Extremismus der Mitte, der hier als einzig möglicher modus vivendi propagiert wird, ist der schlimmste Extremismus überhaupt. In historischen Krisenzeiten wie der unseren feiert er seine gefährlichen Triumphe. " ....
Krise, historisch ?
Frau Anja Friedrich, auch für Sie wird es ein Leben NACH dem Rücktritt eines Provinzadligen aus Bayern geben.
Anja, Sie schaffen das, folgen Sie nur Ihrem stolzen Bayernherzen.
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