Kundenrezension

13 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein Roman völlig entgegen aller Erwartungen: Ein routinierter Politthriller mit wenig Originalität, 2. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Irgendwie hatte ich bei Wolfgang Herrndorfs Roman "Sand" schon vor dem Kauf zwiespältige Gefühle: Zwar war mir der Autor bereits bekannt (aufgrund der sehr gelungenen Bühnenadaption seines Romans "Tschick" am Deutschen Theater Berlin), Umschlagstext und Rezensionen von "Sand" überzeugten mich aber nicht, so dass ich erst nach vielfachem Wiederzurücklegen den Roman doch noch gekauft habe. Dieses Bauchgefühl nachträglich bestätigend hat "Sand" in keiner Weise meine Erwartungen erfüllt.

"Sand" ist ein Politthriller, in dem Herrndorf (zugegebenermaßen routiniert) typische Versatzstücke dieses Literaturgenres zu knapp 480 Seiten arrangiert hat, wobei das beste am Gesamtwerk der durchaus gelungene Spannungsbogen ist. Um diesen für zukünftige Leser nicht zu unterminieren, lassen sich hier nur wenige Elemente des Inhalts verraten. Der Leser erlebt das klassische Szenarium eines "Romanhelden", der sich ohne Erinnerungen an das Davor mit einer veritablen Kopfverletzung in einer Schnapsbrennerscheune am Rande der Wüste wiederfindet. Schnell muss er feststellen, dass unterschiedlichste Gruppen auf ihn Jagd machen und von ihm etwas zurückhaben wollen. Was genau er aber besitzen soll, ist ihm genauso schleierhaft wie seine gesamte Identität. Robert Ludlum läßt freundlich grüßen ...

Der Leser muss sich zunächst ähnlich verwirrt wie die Hauptfigur durch das Geschehen lesen bis sich nach und nach die Sandschwaden etwas (allerdings nie vollständig) verziehen. Dem Metier treu bleibend tritt auch bald eine rätselhafte blonde Schönheit auf die Bühne, die in bester James Bond Manier unserem Romanhelden zur Seite zu stehen scheint. Bleibt eigentlich nur noch die Frage, wann unser Held mit ihr das Bett teilen und ob die holde Schöne noch ein zweites Gesicht zeigen wird? Bleibt noch zu erwähnen, dass das ganze Geschehen vor dem Hintergrund des palästinensischen Überfalls auf das olympische Dorf in München 1972 stattfindet, auch wenn diese Information für das Romangeschehen völlig ohne Relevanz bleibt.

Überhaupt bleibt vieles ohne Relevanz, so auch einige der im ersten Drittel des Romans detailliert aufgebauten Romanfiguren. In einzelnen Fällen scheinen sie überhaupt nur dafür erdacht worden zu sein, um etwas seltsame Meinungen vertreten zu können. "Lundgren hatte schon viel Elend gesehen in dieser Welt, und er hatte irgendwann herausgefunden, was das Problem des Trikonts und seiner Bewohner war. Neben vielem anderen fanden sie Gehirntätigkeit unmännlich." Oder im weiteren: "Konntest Du einer Frau hundert Dollar geben, und sie stampfte eine Näherei mit acht Angestellten aus dem Boden. Konntest Du einem Mann hundert Dollar geben: Bürgerkrieg. Und am schlimmsten die Araber. Was ihnen im Blut lag, war Nichtstun, Intrige und Fanatismus. Aber Nachdenken war für Frauen, und Frauen, das war auch klar, waren für Nachdenken bekanntlich zu dumm." (S64) Nun gut, Lundgren verläßt nach diesen tiefsinnigen Überlegungen die Romanbühne ohne wesentliche Spuren zu hinterlassen.

Führt man sich die Vehemenz der Diskussion um Krachts "Imperium" vor Augen, verwundert es etwas, dass Herrndorfs "Sand" bisher keinen Anstoß erregt hat. Wollte man einem Autor die Aussagen seiner Figuren um die Ohren hauen, wäre in "Sand" einiger Anlaß dafür zu finden.

Insgesamt ist "Sand" ein routiniert runtergeschriebener Politthriller mit einem gewissen Kinopotential, allerdings auch ohne jegliche Originalität. Von dieser Sorte gibt es viele Romane, allerdings stehen die im sortierten Buchhandel nicht im Regal "Romane/Literatur", sondern unter "Krimi/Thriller" und bekommen auch in aller Regel keine Buchpreise verliehen.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 05.04.2012 01:02:43 GMT+02:00
H. Müller meint:
Schade, dass es das Bauchgefühl bestätigt, aber nicht die Erwartungen erfüllt hat. Tipp: Nochmal lesen! Dann ergibt sich auch die Relevanz der im ersten Drittel detailliert aufgebauten Romanfiguren. Es sei denn, der Rätsel Lösung interessiert nicht.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.04.2012 02:23:01 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.04.2012 04:08:22 GMT+02:00
x meint:
Oder einfach nachlesen, was ein geübter Leser wie Michael Maar über den Roman zu sagen hat:

Veröffentlicht am 05.04.2012 11:31:18 GMT+02:00
A. Zanker meint:
Leider teile ich Ihre Meinung uneingeschränkt und kann Ihre Ehrlichkeit nur begrüssen, Ihre Rezension ist ein richtige Wohltat, danke dafür.

Grüsse,

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.04.2012 22:35:38 GMT+02:00
Hallo Herr Müller,
den Spannungsbogen des Romans habe ich ja durchaus gelobt und deshalb bin ich auch bewußt nicht auf die Frage eingegangen, wer wohl die gedächtnislose Hauptfigur sein mag. Wobei ich nach Lektüre des Artikels von Michael Maar nun zumindest feststellen kann, dass ich die Indizien richtig erkannt habe. Allein die Tatsache, dass der Autor aus der wenig originellen Grundstory durch geschickte Anordnung ein Rätselspiel für den Leser zu schaffen vermochte, ändert aber nichts an meiner Bewertung des Romans. Es ist nicht jedermanns Sache, in einem Roman mehr Zurückzublättern als Vorwärtszulesen, bzw. es erfordert ein spezielles Leseumfeld, um die erforderliche Spürarbeit leisten zu können (und zu wollen). Wobei ich durchaus glaube, dass "Sand" sein begeistertes Publikum finden wird (bzw. ja schon gefunden hat). Ich gehöre allerdings nicht dazu und dass habe ich mit meiner Rezension auszudrücken versucht.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.05.2012 13:22:31 GMT+02:00
Georg Diez meint:
Das Rätsel wer Carl ist? Dazu muß ich 480 Seiten lesen? Das schafft jedes Jerry-Cotton-Heftchen auf 70 Seiten kurzweiliger und origineller.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.07.2012 15:52:04 GMT+02:00
El Carnero meint:
Der Rätsel Lösung interessiert tatsächlich nicht!
Dazu ist das Buch zu schlecht geschrieben.
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