Kundenrezension

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die uns beleben, die können wir brauchen, dass sind die Klassiker." (Walser), 20. März 2011
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Gattopardo: Roman (Taschenbuch)
"Tempora mutantur, nosque mutamur in illis." (Ovid / Johannes Nas)

Eine im Titel wie in der Übersetzung neue Fassung lohnt sich zu lesen. Nicht nur, weil Tomasi hier seinen einzigen und in der Literatur nicht mehr wegzudenkenden Roman verfasst hat, sondern weil auch dieser Roman in Sprache, Empfinden und Bedeutung das Jahr 1860, das Land und seine Natur und vor allem den Umschwung zum Thema macht. Letzteres ist ein dauerndes, vervielfältigtes Thema und noch heute aktuell. Denn der Leitsatz, alles muss sich ändern, damit es bleibt wie es ist, tangiert nicht nur den Wechsel der feudalen Strukturen im Sizilien des 19. Jahrhunderts in eine neue politisch-gesellschaftliche Ordnung, sondern fordert alle Generationen, die, notwendigerweise, im immerwährenden Wechsel stehen. Der Wunsch, einen faustischen Teufelspakt des immer selben zu erreichen, einen Augenblick, der, weil so schön, ewig bleibt, verfängt sich im Irrealen. Vielmehr zeigt sich, dass die Veränderung ein Phänomen darstellt, welchem man zu folgen hat. Robert Musil sah, dass "die Menschheit einem Mann gleicht, den ein unheimlicher Wande[r]ltrieb vorwärts führt, für den es keine Rückkehr gibt und kein Erreichen". So auch hier in einem Sizilien der feudalen Herrschaft, der letzten, die im Zuge der Zeit sein Ende vorherbestimmt sah und doch in der bereitwilligen Änderung unter neuen Strukturen hoffen wollte, dass sich nichts ändere. Doch nichts blieb, wie es war.

Und so ist dieser Roman zugleich Zeugnis der Vorabende einer Gründung, nämlich der Gründung Italiens am 17. März 1861 und der gerade gefeierte Geburtstag Italiens verspricht vielleicht die gleichen Aufgaben wie vor 150 Jahren: Italien zu vereinen, heißt auch, Italiener zu werden. Die Zugehörigkeit zu diesem Land, welches nach all den Kämpfen die autarke Position der einzelnen Gebiete aufzugeben hatte zu Gunsten einer Nation, ist immer noch neu zu definieren. Denn nicht nur Süd-Tirol fühlt sich eigenständig, der Norden separiert sich vom wirtschaftlich schwächeren Süden und doch präsentiert sich eine Nation.

Diese Ursprünge nochmals zu erleben, zu erlesen, nachzuvollziehen im Gedanken der Jetztzeit, dazu lädt dieser Roman ein. Er zeigt ein Sizilien in seiner Schönheit, er zeigt eine Kultur in seiner Besonderheit und einen Wechsel, der individuell im Geschlecht des Hauses Salina sich auswirkt. Die politischen Veränderungen durch den Aufstand Garibaldis, die sozialen Veränderungen durch das aufstrebende Bürgertum umrahmen als historische Gegebenheit eine Liebesgeschichte zwischen den unterschiedlichen Ständen, denen Tancredi und Angelica angehören. Veränderungen mitzugestalten, um am Ende sich dem alten wieder verpflichten zu können, so Tancredis Utopie, erlebt der Leser hier als ein Scheitern. Schnell erkennt man, dass Unmögliches zu fordern heißt, das vielleicht Mögliche zu unterbinden. (vgl. Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels)

Alles dieses lesen Sie hier in einer wunderbaren Sprache, die diesen ersten und einzigen Roman, postum im Jahre 1958 veröffentlicht, des großen Guiseppe Tomasi di Lampedusa (1896-1957) einzigartig macht und damit lesenswert, sehr sogar.
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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.03.2011 18:14:43 GMT+01:00
Timo Brandt meint:
Von diesem Buch hatte ich bisher noch nie gehört. Sollte ich mir mal ansehen. Ihre Rezension hat mich auf jeden Fall dahingehend gezogen.

Übrigens habe ich heute angefangen im Genius: Die hundert bedeutendsten Autoren der Weltliteratur zu lesen - es ist schon merkwürdig, wie jemand brillant (um nicht grandios zu sagen) über Kafka und Goethe, auch über Shakespeare schreiben kann und dann so... ja, schlecht zum Beispiel über Rilke. Trotzdem war es wirklich ein guter Tipp, für den ich ihnen noch mal danken wollte. Ich lese solche Literaturverführer sehr gerne; haben sie schon mal Die wunderbaren Falschmünzer. 1800 bis 1875 / 1876 bis 1930. Ein Roman- Verführer. gelesen oder sich angesehen. Kann ich nur empfehlen.

Lieben Gruß
Timo Brandt

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.03.2011 21:24:44 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.04.2011 11:55:31 GMT+02:00
kpoac meint:
Lieber Herr Brandt,

ein großes Buch halten Sie in der Hand. Aber eins nach dem anderen:

1. Wenn Sie Zeit haben, lesen Sie Tomasi di Lampedusa
2. Bloom ist ein Kenner und ein Shakespeare Fan - lesen Sie hier: Shakespeare: Die Erfindung des Menschlichen, 1: Kömodien und Historien
3. Über Literatur schreiben ist ok, es zu lesen, offenbart die geheimen Wege, z.B. Des Lesers Selbstverständnis und auch Bloom
4. Danke für Ihren Tipp, werde mich auf die Suche begeben

lg
K.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.03.2011 09:01:26 GMT+01:00
Die wunderbaren Falschmünzer

Dieses Buch wurde mir in meinem jetzigen Deutschunterrrichtheft für mein Fernabitur empfohlen, ich habe sofort nachgesehen, ob es bei Amazon erhältlich ist und siehe da: Man kann es kaufen. Wenn Sie es mir ebenfalls empfehlen können, Herr Brandt, dann werde ich nicht zögern und es meinen neugierigen Augen als Gourmethäppchen für zwischendurch gerne anbieten.

LG

Veröffentlicht am 04.04.2011 10:34:29 GMT+02:00
Lieber K., wie konnte es anders sein - Sie haben wieder einmal auf den großen und unvergänglichen Roman des Giuseppe Tomasi di Lampedusa aufmerksam gemacht. Und ich hoffe, dass Ihre sehr schöne Rezension von vielen Lesern gewürdigt wird - und dass das Buch immer und immer wieder gelesen wird. Es gehört in den Kanon dessen, was wir gemeinhin Weltliteratur nennen.
Deshalb zum wiederholten Mal - Il Gattopardo schleicht sich vorbei an den vielen noch zu lesenden Büchern nach ganz vorn.
Herzlichen Gruß
H.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.04.2011 22:42:25 GMT+02:00
kpoac meint:
Ja, lieber H., da haben Sie Recht. Tomasi gehört zur Weltliteratur, spät entdeckt und doch mit sicherem Platz. Danke für Ihre Zustimmung. Liebe Grüße, K.
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