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Kundenrezension

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hochwertiges zum Philosophenkaiser, 19. September 2008
Von 
Rezension bezieht sich auf: Marc Aurel. Kaiser und Philosoph (Gebundene Ausgabe)
Binnen vier Jahren wird eine zweite beachtliche Neuerscheinung zu Marc Aurel vorgelegt, die auch für fachliche Laien eine sehr lohnende Lektüre darstellt. Marc Aurel war der letzte in der Reihe bedeutender Stoiker und wurde von den Römern der Spätantike als herausragender Herrscher verehrt. In Fündlings elegant ausgeführter und, wie die abschnittweise zusammengefassten Nachweise zeigen, gründlich quellenbasierter Darstellung wird er auf anregende Weise vorgestellt. Dabei berücksichtigt der Verfasser auch die jüngeren Veröffentlichungen zu Einzelaspekten in Vita und Regierungstätigkeit des Philosophenkaisers, sodass das Werk den aktuellen Forschungsstand repräsentiert.

Sehr einladend gestaltet Fündling z.B. das Anfangskapitel, das um die Geburt des Marcus und um die Perspektiven kreist, die sich daraus für die Mitglieder der Familie und für den Sprössling selbst ergaben. Dass dabei eher Annahmen und Erlebenswahrscheinlichkeiten zum Tragen kommen, die dem damaligen Zeithorizont entsprechen, als aus der Überlieferung herzuleitendes Wissen, tut der Qualität dieser Einführung in die Lebenswelt Roms zur Zeit der Adoptivkaiser keinen Abbruch. Auch die Begleitung dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit, die schon früh von Kaiser Hadrian für Herrschaftsaufgaben in Betracht gezogen und gefördert wurde, durch die Phase des Heranwachsens und während der aktiven Vorbereitung auf die Übernahme der Verantwortung von seinem Adoptivvater Antoninus Pius sowie über die wechselvollen Herausforderungen der Amtszeit als Kaiser des Römischen Reiches bis zu seinem Tod im Feldlager gegen die Germanen an der Donau ist ebenso kenntnisreich wie eingängig angelegt.

Problematischer wirken teils extrapolierte, teils spekulative Elemente, wo sie in Kombination mit einzelnen Stellen der "Selbstbetrachtungen" auf ein Psychogramm des Marcus zielen, getreu der im Vorwort aufgestellten Maxime: "Eine andere Pflicht ist die Suche nach Disharmonien oder möglichen negativen Folgen seiner Harmonie", weil Marc Aurel nach Fündling "eine Person aus einem Guss" sein wollte. (S. 12) Dass dem Verfasser ein schlüssiger Zugang zur Lebensphilosophie Marc Aurels letztlich fehlt, zeigen gelegentliche Missgriffe bei dem Bemühen um Vergegenwärtigung, so z.B., wenn die Wahl des Griechischen für die "Selbstbetrachtungen" gedeutet wird als Flucht aus der gewohnten Umgebung, "etwa als hätte er einen Kopfhörer aufgesetzt", oder wenn als "das beherrschende Thema" die Kürze des Lebens bzw. die Irrelevanz seiner Länge herausgestellt wird in Verbindung mit einer freudigen Todeserwartung und dem Vorsatz, "inzwischen so zu leben, als wäre er schon tot und verbrächte eine 'Nachspielzeit'". (S. 118f.) Ebenso vordergründig-fragwürdig und leicht effekthascherisch ist die gleichsam bilanzierende Aussage: "Ein Freud-Schüler würde ein pathologisch starkes Über-Ich diagnostizieren." (S. 125)

Etwas vage erscheint dementsprechend Fündlings Umgang mit den tiefgründigen "Selbstbetrachtungen" Marc Aurels, die trotz des zusätzlichen eigenen Kapitels (S. 115-129), das ihnen gewidmet ist, eher nur als Anhängsel in die Sachdarstellung immer dort eingeflochten werden, wo sie im Einzelfall passend erscheinen. Wer danach fragt, was mit den Reflexionen Marc Aurels unter Gegenwartsbedingungen gesellschaftspolitisch, philosophisch und individuell anzufangen sei, kann aber mit Adrogans' "Marc Aurel als Kompassnadel - Lebenskunst in der Weltgesellschaft" (2004 erschienen) auf eine in ihrer systematischen Zuordnung zu wichtigen Lebensbereichen gut geeignete Ergänzungslektüre zu Fündlings Abhandlung zurückgreifen.

Dessen Lebensdarstellung des Marcus ist trotz Einwänden im Detail insgesamt mit Gewinn zu lesen und in sich abgerundet, ohne das Lebensumfeld und die zeitlichen Bedingtheiten von Dasein und Wirken des Philosophenkaisers zu vernachlässigen. Dass Fündling die Zeichen der Zeit zu erfassen und eindringlich zu schildern vermag, zeigt er insbesondere bei der detaillierten Darstellung von Voraussetzungen, Begleitumständen und Folgewirkungen der an der Peripherie des Römischen Reiches sich sammelnden und die Friedensära Roms durch militärische Einfälle beendenden Parther, Germanen und Mauren. Die Dramatik des Geschehens, in dessen Verlauf Marc Aurel - zunächst gemeinsam mit seinem Adoptivbruder und Mitkaiser Lucius Verus und nach dessen Ableben allein - den Prinzipat der Friedensepoche, widerwillig und der Not gehorchend, der Ausgangsform einer Militärmonarchie wieder annäherte, wird eindrucksvoll facettenreich ausgeführt, einschließlich der "antoninischen Pest", die ihrerseits verheerende Wirkungen gezeitigt hat. (S. 87-114, 132-138)

In der Deutung zeigt sich Fündling zupackend, ohne dabei die Bodenhaftung seriöser historischer Forschung zu verlassen; und er urteilt meist plausibel: also ein über den Kreis der Fachhistoriker und philosophisch Interessierten hinaus empfehlenswertes Buch.
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