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29 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Skurrile Theorie mit falschen Voraussetzungen, 18. Juli 2012
Rezension bezieht sich auf: Warum die Menschen sesshaft wurden: Das größte Rätsel unserer Geschichte (Taschenbuch)
Wie zahlreiche Gelehrte, die sich einen Namen machen wollen, wartet Reichholf in seiner populärwissenschaftlichen Darstellung der Menschheitsentwicklung bis zur Entstehung der Landwirtschaft mit einer originellen Theorie auf. Demnach seien Ackerbau und Viehzucht durch das Bedürfnis entstanden, Ressourcen für gemeinschaftliche Feste zu produzieren, deren man ständig in größeren Mengen bedurfte, weil unter dem Einfluss der Religion Umfang und Frequenz der Zusammenkünfte der Jäger-Sammler-Gruppen wuchsen. Das Getreide sei anfänglich nicht zu Brot oder Fladen, sondern zu Bier verarbeitet worden, dessen Konsum den sozialen Zusammenhalt festigte.

Abgesehen davon, dass sich diese Theorie nur auf wenige Indizien stützen kann und daher über eine bloße Vermutung nicht hinauskommt, beruht sie auf falschen Voraussetzungen, nämlich der Annahme, Wildgetreide habe anfänglich nicht als Hauptnahrungsgrundlage gedient, da nur geringe Mengen hätten geerntet werden können, und das nur auf dem Wege des "mühevollen Sammelns kleiner Körner" (S. 185). Und selbst wenn die Ernte reichhaltig gewesen wäre, sei es unmöglich gewesen, sie dauerhaft zu lagern.

Hätte Reichholf ethnologische Erkenntnisse herangezogen, so wäre ihm nicht entgangen, dass zahlreiche Menschengruppen, etwa in Nordamerika und Nordaustralien, den Hauptteil ihrer Nahrung durchaus aus riesigen, natürlich wachsenden Wildgetreidefeldern bezogen haben, wie sie im Vorderen Orient um 10000 v. u. Z. ebenfalls bestanden haben dürften. Die Körner wurden nicht "mühevoll gesammelt", sondern mit Stöcken abgeschlagen und in Körben oder Kanus (nordamerikanischer Wasserreis) aufgefangen, und zwar in einem singulären, kollektiv organisierten Erntevorgang (Reichholf scheint merkwürdigerweise anzunehmen, die Ernte sei ein permanenter Prozess, dessen Aufwand den Ertrag übersteige). Die auf Pfählen aufgestellten oder aufgehängten, mit Harzen oder Ähnlichem abgedichteten Vorratsbehälter waren vor Tierfraß, Regen usw. bestens geschützt. Die Sesshaftigkeit war damit übrigens bereits gegeben und ist folglich nicht abhängig vom Ackerbau.

Da Reichholf diese simplen Tatbestände nicht berücksichtigt, muss er die Frage, wie aus dem beschränkten Getreideanbau zum Bierbrauen später die Nahrungsbasis der Hochkulturen mit ihren Millionen von Menschen werden konnte, vollständig ausblenden. Zum eigentlichen Problem dringt er folglich gar nicht erst vor, wie nämlich durch sukzessive, aber nicht zielgerichtete Eingriffe des Menschen in die Natur bei bestimmten Pflanzenarten sich Mutationen mit "Domestikationsmerkmalen" wie feste Ähren und gleichzeitige Reifung in großem Maßstab durchsetzen konnten, die üblicherweise nicht überlebensfähig waren. Hier wäre auf biologische Erkenntnisse zum Thema Symbiose zu rekurrieren, die auch die "Domestikation" bestimmter Tierarten erklären helfen.

Erst wenn diese Vorgänge geklärt sind, kann man sich der Frage, wie aus dem bloßen Abernten natürlicher Wildgetreidevorkommen der Ackerbau geworden ist, der die Ansiedlung kolonisierender Nahrungspflanzen auf beliebigen freien Flächen durch Aussaat bewusst veranlasst, sinnvoll zuwenden. Davon ist Reichholf weit entfernt. Auch zu den damit erforderlich gewordenen Veränderungen in der Sozialstruktur und der Ideologie der Verbände liefert die von Reichholf komplett ignorierte Ethnologie wertvolle Hinweise. Er liefert letztlich nur den Beweis, dass rein archäologische und erdgeschichtliche Betrachtungen trotz oder gerade wegen ihrer Beschränkung auf das Belegbare zu falschen und in diesem Fall sogar höchst skurrilen Ergebnissen in der Beantwortung der wichtigen Fragen hinsichtlich der Menschheitsentwicklung führen können.

Eine systematische, ethnologische und archäologische Erkenntnisse sowie biologische Einsichten in die Bedingungen erfolgreicher Selektionen von Pflanzen und Tieren berücksichtigende Darstellung der Entstehung der Landwirtschaft steht offenbar immer noch aus. Ansätze finden sich in den derzeit nur antiquarisch erhältlichen, populärwissenschaftlich angelegten Büchern von Jost Herbig: "Im Anfang war das Wort" (1984) und "Nahrung für die Götter" (1988).
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Kommentare


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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.11.2012 19:49:31 GMT+01:00
CdB meint:
Sehr gute Rezension, da wird in dem Buch ein Problem aufgemacht, dass er in der (angenommenen) Einfachheit gar nicht besteht. Fundierte Kritik, die meinem (bescheidenen) Wissen hierzu durchaus entspricht. Danke.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.03.2013 15:21:50 GMT+01:00
Scipio meint:
Bei Reichofls Theorie gewinnt man den Verdacht, dass da der Bayer über den Wissenschaftler gesiegt hat.
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