Kundenrezension

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zu trocken und gewöhnlich, 30. Juni 2007
Rezension bezieht sich auf: Three Sides Live (Definitive Edition) (Audio CD)
Das 1981 mitgeschnittene Hauptrepertoire des Albums besteht hauptsächlich aus Material der Alben "And Then There Were 3", "Duke" und "Abacab". Was ältere Stücke anbelangt, so sind aus der Gabriel-Ära "In the Cage" und ein Instrumentalmedley vertreten, aus der Quartett-Ära "Afterglow", welches bereits Platz auf "2nds Out" hatte.

Eben ein großer Unterschied zum Vorgänger ist, dass die meisten Songs sich kaum von den Studioversionen unterscheiden. Abgesehen von "Follow You Follow Me", welches hier etwas rauh ausgefallen ist, sind die Darbietungen entweder genauso gut wie das Original oder gar etwas besser, denn natürlich gewinnen sie Stücke an Fülle, wenn z.B. in "Behind the Lines" zwei Schlagzeuger spielen und der talentierte Stuermer die Leadgitarre bedient, aber es reicht nicht aus, um sie zu etwas besonderem zu machen. Die große Ausnahme bietet "Abacab", das im 1. Teil zwar nicht heraussticht, jedoch das Instrumental, welches in der Studioversion etwas müde und langwierig ausfällt, blüht hier auf, indem Collins den Hauptrhytmus mit Fill-Ins bereichert und Rutherford ein tolles Solo hinblättert. Auch der Abschluss ist derartig gelungen, dass es gar schade ist, dass er keinen Platz auf dem Studioalbum bekam.

Ein anderer Aspekt ist, dass die Darbietungen zu perfekt sind. Man hat den Eindruck, dass jeder Ton und Schlag durchdacht und eingeplant ist, sodass nichts dem Zufall überlassen bleibt. Während "Cinema Show" auf "2nds Out" eine absolute Klangfülle an spontanen Einfällen lieferte, hat man hier fast schon den Eindruck, als ob nicht eine Band, sondern ein Computer spielen würde. Auch der Abschluss, bei dem sich die Schlagzeuger (5 jahre zuvor Collins und Bill Bruford) wunderbar gegenseitig ergänzten, hat hier, im passiven Metrum gespielt, nur einen besänftigenden Charakter. Und dieses ist ein weiterer Punkt. Spielte die Konstellation von zwei Schlagzeugern in der 2. Hälfte der 70er noch eine sich gegenseitig ergänzende Rolle, scheint es hier bloß darum zu gehen, den Beat nicht mit Schnickschnack zu bereichern, sondern durch genaues Eins-Zu-Eins-Spiel lediglich dicker klingen zu lassen. Schade...

CollinsŽ düsterer Gesang auf diesem Album ist Geschmackssache. Seine Interpretationen sind oft zu freizügig und zu stark improvisiert, was sich nicht immer als Vorteil erweist. Er knurrt, stöhnt, schreit und jault. Manchmal spuckt er lässig die Textzeilen heraus, sodass sie unverständlich sind ("Dodo"). Im verlängerten, etwas reggae-angehauchten, Ende von "Misunderstanding" geht er mit wiederholten Skandieren der abschließenden Textzeile schon an die Geduldsgrenze des Hörers. Doch bei "Afterglow" übertrifft er sich völlig, leider im negativen Sinne. Die wehmütige, nette Ballade erhält hier eher den Charakter einer erzählten, als gesungenen, Geschichte, die von Musik untermalt wird. Leider raubt es dem Lied jeglichen ursprünglichen Reiz. Je weiter es voranschreitet, desto selbstverliebter geht Collins in sich auf, indem er die Textzeilen übertrieben geradezu pathetisch herausschreit. Und falls er auf der Bühne einen Strick hängen hätte, würde er sich mit dem kläglichen Ausrufen von "I miss you moooooore!!!" bestimmt aufhängen. Völlig grotesk. Der tatsächliche Höhepunkt des Albums ist somit "In the Cage", welches präziser und fetter klingt als das Original. Stuermers Gitarrenparts, obwohl diametral anders als Hacketts, fallen hervorragend aus.

Unverständlich ist es, warum man die vorhandenen freien Minuten nicht mit weiterem Material der Tour füllte ("Who Dunnit", "No Reply at All", "Man on the Corner"), sondern, in der US-Version, mit B-Seiten oder, in der GB-Version, mit ein Paar Livestücken aus der Zeit 1976/78/80. Dadurch fällt das Album äußerst uneinheitlich aus. Trotzdem sollte man nicht klagen. "One for the Vine" klingt rhytmisch um einiges besser als im Original. Leider macht sich das fehlen von Mellotron und Hacketts Gitarre bemerkbar. "Fountain of Salmacis" darf ruhig mit der Urversion wetteifern. Es klingt bodenständiger, aber um einiges dynamischer. Zudem liefert Stuermer am Ende ein hervorragendes Solo ab. Warum Genesis auf der 1976er Tour für die Zugabe den nichtssagenden Song "It" nahmen, ist unverständlich. Abgesehen von netter Gitarrenmelodie ist er äußerst unauffällig. Das Intro mit Bruford ist trotzdem reizvoll, als auch seine Herangehensweise an den Rhytmus. "Watcher of the Skies" sticht wiederum mit absoluter Dynamik und verspieltheit heraus, welche dem Original fehlte. Nur das Geschreie am Ende hätte man herausfiltern sollen.

Da Genesis im Gegensatz zu anderen Bands (z.B. Marillion) wenig Konzertalben veröffentlicht haben und sie alle sich voneinander stark unterscheiden, ist das Album sicherlich empfehlenswert, zudem die Band hier absolut vor Energie und Spielfreude strotzt. Konservative Fans werden an dem Album viele Kritikpunkte finden, da die Band sich auf Minimalismus konzentriert anstatt auch technische Versiertheit, was bereits eine Vorahnung auf ihre weitere Entwicklung war.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.07.2013 15:48:43 GMT+02:00
Interessante und reflektierte Rezension, der ich in weiten Teilen überhaupt nicht zustimmen kann. Was Collins hier gesanglich abliefert, gehört für mich zum Besten in der langen Genesis-Geschichte. Man hört geradezu heraus, dass es ihm damals nicht sonderlich gut ging, er singt hier fast um sein Leben, das hat er später leider nie mehr wieder gemacht. Insbesondere im Doppel In-the-Cage-...Medley/Afterglow fallen mir damals wie heute fast die Ohren ab - im positiven Sinne. Überhaupt ist dieser knapp 20-minütige musikalische Orgasmus für mich absolute Prog-Referenz. Wie erbämlich ist oft dagegen das, was heutige Pink-Floyd-geschwängerte Neo-Prog-Epigonen abliefern. Mir gefallen auch die Live-Tracks aus der Duke-/Abacab-Phase, "Duchess" in der Live-Version kann mir gar nicht kitschig genug sein. Und "Abacab" in der hier gebotenen Version, da bin ich voll bei Ihnen, ist in seiner energischen, düster-agressiven Kompaktheit soundtechnisch und auch spielerisch herausragend. Chester Thompson ist vielleicht eher die Collins-Doppelung an den Drums, hat weniger Eigenleben als Bruford auf "Seconds Out". Aber so vielgepriesen und schön und in sich geschlossen dieses Live-Doppelalbum auch ist (Suppers Ready!), brauche ich immer wieder auch das Rauhere, Zerissene von "Three Sides" bzw. "Four Sides Live".
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