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4.0 von 5 Sternen Gitarre, Zigarette, Fummeln, Flachlegen, danach Bier trinken, 29. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Eiersalat in Rock (Audio CD)
"Eier haben" (Komparativ: "DICKE Eier haben") ist, ähnlich wie "Ein amtliches Brett abliefern" und "Ordentlich einen verlöten", eine idiomatische Rock-Redewendung, die eine je nach Adressat anders tarierte Mischung aus Rückgrat, gesunder Ignoranz, Coolness und Chuzpe zusammenfasst. Prüft man die Anwendbarkeit dieser 4 Attribute auf Helge Schneider, kommt man nicht umhin, ihm kartonweise Eier attestieren zu müssen. Einerseits, weil er es Ernst meint mit dem Jazz, indem er der einzig wahre Stehgreif-Komiker Deutschlands ist; andererseits weil er sich mit seiner Kunst schon seit vielen Jahren (zuletzt, mit "Sommer, Sonne, Kaktus!", auf einem kommerziellen Höhepunkt) neben allerlei Lustigheimern behauptet, die Witze übers Einparken und In-die-Dusche-pullern machen.

Abgesehen davon, daß es sich (größtenteils) um eine Arbeit zum Thema "Rockmusik" handelt, wodurch es zu einem gewissen Überhang an mikrophonisch feedbackenden Stromgitarren kommt, ist "Eiersalat in Rock" gar nicht so anders als andere Schneider-Alben. Das fängt schon bei der Songauswahl an: Alles abgewetzte Kamellen. Wie bei den Jazz-Stücken, von denen er im Laufe seiner Karriere etliche gespielt hat: Fast durch die Bank geläufigere Standards. Aber was soll er auch sonst tun? Das Rumhökern mit Geheimwissen würde, imaginiere ich mal, die Humor-Komponente im Gesamtkunstwerk gefährden. Die Jazz-Komponente muß eingängig bleiben, so daß auch Unkundige zumindest mit leicht glasigen Augen mitschnippen können. Der Künstler selbst macht sich über derlei konzeptionellen Kokolores wahrscheinlich sowieso keinen Kopf und legt einfach los.
Selten klang ein 4-to-the-floor gerumster 12-Takter so sehr nach LOSLEGEN wie "We Are The Firef♪☼◄‼§s". Die Band weckt ungute Erinnerungen an epigonale Kleinstadt-Hardrockkapellen bei ihren ersten Proben: Ungestüm, ungelenk, mit dem Mut der Verzweiflung und dem sicheren Gefühl, gerade richtig dicke Eier (mit zum Zerreißen gespannter Haut drumrum) zu haben, schlingert man sich scheppernd durchs abgeschmackte Blues-Schema. Der Themenkatalog ist schnell durchgenommen: Gitarre, Zigarette, Fummeln, Flachlegen, danach Bier trinken. Sich im allgemeinen marodierend durch "...your town..." rammeln. Kennt man alles. Klingt aber in diesem speziellen Fall tatsächlich eher nach Eiersalat denn nach Eiern.

Vintage eiermäßig wird es, wenn Schneider sich z.B. an GARY MOOREs "Still Got The Blues" ranmacht, es komplett entschaffelt und ihm mit ultra-sonorem Milowitsch-Gebrummel...nein, nicht alles Zähne zieht, sondern vielmehr kreuz und quer ein paar kräftige Hauer ins Zahnfleisch rammt. "Still Got The Blues", das ist ja Musik für Menschen, die ihren 12/8 am liebsten mit Sitzheizung und einer Karaffe Rotwein mögen, also für Musikhörer ohne Eier - und diese wahrlich desperadohafte Version macht mir "Still Got The Blues" mehr als erträglich. Sie verschafft Genugtuung. Selbiges läßt sich über die Interpretation von PROCOL HARUMs "A Whiter Shade Of Pale" sagen. Dessen Sodbrennen erzeugende, pseudo-bedeutungsvolle Barockwanstigkeit (mit von Bach inspiriertem Orgelthema, uiii, da mach' ich mal lieber schnell einen Diener) wird nonchalant von einem flotten Discobeat weggewischt, über dem sie diese alte Schweinehälfte von einem Sympho-Rock-Song zügig runtergespielen. Schneider singt dazu ÄUSSERST textverständlich und schreit die Refrains, wie Tom, wenn Jerry seinen Schwanz mal wieder geschickt in die Mausefalle bugsiert hat; ja, Helge Schneider läßt sich sogar dazu hinreißen, das Thema auf "Laaalalala...-LAAAAA!" mitzuknödeln. Zerstörung und Neubeginn begegnen dem Hörer hier in kaum je erlebter Gleichzeitigkeit.
Für "Ebony And Ivory" und das als schnelle Polka ins Rennen geschickte "Hey Joe" hat er sich "Natalie" (aus Togo) ins Studio geholt, die, unbeeindruckt vom akustischen Armageddon der Firef♪☼◄‼§s und mit dem nötigen Können, soulige Calls singt - die Schneider mit seinen Responses postwendend ad absurdum führt. Respekt an die junge Frau, daß sie sich für sowas hergegeben hat - stellvertretend für alle Damen und Herren, denen in ihrer Clique der Ruf anhaftet, daß sie gut singen können (also, vor allem SIE SELBST glauben das), aber in Wahrheit sind immer alle froh, wenn das Gejaule zu Ende ist. Und die Menschentraube vor der Karaoke-Bühne wird ganz langsam kleiner und kleiner.

Bei einem kühnen Unterfangen wie diesem kann und muß natürlich nicht alles gelingen: An "My Generation" scheitern sie, auch wenn (oder weil?) das Verausgabungslevel noch höher ist als anderswo auf dem Album. Gegen Roger Daltrey und die WHO kommen sie nicht an. "Copacabana" droht, in Langweile zu versanden und wird von einem übers Knie gebrochen sächselnden Backingvokalisten gegen Ende gerade noch gerettet: "Cöpa!" - und man schmeißt sich weg vor Kaputtlachen.

Am Ende blieb "Eiersalat in Rock" eine einmalige Sache. Die dazugehörige Tour brach Schneider gar vor ihrem Ende ab, wandte sich wieder dem Jazz zu und blieb dabei. Ausflüge in den Rock unternimmt er seitdem (wie vorher) fast nie - abgesehen natürlich von der massiv dekonstruktivistischen "Stairway To Heaven"-Version, die auf "The Köln Konzert" [2010] dokumentiert ist. Was er hier mit der alten LED-ZEPPELIN-Kreisch-Omi anstellt, grenzt an surrealistisches Eisenbiegen und geht viel weiter als alles auf "Eiersalat..." - nicht die beste Schneider-Platte also, aber als kleiner Exot im gewaltigen Oevre lasse ich sie gern mal laufen. Gern auch wegen der beiden Kurzhörspiele, die zu den besten ihrer Art gehören.
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