Kundenrezension

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was hätte sein können, wenn..., 10. Mai 2006
Rezension bezieht sich auf: Fatherland (Taschenbuch)
Man malt sich die Welt lieber nicht allzu genau aus, in der Robert Harris seinen Krimi "Fatherland" ansiedelt: Hitler hat am Ende doch noch den Zweiten Weltkrieg gewonnen, das Deutsche Reich reicht bis zum Ural und in den Kaukasus, und die Teile Europas, die nicht von Deutschland besetzt sind, haben den Status von Satellitenstaaten. Nach Kriegsende wurden auch die unzähligen Beweise für den Holocaust vernichtet (nicht ganz allerdings, wie sich herausstellen soll), es existieren nur Gerüchte. Das Deutsche Reich ist ein Überwachungsstaat Orwell'scher Prägung. Ein Horrorszenario fürwahr, das man sich nicht vorstellen will. Und wenn das Grauen zum Alltag wird, arrangiert man sich eben mit dem Grauen, garniert es gar mit den biederen Requisiten des Spießertums. Schließlich gewöhnt sich der Mensch an alles... Diese Überlegung bildet die Atmosphäre, in der Robert Harris einen Krimi ansiedelt:

Im April 1964 stehen die Staatsakte zu Führers 75. Geburtstag vor der Tür, und ein Besuch des amerikanischen Präsidenten Joseph (!) Kennedy steht an -- eine weitere Demutsgeste des freien Auslands.
Und nun wird die Leiche eines hochrangigen SS-Veteranen gefunden. Sturmbannführer Xavier (!) March (!) von der Berliner Kripo ermittelt, ein ehemals wohlgelittener Kriegsveteran, der aber bei der Obrigkeit nicht allzu hoch angesehen ist, denn er gehört beileibe nicht zu den hundertzwanzig-prozentigen Parteigängern. Bald bemerkt March Unstimmigkeiten und Merkwürdiges bei seinen Ermittlungen, stößt auf eigenartige Zufälle, kommt mit der Gestapo ins Gehege. Und er trifft auf die amerikanische Journalistin Charlotte Maguire, deren Recherchen seine eigenen Ermittlungen mehr als ergänzen. Ihr fürchterlicher Verdacht bestätigt sich, als sie die Belege für eine historische Tatsache zutage fördern, die heute zum Schulwissen gehören: Dokumente über die Wannsee-Konferenz, in der europaweit der millionenfache Mord an den Juden beschlossen wurde.

Harris hat hier eine Negativ-Utopie mit vorsichtig-optimistischem Schluss in Form eines Krimis geschrieben, und das gewagte Vorhaben ist ihm gelungen. Bedrückend das Nazi-Berlin, das er dem Leser präsentiert; ein Berlin nach den Plänen von Albert Speer, monumental, seelenlos, menschenverachtend. Die Menschen, die hier leben, wirken buchstäblich erdrückt von ihrer totalitären Welt -- erdrückt, aber nicht gesichtslos. Harris schafft es, vielen seiner Figuren ein unverkennbares Profil zu verleihen -- vielen, aber nicht allen. Manche, darunter leider auch Charlotte Maguire, sind etwas farblos geraten.

Auch historisch steht dieser Roman im Großen und Ganzen auf festem Boden, wenngleich Harris sich hier doch einige Schnitzer geleistet hat; dazu später.
Verblüffend gut getroffen hat der Autor die historischen Nazi-Größen aus dem In- und Ausland, die in "Fatherland" Wesentliches zur Handlung beitragen: Sei es der amerikanische Präsident Joseph Kennedy (der Vater von JFK), dessen antisemitische Haltung bekannt ist, oder der notorische Sadist Odilo Globocnik, und vor allem der Polizeichef Artur Nebe, hochintelligent und höchst zwielichtig. Ihre fiktiven Charaktere in Harris' Roman decken sich weitgehend mit dem Bild, das man sich anhand historischer Quellen von ihrem tatsächlichen Charakter machen kann.
Auch das präsumptive historische Umfeld hat Harris recht überzeugend konstruiert -- etwa den fortgesetzten Widerstand osteuropäischer Partisanen gegen die Besatzer, der wirkungsvoller ist, als die deutsche Bevölkerung erfahren darf, oder die brachialen Umsiedlungsprogramme, mit denen das noch brachialer entvölkerte Osteuropa besiedelt werden soll. Auch, dass man sich im Ausland mit einer solch monströsen Regierung arrangiert hat, wirkt glaubhaft. Dennoch hat Harris an einigen Stellen in seiner Recherche geschlampt: Dass in einem endgültig konsolidierten europaweiten Nazireich die tschechische Automarke "Skoda" in tschechischer Schreibweise verbreitet sein könnte, kann nur einer annehmen, der außer Englisch keine Sprache beherrscht (für diese These spricht auch der Name des Ermittlers: Xavier March...), sodass ihm das nicht auffallen kann. Aber das ist der harmloseste Schnitzer. Schwerer wiegt, dass Harris der Versuchung nicht widerstehen konnte, den Leser durch Spielereien zu verblüffen: So gibt es auch in diesem imaginären Europa 1964 eine Europäische Gemeinschaft (vorzustellen als Vereinigung der Satellitenstaaten, die auf den Befehl aus Berlin warten). Das kann man vielleicht noch akzeptieren. Aber dass diese Nazi-geführte EG -- nun kommt's -- aus exakt 12 Staaten besteht, beweist, dass Harris seine eigene fiktive, im Buch abgedruckte Europakarte nicht genau angeguckt hat. Es sind nämlich 13, aber damit wäre natürlich der Effekt dahin. Auch, dass Harris die deutsch-polnische Grenze von 1939 an die Oder-Neiße-Linie verlegt, zeugt nicht von stets akribischer Recherche. Tja -- und dann wundert man sich natürlich, woher die vielen Neusiedler im besetzten Osteuropa kommen sollen, und die 10 Millionen Berliner. So schnell kann sich die nationalsozialistische Familienpolitik ja doch nicht ausgewirkt haben.
Andererseits hat Harris die für seinen Roman relevanten historischen Fakten sehr genau recherchiert, sodass ich die erwähnten (und noch einige andere) Schnitzer nicht überbewerten will.

"Fatherland" ist ein beklemmender Krimi, und die Beklemmung (ein schwaches Wort hier) rührt nicht nur von der ungeheuerlichen Prämisse her, sondern fast noch mehr von der beklemmenden, überzeugend konstruierten Atmosphäre.
Beklemmend ist aber auch die Wahl des Sujets -- darf man aus dem Holocaust ein Krimi-Thema machen? Millionenfacher Mord als Sujet für Unterhaltungsliteratur? Wenn ich beim Lesen den Eindruck gehabt hätte, Harris habe eine beliebige Krimihandlung durch möglichst spektakuläre Versatzstücke aufpeppen wollen, dann würde ich diese Frage verneinen. Aber das kann man ihm nicht vorwerfen, und meinem Eindruck nach verharmlost er die Nazi-Diktatur auch nicht. Eher könnte ich mir vorstellen, dass aufgrund dieses Romans sich der ein oder andere Leser eingehender mit der deutschen Vergangenheit befasst, der das sonst nie getan hätte.
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