Kundenrezension

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen literarisch misslungene Botschaft, welche Botschaft?, 5. September 2013
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Rezension bezieht sich auf: Roman eines Schicksallosen (Taschenbuch)
Wenn man Kertesz und die Biographie von Kertesz nicht kannte, müsste man schlicht und einfach sagen, es handelt sich hierbei um ein gründlich misslungenes Erstlingswerk. Es ist nicht einmal streckenweise literarisch ansprechend, es ist widersprüchlich und im zweiten Drittel mehr als inhaltsleer. Und die eigentliche Botschaft bleibt missverständlich.

Da man nun weiß, dass Kertesz selbst KZ-Häftling war, will man es sich trotz des nach dem Lesen ausbleibenden Nachklangs nicht allzu leicht machen. Wohlgemerkt bleibt, dass Kertesz in diesem Werk keine Autobiografie sondern einen Roman mit autobiografischen Zügen sieht. Jedenfalls ist beachtlich, dass dieser Roman bei 66 Bewertungen nur 5,4, und nur 3 x 3 Sterne hat. Ich führe das auch darauf zurück, dass die Hemmschwelle, einem früheren KZ-Insassen eine schlechte Kritik zu geben, einfach zu groß ist. Mein Respekt gegenüber jedem Menschen ist die, dass er eine ehrliche Rückmeldung bekommt.

Es wird die Geschichte eines 14 jährigen beschrieben, der vom Arbeitseinsatz in der Heimat, ohne dass seine Mutter noch etwas erfährt, weg in die Lager Birkenau und Ausschwitz deportiert. Die Sprache dieses Protagonisten, der in der Ich-Form erzählt, ist anfangs dem Jugendlichen entsprechend einfach und klar. Mit zunehmendem Verlauf des Romans entwickelt dieses Ich eine unverständliche Wandlung hin zu einer Sprachform, die der eines reifen Geisteswissenschaftlers oder Philosophen entspricht, mit langen, verschachtelten Sätze, sodass man den Bezug zum mittlerweile 15 jährigen verliert.Indem als Kern des Romans das Übel dieser Lager laufend aufs Höchste relativiert werden, kann ich die Sprachänderung auch nicht auf eine - was sonst durchaus nachvollziehbar wäre - radikale Änderung einer Geisteshaltung zurück führen. So gesehen, hat für mich leider unbewusst der frühere Häftling Kertesz das Roman-Ich übernommen.

Der gezeichnete Jugendliche wirkt wahrnehmungsschwach, stumpf, kalt, stroh-dumm oder naiv und alles passt letztlich doch nicht. Es war nicht nachvollziehbar, dass der Junge in dieser ganz pötzlichen neuen Lebenssituation nie wirklich seiner Mutter und Freunden zuhause nachweint, oder er auch nur bedauert, dass sie nicht weiß, wo er jetzt ist. Neben ihm werden hunderte Menschen erniedrigendst behandelt und er sieht die Leichenwagen mit den ausgehungerten geschundenen Leibern und es kommt nahezu zu keiner Regung, kein Mitleid, Unverständnis, Entsetzen oder ähnliches. Ganz im Gegenteil, der 14 jährige aus einfachsten Verhältnissen hat urplötzlich eine schwer nachvollziehbare Souveränität, nämlich die, dass das KZ nur eine andere Normalität ist und man diesem Leben hier viel Gutes abgewinnnen kann und dieser Gedanke, der des Nicht-Anklagens scheint ja das tragende Motiv des Autors für den Roman zu sein. Nach seiner Befreiung meint er:"Sehr viel Interessantes kann ich nicht erzählen" (wohlgemerkt, er sagt nicht: "ich will nicht erzählen")

Mit den zusätzlichen Aussagen "es war nicht die Hölle", "das Leben dort war reiner und schlichter" kommt mir als Leser nicht wenig oft der Begriff der Verharmlosung in den Sinn, was wiederum sicher nicht Absicht von Kertesz war, aber dann wird es eben auch gefährlich. Für so manchen damaligen Insassen werden diese so ganz andere Zugänge und Bewertungen eine ziemliche Zumutung sein und es darf selbstverständlich auch die Sichtweise des Herrn Kertesz sein, aber diese hohe Haltung einer 14-jährigen Romanfigur umzuhängen, ist mir doch zu gewagt und unglaubwürdig. Für mich hatte der Junge ab diesem Zeitpunkt sehr stark autistische Züge und ich denke, dass das aber nicht wirklich die Absicht des Autors war.

Widersprüchlich und eigenartig wird der Junge nach seiner Befreiung. So sehr er während der Haft (fast möchte man dieses Wort nicht verwenden, weil es ja aus seiner Sicht wie ein Abenteuer- Ferienlager geschildert wird) als durchaus interessanten, bereichernden Lebensabschnitt schildert, antwortet er auf die Frage, was er nach seiner Befreiung empfinde ("ich war, nätürlich, äußerst erfreut") kurz mit "Hass", nämlich "für alle". Kertesz lässt einen damit dann alleine. Man weiß nur, es geht auch einen Hass auf die Menschen auch außerhalb des KZ, aber warum plötzlich nun auch wieder auf die KZ-Aufseher und Betreiber, die ja nur das "für ein KZ Natürliche" tun?
Höchst patzig und arrogant antwortet der Jugendliche, auf die Frage, ob er Gaskammern gesehen hätte, mit "Nein, sonst wäre ich ja nicht hier" (??? Gibt es nur die Variante Gaskammern sehen und umkommen oder Gaskammer nicht sehen und nur deshalb überleben ??) Der Junge wird zur Gänze unsympathisch.

Herrn Kertesz ist es unbenommen und er verdient Hochachtung, wenn er es schafft, nach dieser für ihn sicherlich schrecklichen Zeit keine Anklage auf das Erlebte zu führen. Ich halte das aber für eine Leistung eines zum Zeitpunkt der Romanerstellung gereiften Mannes mit doch ca. 55 Jahren. Die Darstellung dieses Zugangs über einen Roman mit einem 14-15 jährigen Protagonisten darzustellen, halte ich für äußerst gewagt und ist im konkreten Fall für mich auch gründlich misslungen. Man findet keinen Zugang zum Protagonisten, man wird mit dem so schwierigen Thema des anderen Umgangs mit dem Thema allein gelassen, es ist widersprüchlich und rein literarisch ohne Wert.

Einen ebenso souveränen aber deutlich besser gelungenen Umgang mit diesen schrecklichen Erlebnissen finde ich in Viktor Frankls: "Trotzdem ja zum Leben sagen". Hierbei geht es ebenso um das Überleben im KZ und einer wesentlich autentischeren Auseinandersetzung mit dieser damaligen Form des Wahnsinns. Hiebei wird keine Kunstfigur bemüht, und hier sind die Gedanken, Motive und Eindrücke von einer ganz anderen Klarheit. Dieses Buch möchte ich in vielerlei anderer Hinsicht empfehlen.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 25.06.2014 04:12:41 GMT+02:00
Die Antwort von György ist differenziert, nachvollziehbar und weder patzig noch arrogant. György meint, ob eine Gaskammer eine Gaskammer ist, können Menschen nur wirklich wissen, wenn sie in die Gaskammern hineingehen, was sie aber nicht können, da dann ihr Leben beendet wird. Aber dann können sie nicht mehr sagen, dass sie mittels Chemie umgebracht worden sind. Die Häftlinge konnten ja nicht zu den KZ-Aufsehern sagen, sie möchten mal eben, wie freie Bürger und neugierige Besucher und Journalisten in diese Räume gehen, um zu sehen, ob da Menschen in Gaskammern getötet werden. Dass Gaskammern und Krematorien als solche bezeichnet werden, ist für Menschen, die nicht in Konzentrationslagern waren, ja noch kein Beweis, dass darin Menschen getötet und verbrannt wurden, wie man nicht weiß, ob in einer Flasche wirklich Wein ist, nur weil die Flasche als Wein beschriftet ist. Kertesz hat 13 Jahre an dem Buch geschrieben. Natürlich finden Sie keinen Zugang zum Protagonisten, da ein 14 jähriger Junge innerhalb von 1 Jahr innerlich zerbrochen und gestorben und zu einem alten Mann geworden ist, unter Schock und Traumatisierung litt und physisch fast tot war. Eine ganze Generation hat zu kriegstraumatisierten Großeltern und Eltern auch keinen Zugang finden können, und viele traumatisierte Väter sind Alkoholiker geworden und haben Frauen und Kinder wie KZ-Aufseher kommandiert und geschlagen. Kertesz schreibt aus Sicht und Empfinden eines 14 jährigen guterzogenen Jungen, der Menschen vertraut und gutgläubig den Menschen folgt und glaubt, was sie sagen und ihm und den anderen versprechen, da sie nichts Unrechtes getan haben und da ihnen keiner gesagt hat, dass sie nicht zur Arbeit, sondern ins KZ gebracht werden sollen. György musste innerhalb kürzester Zeit damit "leben" lernen, dass sein Leben kein menschenwürdiges Leben mehr ist und jeden Tag zu Ende sein kann und das ist weißgott kein interessantes Leben, was jungen Menschen gemäß wäre und auf das sie ein Recht hätten. György kam gerade aus dem Konzentrationslager und sollte sofort sensationsinteressenlüsterne Journalistenfragen beantworten, wozu die meisten Deutschen und Kriegstraumatisierte nicht mal 40 Jahre nach Kriegsende fähig waren. Ich kann die Schreibart und Befindlichkeit gut nachvollziehen, sie erinnert an "Die Geschichte eines Deutschen" von Sebastian Haffner und an "Deutschstunde" von Siegfried Lenz, zwei der wichtigsten Nachkriegsbücher, "atonal" geschrieben. Beide haben die Verhaltensweisen von Menschen nicht gewertet, weil Kinder noch nicht werten können und Menschen vertrauen und von Eltern und Lehrern gelernt haben, dass Erwachsene Recht haben. Ich zweifle nicht an der Authentizität von Kertesz. Und einen Zugang müssen die Menschen zu den Mördern finden, was auch Lenz und Haffner thematisieren. Was die Traumatisierten erlebt haben, weiß die Bevölkerung von Millionen anderen und sie müssen das nicht unzählige Male für diese und Sensationsjournalisten wiederholen, die selber in ihrem Leben keine Gewalt und ununterbrochene Todesangst erlebt haben. Was man erlebt hat, wird davon nicht besser. Kertesz schreibt, dass György innerhalb von 1 Jahr gelernt hat, die Menschen zu hassen, was nachvollziehbar ist, da er das, was er erlebt hat, in Freiheit mit den Menschen, die nicht im KZ waren, nicht teilen kann. Er ist allein trotz vieler Menschen um ihn herum. Und Reich - Ranicki hatte im Konzentrationslager den Glauben verloren

Veröffentlicht am 31.07.2014 23:14:55 GMT+02:00
Warum müsste ein Protagonist überhaupt "sympathisch" sein?
Warum auch muss er gefälligst "Gefühle" haben? Wer in einer solchen Umgebung allen Ernstes länger "Gefühle" hat, möge den ersten Stein werfen bzw. mag Frankl heißen.
Auch mit 14 könnte man komplexe Sätze bilden. Meine waren mit 14 wohl komplexer als heute nach dem dauernden Einfachheitsdruck der Umwelt.
Freundliche Grüße und Danke für eine ausführliche Rezension!
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