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Kundenrezension

17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bestes Album aller Zeiten, 3. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Blonde on Blonde (Audio CD)
1966 hatte Bob Dylan es geschafft. Er hatte die Gefilde der Folk - und Protestbewegung verlassen, deren Anhänger ihn geradezu vergötterten, ihn als eine Art Heilsbringer sahen und als Aushängeschild für ihre Bewegung. Dylan hatte diese Verehrung lange Zeit genossen, sah sich durch die Ansprüche seiner Fans, immer der Protestsänger mit Gitarre und Mundharmonika zu sein, allerdings zusehends in seiner Entwicklung behindert. Schließlich wagte er den Ausbruch. Er holte sich Musiker ins Studio, um hintereinander drei Alben aufzunehmen, deren Einfluß auf die gesamte Musikszene gar nicht zu ermessen ist. "Bringing It All Back Home" und "Highway 61 Revisited", beide 1965 erschienen, erschütterten mit ihrer überbordenden Kreativität, der völlig neuen Art des Songwiritings und der improvisatorischen Aufnahmeweise die Welt der Popmusik nachhaltig. Ein Jahr später übertraf der Meister sich noch einmal selbst, auf "Blonde On Blonde" zeigt Dylan sich als begnadeter Kunstproduzent, der sich nicht mehr von Stömungen oder Ansprüchen der Fans an ihr Idol von seinem Weg abbringen läßt. Bereits während der Tour mit der kanadischen Band The Hawks (später The Band) 1965 entstanden die ersten Blaupausen für dieses erste Doppelalblum der Rockgeschichte, anfang 1966 schließlich begab sich Dylan mit einem Teil seiner Band und einigen hochklassigen Sessionmusikern nach Nashville (ausgerechnet, der angesagteste New Yorker Hipster nimmt in der erzkonservativen Country - Hochburg auf) ins Studio. Das Ergebnis beeinflußte die Popmusik bis heute nachhaltiger, als je ein anderes Album (außer vielleicht Sgt. Pepper der Beatles, jedoch auf anderer Ebene) und gilt als Dylans definitives Statement als eigenständiger, unabhängiger und über allem stehender Künstler.
Den Anfang macht "Rainy Day Women # 12 & 35", das es als Single beinahe an die Spitze der US - Charts geschafft hätte (Dylan hatte noch nie einen No. 1 - Hit, was mal wieder beweist, daß Chart - Platzierungen völlig überschätzt werden). Der Song preist das Lotterleben im Stil Rimbauds mit unzähligen Anspielungen auf Drogenkonsum zu einem polternden, New - Orleans - inspirierten Jazz - Marsch. Die ultimative Absage an die alten Folkie - Tage.
"Pledging My Time" könnte man schlicht als Ballade und Liebeserklärung an eine Frau bezeichnen, wäre da nicht die schräge musikalische Untermalung und der kryptische Text, der, wie beim Dylan dieser Zeit üblich, alle möglichen Deutungsmöglichkeiten offenläßt.
"Visions Of Johanna" ist einer der stärksten Songs, die der Meister je geschrieben hat. Wohl beeinflußt von Baudelaires Großstadtlyrik entsteht hier ein Szenario, in dem ein Haufen Freaks sich in einem Apartment die Zeit vertreibt, während der Sänger am Fenster steht und einer verflossenen Liebe nachtrauert. Dylan überschlägt sich hier geradezu im Finden rätselhafter Metaphern, Robbie Robertsons Gitarrenlinie fungiert als Bindeglied zwischen der dunklen, surrealen Bilderwelt des Dichters und der Musik. Dies ist einer der Dylan - Songs, an denen schon viele Koryphäen sich den Kopf zerbrochen haben, was His Bobness gemeint haben könnte, ohne ein eindeutiges Ergebnis vorweisen zu können. Egal, der Song ist ohnegleichen, man muß nicht alles verstehen.
"One Of Us Must Know (Sooner Or Later)" macht die Deutung schon wieder einfacher, es geht um das traurige Ende einer Beziehung, einer der wenigen Songs die bereits vor den Aufnahmesessions entstanden und deren musikalische Untermalung (Robbie Robertson an der Gitarre und Al Kooper an der Orgel) maßgebend für den schillernden Gesamtsound des Albums werden sollte.
Auch "I Want You", einer von Dylans bekanntesten Songs, kommt als ein virtuos rätselhaft gedichtetes Liebeslied, das viele Deutungsmöglichkeiten zuläßt, daher, dessen Refrain "I want you, I want you so bad", allerdings keinerlei Zweifel offenläßt. Eines der schönsten Liebeslieder des Meisters.
"Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again" ist der große Auftritt der Rhythm - Section von Dylans Session - Band. Der Bass von Joe South und Kenny Buttreys Drums gehen hier eine symbiotische Verbindung von selten gehörter Intensität ein, während Dylan ein weiteres Mal fröhlich mit Metaphern um sich wirft und ein musikalisches Roadmovie entstehen läßt.
"Leopard - Skin Pill - Box Hat" bedient sich musikalisch recht eindeutig bei den geliebten Blues - Klassikern, die immer schon einen großen Einfluß auf Dylans Musik hatten, His Bobness gießt im Text einen großen Eimer voll Spott über die oberflächliche Modewelt aus. Dylan als Satiriker der Extraklasse.
"Just Like A Woman" ließ mit seinem oberflächlich betrachtet frauenfeindlichen Text Frauengruppen Sturm laufen, geht man den, für Dylan recht eindeutigen, Lyrics jedoch auf den Grund, findet man eine wunderschöne Ballade, in der der vermeintliche Macho am Ende als ein recht ängstliches Häufchen Elend dasteht. Einer von Dylans größten Hits, der auch oft gecovert wurde.
"Most Likely You Go Your Way (And I'll Go Mine)" ist ein bitterböser Abgesang auf eine verkorkste Romanze, Dylan knurrt bereits wie zu Zeiten von "Blood On The Tracks". Der Song ist einer der besten Mittel gegen Liebeskummer und findet sich noch immer regelmäßig im Live - Repertoire des Meisters.
In "Temporary Like Achilles" zeigt Dylan sich ein weiteres Mal von seiner sensiblen Seite, vergeblich versucht er in schönen, von einem Country - Piano untermalten Versen, eine hartherzige Dame zu erweichen. Nicht der beste Track auf dem Album, jedoch eine wunderbare Ballade.
Mit "Absolutely Sweet Marie" folgt ein weiteres Liebeslied, diesmal jedoch nicht verzweifelt, sondern, wie der Titel schon vermuten läßt, recht fidel. Über einem leichtfüßigen Blues - Arrangement reimt Dylan "jump it" auf "trumpet" und gibt die berühmt gewordenen Zeilen "To live outside the law, you must be honest" von sich.
Es wird gerne darüber gestritten, wer denn nun "Fourth Time Around" eigentlich geschrieben hat. Dylan - Forscher behaupten, der Song sei die Vorlage für "Norwegian Wood" von den Beatles gewesen. Beatles - Forscher behaupten das Gegenteil. Nun, da "Norwegian Wood" eindeutig älter ist, wird die Beatles - Fraktion recht haben. Dylans Vortrag hier ist grandios, er versetzt sich in einen Typ zwischen altem Bluesman und bekifften Hippie und erzählt eine verrückte Geschichte, die wohl keinem Beatle zu dieser Zeit eingefallen wäre. Ein großer Spaß.
"Obviously 5 Believers" erschien als B - Seite der Single "Just Like A Woman" und ging wohl deswegen etwas unter, völlig unverdient, wie ich sagen muß. Es ist die wahrscheinlich beste R & B - Nummer auf "Blonde On Blonde", die virtuosen Musiker, allen voran Robbie Robertson, treiben diese grandiose Bluesnummer mit großartiger Mundharmonika (Dylan verzichtete diesmal auf die Bedienung dieses Instruments) unerbittlich voran, während Dylan einen druckvollen, mit deutlichen sexuellen Assoziationen gespickten Text von sich gibt.
Zum Schluß gibt es noch eines dieser wunderbaren musikalischen Langgedichte vom Schlage "Desolation Row". "Sad Eyed Lady Of The Lowlands" ist ein Denkmal für Dylans damals frisch angetraute Ehefrau Sara, das diese Frau in elf Minuten mit allen denkbaren Metaphern verklärt. Aufgenommen von übermüdeten Musikern irgendwann zwischen drei und vier Uhr morgens besitzt diese Nummer eine unwiderstehliche somnambule Atmosphäre und entläßt den Hörer aus diesem einzigartigen Album, das ihn nie wieder loslassen wird.
Nicht umsonst gilt "Blonde On Blonde" vielen Experten (und noch viel mehr Musikliebhabern) als das beste Album der Rockgeschichte, es hat inzwischen über vierzig Jahre auf dem Buckel, unzählige Musiker verschiedenster Stile wurden und werden immer noch davon beeinflußt. Kein Körnchen Staub ist auf "Blonde On Blonde" zu entdecken, es ist einer der unsterblichen Klassiker, ohne den jede Plattensammlung keine solche ist.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.11.2013 23:24:36 GMT+01:00
Quark meint:
Bestes Album aller Zeiten???
Hallo Herr Resch, ich habe Ihren sehr gelungenen Bericht aufmerksam gelesen. Mal abgesehen von den lyrischen Texten, die Drogenkonsum verherrlichen, sexistisch sind und natürlich von Liebe und Lotterleben handeln, hat sich mir aber leider noch immer nicht erschlossen, was musikalisch an diesem Album so bahnbrechend sein soll - grundsätzlich genauso wie in Bezug zu den vorangegangenen "Bringing It All Back Home" und "Highway 61 Revisited". Ich finde das Album durchaus nett, ja es ist schon gut, wenngleich mir die überlaute Mundharmonika mächtig auf den Zeiger geht, aber es ist doch aus heutiger Sicht musikalisch einfach eine sehr anständige Platte. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Grüße

Veröffentlicht am 17.02.2014 01:07:34 GMT+01:00
Sprachfex meint:
Danke, Martin Resch; besser kann man es nicht machen. Ich habe viel gelernt.
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