Kundenrezension

32 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Dramaturgisch betrachtet Abfall, 1. Januar 2010
= Spaßfaktor:3.0 von 5 Sternen 
Rezension bezieht sich auf: Risen - [PC] (Computerspiel)
Zugegeben, ich haderte ein bisschen ob des harschen Tons der Überschrift mit mir, schlief sogar eine Nacht darüber. Geholfen hat aller gute Wille nichts, was wahrscheinlich daran liegt, dass die Jungs von Piranha Bytes (PB) mit Risen in puncto Spannungsaufbau und Aufzug der Haupthandlung tatsächlich sagenhaft gescheitert sind. Nichts für ungut, die Herren, aber diese Erkenntnis schmerzt niemanden mehr als einen alten namenlosen Helden wie mich, der sich zunächst noch prächtig aufgehoben fühlte, als er die idyllische Hafenstadt der kleinen Insel betrat, um wieder das Mädchen für alles und alle zu mimen ...

1. "Risen ist Gothic!"

... nur für den Fall, dass daran noch Zweifel bestehen. PB mag mit der Scheidung von seiner geldgeilen Alten die Namensrechte an der Gothic-Saga eingebüßt haben, die Wurzeln Risens jedoch sind unverkennbar ebendort verankert. Wer die Vorgänger gespielt hat, wird sowohl vertraute Synchronsprecher als auch einen wichtigen inhaltlichen Eckpfeiler wiedererkennen: Die Götter haben die Welt verlassen, die Menschen sind auf sich gestellt. Und, klingelt's? Seht ihr! Nach den ersten zwei Stunden musste ich schmunzelnd an ein Interview mit den Machern zurückdenken, das ich knapp ein Jahr vor dem Release des Spiels in die Finger bekam. Damals erklärte einer der Verantwortlichen auf die Frage hin, ob Magier in Risen denn überhaupt Feuerbälle werfen dürften oder ob die Rechte daran ebenfalls bei JoWood geblieben wären, doch wirklich bierernst: Feuerbälle unterlägen keinem Copyright und könnten somit in jedem Rollenspiel verwendet werden. Auch die adaptierte Proklamation einer Fanpage, Risen sei nicht Gothic und das sei auch gut so, klang gleich noch ein Stück einfältiger. Natürlich ist Risen Gothic!

Selbst der neue Held ist seinem ungeduldigen Vorgänger merkbar nachempfunden: etwas eloquenter und nur halb so patzig, und doch ... Und nicht nur in diesen Belangen wurden Erinnerungen wach ...

2. Grafisch ganz der Papa, ...

... sofern man Gothic III als bildlichen Vater Risens ausmachen möchte. In der Tat scheinen die optischen Parallelen zum viel gescholtenen dritten Teil der Reihe unverkennbar: Saftig grüne Bäumchen und Auen so weit das Auge reicht, alles in kräftigem Grün und lebenswahren Erdfarben gehalten. Echte Verbesserungen haben jedoch allenfalls Licht- und Schatteneffekte erfahren, was Sonnenuntergänge und blitzdurchzuckte Unwetternächte noch viel hübscher anzusehen macht. Am Rest rüttelte man nur wenig. Das bedeutet gleichwohl, dass die Grafik mehr oder weniger auf 2006-Niveau stecken geblieben ist. Kein Beinbruch in einem Rollenspiel, wie ich finde, in dem andere Charakteristika den Spielspaß tragen, hiermit der Vollständigkeit halber dennoch erwähnt.

Hinterher hinken leider Gottes auch die Animationen im Kampf, die - wenig flüssig und beinahe holzschnittartig aufgezogen - kaum in das harmonische Windspiel des Blattwerks passen, das es von Zeit zu Zeit durch das Bild wirbelt.

3. Zur Klassenwahl und Stufenaufstiegen

Für eine Klasse entscheidet man sich, wie schon in Gothic, erst im Laufe der Story. Grundinvestitionen in Stärke sowie Nicht-Kampf-Talente, um die ersten Schlägereien ohne ständiges Laden hinter sich zu bringen und ein sicheres Einkommen durch den Verkauf von Fellen und Zähnchen zu sichern, schienen selbst mir als passioniertem Magier abermals ratsam. Da ich schließlich ein solcher wurde, kann ich im Folgenden auch nur von diesem berichten.

Als Magus widmete ich mich also wie eh und je mit Leib und Seele der Zauberei, konzentrierte meine Ausbildung pfiffig, wie ich dachte, auf einen der drei magischen Kristalle und wurde, mit einem stattlichen Pool brodelnden Manas im Rücken, bald schon oberstes Glied der Nahrungskette. Die neuen magischen Geschosse machten nämlich nicht nur annehmbar Schaden, sondern hielten mir zudem die Gegnerschaft wie ein Wasserwerfer vom Leib. Taktisches Vorgehen, wie noch im Nahkampf vonnöten, brauchte es damit nicht. Zielen, Feuer, nachladen! Die nötigen Lernpunkte, um den Kristall zu meistern, hatte ich, da ich ja förmlich durch die Reihen der Feinde schnitt, rasch zusammengekratzt. Mit einem Lichtzauber und dem besagten Kristall im Gepäck war nun kein Dungeon mehr vor mir sicher. Hier und dort bedurfte es noch einer kleinen Verwandlung oder der Levitation, um ein Rätsel zu lösen, die Notwendigkeit der übrigen Runen blieb mir jedoch verborgen. An der Balance meines Zauberlehrlings haperte es für meinen Geschmack also gewaltig, was ich unter Punkt vier noch einmal aufgreifen möchte. Auch ein einheitliches System in den Kosten für die verschiedenen Fähigkeiten konnte ich nicht erkennen. Einige verlangten auch auf höheren Stufen nur fünf Lernpunkte, andere stiegen peu à peu wie in Gothic 2 üblich, und dritte nahmen konstant gleich zehn davon. Ich zahlte sie einfach, ohne Fragen zu stellen.

4. Mit dem simpelsten Handlungsgespinst aller Rollenspiele

Der Kern der Geschichte (keine Bange, es wird nicht gespoilert): Die Erde der kleinen Insel, auf der unser 0-8-15-Plot spielt, bebt gar fürchterlich und überall schießen alte Ruinen wie Gänseblümchen aus dem Boden, da wird rasch klar, dass irgendetwas in den Tiefen des Vulkans unter der alten Klosterfestung Schuld daran trägt. Und schon beginnt die Suche ...

Mein Problem: Sie langweilte mich zwischenzeitlich so fürchterlich, dass ich mich gezwungen sah, eine mehrwöchige Pause einzulegen, um während des Spielens nicht einzuschlafen. Nach dem fulminanten Auftakt in dem kleinen Hafenstädtchen, in dem die Ränkespiele zwischen Banditen, Magiern und dem vom Inquisitor geleiteten Orden noch interessant inszeniert waren, stellte sich nämlich eine Handlungsarmut ein, wie ich sie bis dato nur in wenigen Abenteuern des Genres durchwaten musste. Ohne zu viel zu verraten: Man schließt sich einer Seite an, geht in den Vulkan, findet die Ursache, pilgert auf der Suche nach fünf Rüstungsteilen über die Insel und erledigt den Endgegner. Basta! Es gibt keinen Klimax im dramaturgischen Sinn, keinen Moment der letzten Spannung, nichts Unvorhergesehenes, wie den Ausfall des Alten Lagers in Gothic I, dem Auszug der Söldner als Drachenjäger oder dem Auftauchen der Suchenden im zweiten Teil. Jeder bleibt auf seinem Hintern sitzen und dreht Däumchen - bis auf den Titelhelden, versteht sich. Nichts sonst bewegt sich, nichts gerät in Wallung, niemand interveniert. Allein die kleine Schatzsuche abseits der Haupthandlung brachte mich noch einmal in Stimmung. Wahrscheinlich mehr Pattys Verdienst als der der Entwickler ...

Und die Pointe meiner kleinen Klageschrift? Nun, ich habe den Oberbösewicht in einem Jump & Run-Endkampf, wie man ihn einfallsloser wahrscheinlich nur in den Neunzigern hätte erdenken können, gut zehn Minuten (14 Teleportsteine ersparen eben viel Laufarbeit), nachdem ich in die beste Rüstung im Spiel geschlüpft war, mit einem Streithammer auf die Bretter schicken müssen. Zu Erinnerung: Ich steuerte einen Zauberwirker ... Die Meisterschaft im Magischen Geschoss hatte mich 100 Lernpunkte gekostet und war im wichtigsten Duell des Spiels für die Katz'. Apropos Magier: War der vielleicht zu stark, fungierte meine Ganz-oder-gar-nicht-Skillung am Ende gar als Spaßbremse? Mit ausreichend Manatränken in petto kamen auch drei Elitekrieger der Gegnerschaft im Bunde nicht einmal in die Nähe meines Rockzipfels. So war mit Stufe 26 und zwanzig unverbratenen Lernpunkten Schluss. Ich hätte auch nicht gewusst, wofür ich sie noch ausgeben sollte. Noch mehr Basis-Mana und ich hätte die zweihundert Tränke in meiner Tasche in die Brandung kippen können.

Womöglich hätte ich noch ein paar Stündchen mehr im letzten Gefecht verbringen und damit besagte Rüstung auch etwas länger tragen können, wenn ich mir nicht ergoogelt hätte, wie man dem Chef der Bagage überhaupt beikommt. Der nämlich zeigte trotz Dauerfeuer meinerseits keinerlei Anzeichen für einen erfolgreichen Treffer, so dass ich nur raten konnte, ob ich dem Ziel denn gar ein Stück näher gekommen war. Ja, dieser Endkampf spiegelte die letzten, einfallslosen fünfzehn Stunden fast 1:1 wider. Das letzte interessante Nebenquest, von denen ich übrigens alle erledigt habe, die sich ergaben und die nach einer Entscheidung meinerseits noch lösbar waren, war da schon längst absolviert.

5. Fazit

Schlussendlich kann mein Fazit nicht lobend ausfallen. Es ist mir schlicht schleierhaft, wie man bei PB so stark beginnen und dann derart abbauen konnte. Wo griff da der gute Geschmack der Mannen, die das Spiel von der Pike auf entwarfen? Risens Abgesang wirkt wie eine Persiflage auf die Schema F-Ausläufer seiner Gattung und spottet den hauseigenen Ambitionen, die nach den Erfolgen der Vergangenheit eigentlich höher hängen sollten. Gothic-Fans müssen da logischerweise nichtsdestoweniger durch und sie erwartet ja auch eine wundervolle erste Halbzeit. Ob das allerdings schon zum Augenblick zu erfolgen hat oder erst dann, wenn es im Preis spürbar gesunken ist, überlasse ich jedem selbst. Neueinsteigern würde ich gar abraten, wenn sie von den erzählerischen Möglichkeiten eines RPG hörten und diese nun selbst erleben wollen. Echte Spannung ist Risen nämlich selbst mit einem dicken Patch nicht mehr einzuverleiben.
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Kommentare


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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 01.04.2010 15:22:38 GMT+02:00
ruessler meint:
Gut geschrieben! ;-)

Veröffentlicht am 26.08.2010 14:52:33 GMT+02:00
Gute Rezension , hätte auch eine 3 (+) gegeben !

Risen wude wohl aus finanziellen Gründen (kurzfristig) relativ schnell (zu Ende) programmiert , deswegen der drastische Spielspass-Abfall ab dem 3. Akt , die insgesamt schwache Story , die sehr kleine Spielwelt und die (erfreuliche) relative Bug-Losigkeit.
Gothic 2 war vom Anfang bis zum Ende Spannend , und es machte auch von den Quests her einen grossen Unterschied für welche Fraktion man sich entschieden hat.

Leider wurde und wird Risen als (inoffizieller) Gothic 3 Nachfolger bezeichnet , was aber lächerlich ist , da Gothic 4 mittlerweile kurz vor Release steht und Risen von der Story her überhaupt nichts mit der Gothic Reihe zu tun hat.

Wenn es PB schafft , die Mankos aus Risen zu verbessern , dann haben sie mit Risen 2 ( was vor einigen Tagen offiziell angekündigt worden ist ) ein ganz heisses Eisen im Feuer ;-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 26.08.2010 14:59:52 GMT+02:00
Erlkoenig meint:
Grüß dich Raphael,

und Tatsache, Teil zwei bereits angekündigt? Da muss ich mich doch gleich einmal belesen, das ist mir glatt durch die Lappen gegangen. Eine solide Basis und anfängliches Flair war, wie du richtig sagst, bereits in Teil eins geschaffen. Wenn die Jungs von PB sich nun ihrer Stärken besinnen und ordentlich zuende bringen, was sie anfangen, ist das nächste Abenteuer doch wenigstens einen Versuch wert. Allein schon der Synchronsprecher wegen ... ; )

Grüße
Toni
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