Kundenrezension

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das "Best Of"-Ablum, das kein "Best Of" ist, 20. Mai 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: Aftershock (Audio CD)
Hallo liebe Interessierte,
selten lasse ich mich zu Rezensionen hinreißen. Noch viel seltener würde ich es wagen, vor dem Erscheinen oder gleich nach dem ersten Hördurchlauf eine Rezension über ein Album zu schreiben. In diesem Fall habe ich sehr lange dafür gebraucht, meine Gedanken zu ordnen und mir im Klaren darüber zu sein, was ich schreiben möchte. Aus diesem Grund möchte ich ein kleines Vorwort schreiben um denen, vor allen Dingen den wirklichen Fans, die eine 2 Sterne Rezension lesen und denen nicht gefällt, was ich schreibe, ein bisschen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dies soll nicht der Versuch sein AFTERSHOCK möglichst sachlich zu beschreiben. Das nur an dieser Stelle erwähnt. Ich finde ohnehin, dass man einen so unterschiedlich wahrgenommenen Gegenstand wie Musik nicht sachlich beschreiben kann. Was folgt, ist mit jedem Satz stets meine rein persönliche Meinung. Ich versuche das in Worte zu fassen, was ich empfinde, wenn die Nachbeben von AFTERSHOCK in meinem Arbeitsgedächtnis ausgewertet werden.
Nun sei zu mir noch gesagt, dass ich mich nicht als DEN Motörhead Fan überhaupt bezeichne. Das heißt, ich habe mich zwar über das kanonischen Material der Band hinaus mit Motörhead beschäftigt, aber längst nicht mit allem. Auf meinem Radar sind neben einigen Livekonzerten, vor allen Dingen die letzten 10 Jahre der Band, welche von den Fans, soweit ich das weiß, recht unterschiedlich aufgenommen wurden und mitunter auch kontrovers diskutiert werden.
Genug davon, nun endlich zum mir vorliegenden Silberling!
Den Jungs hinter dem Namen Motörhead oder eher gesagt Herrn Lemmy Kilmister selbst, der schließlich und praktisch mit jeder Zelle seines Körpers Motörhead lebendig macht, schien es bei diesem Album darum zu gehen, die Geschichte von Motörhead auf den Punkt zu bringen. Die gesamte Historie auf einem Longplayer. Quasi ein "Best Of"-Album der Band in der Gänze bestehend aus neuen Kompositionen. Eine Aufgabe, die auf der einen Seite sehr ehrbar ist und auf der anderen Seite sehr sehr viele Risiken bereitsstellt, an denen man sich das Genick brechen kann. Aber wer, wenn nicht er, sollte dieser Aufgabe besser gerecht werden, als Lemmy Kilmister. Der Mann, dessen Körper und Seele beinahe schon sein ganzes Leben lang einen ausschweifenden Lebensstil sondergleichen erträgt. Jeder "Normalsterbliche" wäre nach spätestens einem Jahrzehnt vor diesen Torturen in die Knie gegangen. Dieser Mann hat halt eben Rock'n'Roll in den Adern, sowohl die weißen, wie auch die schwarzen Blutkörperchen.
Ich würde sagen, Herr Kilmister nimmt die selbstauferlegte Herausforderung mit aufgerichtetem Rückgrat an. Dennoch kann er ihr nicht ganz Herr werden und kommt mit ein paar Prellungen statt des gebrochenen Genicks davon.
Wie schon mehrfach angedeutet, bietet AFTERSHOCK also fast alles, was die Band über seine Jahresringe hinaus in die Regale der Plattenläden gebracht hat. Es gibt Songs, die sich klar zu den letzten Jahren bekennen und es gibt Songs, die eher von vergangenen Tagen inspiriert wurden. So ist sicherlich für den kürzlich hinzugestoßenen Begeisterten, als auch für den alteingesessenen Anhänger etwas dabei. Es ist einfach ein durchmischtes Allerlei. Schnelles und Stampfiges, Rockiges und Bluesiges, Modernes und Klassisches. Alles ist im selben Topf gelandet.
Und doch, wenn ich all die positiven Rezensionen auf Amazon lese, all die wohlwollend gemeinten Kritiken in diversen Musikzeitschriften sehe und all die Lobgesänge in Sozialen Netzwerken höre, frage ich mich in Gottes Namen: "Welches Album habt ihr gehört?" Oder besser: "Welches Album habe ich gehört?".
Versuche ich es vorsichtig auszudrücken, ist es für mich schwer geworden dieses unreflektierte Abfeiern zu ertragen. Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass bei vielen Menschen dort draußen die Romantik für die Marke Motörhead deutlich die Geschmackswahrnehmung beeinflusst. Ich bin mir durchaus bewusst, dass es nicht leicht ist beim Thema Motörhead neutral zu bleiben. Ich glaube viele Menschen sehen in AFTERSHOCK die dahinschwindende lebende Legende und lassen ihre persönliche Sorge um Herrn Kilmister mit in die Bewertung einfließen. Zudem halte ich es für durchaus möglich, dass ein "schlechtes" Motörhead Album für Fans und Zugeneigte so überraschend daherkommt, dass es sich für sie einfach nicht aus diesem Blickwinkel fassen lässt. Es passt einfach nicht in das Schema. Dennoch ist es "nur" die Arbeit eines Musikers und nicht die Predigt eines Propheten. Es geht hier nicht um Glauben, sondern um Tatsachen. Jungen Bands klopft man in diesem Zusammenhang oft mit den Worten „Ihr habt euch bemüht“ auf die Schultern, nur um im nächsten Satz ein vernichtendes „Aber an die Originale werdet ihr niemals rankommen“ hinterherzusetzen. Die Originale produzieren hingegen, sollte man den gängigen Fachzeitschriften glauben, am laufenden Band „das beste Album ihrer Karriere“, obwohl sie sich permanent aus dem eigenen Katalog bedienen und uninspiriert A mit B zusammenschustern. Es ist ein absurder Widerspruch, für den es in beide Richtungen genügend Beispiele dafür und dagegen gibt.
Nun ist Motörhead eine Band, die bislang mit vielen Alben bewiesen haben, dass man das Rad nicht ständig neu erfinden muss, um etwas richtig zu machen. Gleich dem Ausspruch "Never change a winning team" haben sie immer aufs Neue gezeigt, dass sie ihre Kunst beherrschen. Meiner Meinung nach, haben sie mit AFTERSHOCK jedoch lediglich versucht, das eigene musikalische Gemälde nachzumalen. Es gibt die Alben, auf denen sich ein oder auch zwei Songs befinden, von denen man denkt, dass sie das Gesamtbild des Albums schädigen. Es gibt auch Alben, auf denen sich neben sehr vielen schlechten Songs nur ein lupenreiner Knaller befindet, von dem man sich am liebsten gewünscht hätte, dass er als Single-Ausskopplung erscheint, um nicht das ganze Album kaufen zu müssen. Jetzt sind Rock'n'Roller aber keine Popsternchen und erbrechen in der Regel auch keine One-Hit-Wonder, sondern sind überzeugte Handwerker und komponieren ganze Alben. Aus diesem Grund würde ich sagen, dass AFTERSHOCK sich genau in der Schnittmenge der eben beschriebenen Alben befindet. Ein GOING TO MEXICO ist eben kein ACE OF SPADES, ein DUST AND GLASS verneigt sich in meinen Ohren viel zu tief vor Claptons OLD LOVE und bei KEEP YOUR POWDER DRY wurde scheinbar versucht im eigenen Fahrwasser ein wenig Luft aus Richtung Riff-Rock in die Segel zu bekommen (vgl. ROSE TATTOO). Selbstverständlich ist nicht alles an AFTERSHOCK verkehrt. COUP DE GRACE hat einen sehr starken Chorus, die Ballade LOST WOMAN BLUES strotzt vor Ehrlichkeit und Melancholie, das treibende END OF TIME erinnert mich sogar an Speed Metal der 80er Jahre (besonders die Schlagzeugakzente sind hervorragend!) und SILENCE WHEN YOU SPEAK TO ME hat ein launisch-vertracktes Riff, das sich aber sogleich im Langzeitgedächtnis festbeißt. Sowohl beim Guten als auch beim Schlechten stellt sich bei mir nichtsdestotrotz ein ständig nörgelndes Aber ein. Ich bin ein Mensch, der sehr auf Authentizität und Natürlichkeit bedacht ist. Und ich höre Alben auch nicht songweise, sondern von Anfang bis Ende durch, um ein Gesamtbild zu entwickeln. AFTERSHOCK fühlt sich für mich jedoch sehr künstlich und gestellt an. Ich bekomme den Eindruck, dass die Idee hinter dem Album zum Zwang wurde und nicht die Inspiration beflügelt hat. Beschäftige ich mich neben dem Albumhören mit etwas anderem, dann plätschern die Songs einer nach dem anderen an mir vorbei und viel zu selten gibt es Momente, in denen das Album von mir direkte Aufmerksamkeit einfordert. Nach etwas mehr als 46 Minuten muss ich ernüchtert feststellen, dass gar keine Musik mehr spielt. So sehr ich ein gutes Wort für dieses Album einlegen möchte, so sehr tut es mir leid sagen zu müssen, dass AFTERSHOCK für mich zum überwiegenden Teil nur die Ansammlung von B-Sides ist.
Für den nächsten Absatz möchte ich mich schon im Vorfeld entschuldigen. Ich bitte Euch darum mich nicht falsch zu verstehen, aber ich versuche die Dinge einfach nur realistisch einzuschätzen. AFTERSHOCK wird vermutlich eines der letzten Alben, wenn nicht sogar das letzte Album von Motörhead sein. In meinen Augen ist es der verzweifelte Versuch noch einmal vor dem Ruhestand einen Klassiker aus dem Boden zu stemmen. In diesem Vorhaben hat man der alten Dampfmaschine aber zu viele Gleiswechsel zugemutet, sodass man einfach nicht auf das Ziel zugefahren ist und letzten Endes war zu wenig Kohle im Tender um den Kurs zu korrigieren. Frühere Alben wie INFERNO, KISS OF DEATH oder das grandiose 2010 erschienene THE WÖRLD IS YOURS kann AFTERSHOCK nicht annähernd das Wasser reichen. Versteht mich nicht falsch, ich finde die Art und Weise, wie sich Lemmy Kilmister durch die 14 Songs kämpft großartig und ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass wohl kaum ein anderer 68 Jähriger solch eine Willensstärker zeigen könnte. Irgendwann jedoch muss sich auch eine lebende Legende eingestehen, dass der Zenit überschritten ist.
Aus eigener Erfahrung möchte ich noch kurz jedem einen Selbstversuch ans Herz legen: Hört Euch AFTERSHOCK an und legt direkt danach das 2004er INFERNO auf. Dann stellt Euch die Frage: "Muss sich dieser Mann, das noch antun?" Diese letze Frage, möchte ich unkommentiert für jeden im Raum stehen lassen. Ich habe meine Antwort darauf jedoch schon klar gefunden.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.07.2014 00:00:03 GMT+02:00
Wollo meint:
Ich habe nun die Inferno unmittelbar danach gehört... aber jetzt höre ich wieder Aftershock. ;)
Zur letzten in den Raum gestellten Frage: Ja, ich denke, er muß... oder kann nicht anders. Wie auch immer, mir soll's Recht sein... :)))
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