Kundenrezension

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen David Robert Jones macht uns den Bowie., 10. November 2013
Rezension bezieht sich auf: The Next Day Extra (Audio CD)
Ähnlich wie „Heathen“ [2002] ist auch „The Next Day“ ein Album mit mehr oder weniger offensichtlichen Bowie-ismen. Schon erstaunlich, wie man 33 Jahre nach "Scary Monsters" (mit dem Bowie einen Deckel auf den Karriere-Abschnitt machte, der ihn seitdem definiert und Maßstäbe gesetzt hat, denen der Künstler selbst mehr oder weniger geglückt hinterherläuft) von IHM immer noch Extraordinäres erwartet. Auf jeden Fall mehr erwartet als bloß ein gutes Bowie-Album, aber "The Next Day" ist genau das. Und geht mit "The Next Day Extra", einem halbwegs wertig und (abgesehen vom komplett weißen "You"-Booklet, einer irgendwie unnötigen Einladung zum Selber-kreativ-sein) konsequent aufgemachten Klein-Boxset in die 2. Runde. So ist das heute: Sie veröffentlichen ein- und dieselbe Platte 5x nacheinander, und ich kauf' mir das alles.

Natürlich gibt es mehr als nur Autoreferentielles: "Love Is Lost" hat zwar genau den gleichen nach angeschickertem Roboter klingenden DIOUU!-Effekt auf der Snare wie die meisten "Low"-Stücke, ist als Song aber viel weniger kataton und beklemmend. Eher dringlich, beinah beschwörend, mit dieser insistierend Orgel. Der Chorus kommt exakt ein einziges Mal („Breaking Glass“, ick hör dir trapsen), und er ist ausgesprochen wundervoll mit seinen desillusionierten Aussagen: "Wave goodbye to the life without pain." - Man ist ständig geneigt, sowas für autobiografisch zu halten und sich wie eine trutschige "Frau im Spiegel"-Matrone zu fragen, ob's ihm 10 Jahre nach seiner Herzattacke auch wirklich gut geht. Das Titelstück ist jedenfalls TOTAL BOWIE-ESK, wie aus "Beauty & The Beast und "Scary Monsters" zusammengepanscht. Man glaubt, jeden Moment kommt Robert Fripp (oder war's Adrian Belew? Ich verwechsel' die immer...) durch die Tür und spielt eins seiner verquasten Solos. Bowies Hausgitarrist Gerry Leonard hat auf jeden Fall klare Anweisungen bekommen. Leider verliert der Song schon vor dem ersten Refrain an Ausstrahlung. "Here I am / Not quite dying". Und schon wieder: Meint er sich selbst? Klingt, als wäre es anstrengend.

Ganz anders „Where Are We Now?“, die Vorab-Single, die Bowies Rückkehr zu einem quasi-epiphanischen Ereignis werden ließ. Obwohl Erinnerung und vergangene Zeit hier hörbar Gewicht haben, klingt Bowie schwere-, fast körperlos. Er hat immer noch diese Stimm-Register, die er ziehen kann, wie’s ihm beliebt. Bei „Heat“ hört man den SCOTT WALKER-Einfluß. Bowie singt, als wäre er sein eigener Schatten. „I don’t know who I am“, und es klingt so traurig, so verloren und leer als könnten wir einen Blick werfen auf die zerrissene, von Panik und Paranoia gebeutelte Persönlichkeit hinter den 1000 Masken und Personae des…räusper…ROCK-CHAMÄLEONS. Ich schäme mich für den Gebrauch dieses Kompositums, das es ohne Bowie gar nicht geben würde, aber die Sehnsucht ZU VERSTEHEN, sie ist stark. Und WIE Bowie seinen vielleicht letzten Aufenthalt auf dem Planeten inszeniert hat, bis jetzt, mit diesen Berlin-Anspielungen und all dem, das scheint so viel ANZUBIETEN. Aber Bowie wäre nicht Bowie, wenn er uns am Ende nicht doch wieder allein ließe mit all unseren Fragen und Bedürfnissen nach Begegnung und Kontakt.

Aber dann soll er auch nicht mit solchen offensichtlichen Lockvogeleien ankommen wie dem ins Fade-Out von „You Feel So Lonely You Could Die“ (einer etwas zu weit hinten und mit statischem Ride gespielten Zweckgemeinschaft aus „All The Young Dudes“ und „Rock’n’Roll Suicide“) montierten Drum-Pattern von „Five Years“. Nichts gegen die typischen Bowie-Saxophone in „Boss Of Me“. Nichts dagegen, daß ich dabei an „Big Brother“ [1974] denken muß. Aber SO OFFENSICHTLICHE Selbstzitate haben bei ihm immer gleich was Seniles, und das schmerzt. Viel lieber einen fiebrigen wehende-Haare Rocksong wie „The Stars Are Out Tonight“. Gerät zwar stellenweise in den Verdacht, ein „China Girl“-Update zu sein, ist aber, so wie’s ist, toll!

Und keine Regel ohne Ausnahme: Einer von 4 Gründen, warum der „Hello Steve Reich Mix By James Murphy For The DFA“ von „Love Is Lost“ der essential Kaufgrund dieser quadratischen Pappkiste ist: Das „Ashes To Ashes“-Zitat, mit dem uns diese atemberaubende Version bei 6:23 endgültig die bei der Ganzkörperrasur verfehlten Haare rechtwinklig abstehen läßt! Die anderen Gründe: 1. Das sich aus einer Applaus-Wolke herausschälende Handclap-Loop, der Steve-Reich-Moment des Tracks; 2. der wiederum einzige Chorus, mittstücks in die erwähnte und zu diesem Zweck nochmal zurückgekommene Klatsch-Atmo montiert und ent-groovt, so daß sich Eingeweihte vielleicht ans Intro von „Changes“ erinnert fühlen; und 3. dieser heavy 70er-Jahre-Discofunk-Beat, der ab der Hälfte dieser über zehnminütigen Großtat das Ruder übernimmt und den Song glatt mal eine Ebene höher raufpusht!! Das ist so stellar, daß ich es kaum glauben kann. Remix, ach was, Song des Jahres!!

Aber auch die anderen Dreingaben (ganz abgesehen von einer DVD mit 4 Clips) haben ihre Qualitäten: Bei „Atomica“ muß sich Schlagzeuger Zachary Alford mit einem stupiden Bums-Beat das Zimmer teilen. Bowie singt „Let’s get this show on the road“. Ein ironischer, sich selbst ins Wort fallender Text über stereotype Rockstar-Dekadenz und -Selbstbezogenheit. Nicht schlecht für jemanden, der das alles hundertfach durch hat. Und trotzdem immer noch so großartige Songs wie „Informer“ schreiben kann. Die langen Jahre des Schweigens mögen „The Next Day“ zunächst abgekoppelt erscheinen lassen vom restlichen Bowie-Katalog, aber es läßt sich problemlos dazustellen und sieht trotz Anti-Artwork super aus in der Reihe. Es ist eins der Besseren und das Beste, das er machen konnte. Meinetwegen ist es auch ein würdiges Statement vorm endgültigen Verschwinden. Auf jeden Fall das beste Bowie-Album seit IchweißnichtwelcheBowiePlattedieletzterichtigGutewar.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 11.12.2013 09:09:16 GMT+01:00
ezaube meint:
Schöne Rezension, vielen Dank!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.12.2013 14:41:22 GMT+01:00
Steffen Frahm meint:
Prima, sehr gern! ;-)
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