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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Lebenden brauchen die Lebenden, 15. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Hereafter - Das Leben danach (DVD)
Es ist unglaublich, unfassbar - nein, nicht der Zugang zum Tode und zu den Toten, um den es hier geht, sondern dass Clint Eastwood immer noch immer besser wird, wo seine vorangegangenen Werke schon meisterlich waren. Der Meister untertreibt massiv mit seinem Ausspruch: "Ich bin nur ein Typ, der Filme macht." Er hat die Kreisquadratur fertiggebracht, seiner Handschrift treu zu bleiben und doch etwas ganz Neues, Komplexes, aber auch Emotionales zu filmen, mit einem Thema zudem, das auf den ersten Blick nicht zu Eastwood zu passen scheint. Es geht um drei Geschichten: Die Französin Marie (Cécile de France) gerät in Thailand in einen Tsunami und hat eine Nahtoderfahrung. Der kleine Junge Marcus verliert in London seinen Zwillingsbruder durch einen Autounfall (der für ihn auch Ersatzvater und die treibende Kraft in einer nicht einfachen Kindheit mit einer drogensüchtigen Mutter war). In San Francisco möchte sich der grüblerische George (Matt Damon) neu orientieren: Als Kind hatte er selbst eine Nahtoderfahrung, arbeitete später als Medium und empfindet seine Gabe jedoch als Fluch, so dass er den kargen Lohn eines Lagerarbeiters vorzieht (aber bald wegrationalisiert wird, so dass sein Fluchtversuch zunächst gescheitert ist).

Erstaunlich ist, dass Eastwood sich auf das Terrain des Übersinnlichen begibt und es tatsächlich ernst nimmt. George hat WIRKLICH Kontakt zu den Toten, Marie hatte WIRKLICH die Nahtoderfahrung, die ihr Leben verändert, Marcus hat WIRKLICH noch in einer Szene seinen Bruder-Schutzengel aus dem Jenseits. Und doch: Eastwood redet gar nicht der Möglichkeit des Kontakts mit dem Jenseits das Wort wie etwa Robert Wise in "Audrey Rose" (1976). Man muss seine Geschichte wohl metaphorisch deuten. Es geht nicht um die Lebenden und die Toten. Es geht um die Lebenden und die Lebenden. Und es geht, wie so oft bei Eastwood, um Menschen, die einander brauchen. Oftmals leben seine Filme von zwei parallelen und parallelmontierten Handlungssträngen und zwei Hauptpersonen, die sich in Schlüsselszenen nur kurz oder manchmal auch nur fast begegnen (das können Gegner sein wie in "Unforgiven" und "Absolute Power", oder auch gegensätzliche Verbündete wie in "True Crime" und eigentlich auch in "A Perfect World"). Hier haben wir gleich drei! Und drei Hauptpersonen, die Seelenverwandte sind und einander brauchen. Denn soviel steht fest, der Tod ist eine nicht auf die leichte Schulter zu nehmende Angelegenheit, und Eastwood zeigt eindrücklich, dass man Erlösung erlangen muss. Nicht die Sterbenden müssen es, so wie Maggie in "Million Dollar Baby". Sondern die Lebenden müssen es, Eastwoods Film erzählt eigentlich nur vom Leben und nicht vom Tod, und die Erlösung der Lebenden ist alles andere als einfach zu haben. Wieder einmal versagt die Kirche (die dies schon in "Million Dollar Baby" tat und - mit einem versöhnlichen Ende - in "Gran Torino") in einer an sarkastischem Minimalismus und erzählerischer Ökonomik à la Eastwood nicht zu überbietenden Szene: Beim Trauergottesdienst für Marcus' Bruder geht alles sehr schnell zu. Der Pfarrer dreht sich noch einmal dienstbeflissen statt würdevoll um, ob der Orgelspieler auch bereit ist, sagt dann pflichtschuldig seinen Text, um anschließend die Überreichung der Asche zu erläutern und schon nach wenigen Minuten die Nächsten in die Kirche zu lassen, die - möglicherweise - Hindus sind. Die Kirche als Dienstleistungszentrum für Bestattungen aller Religionen im Minutentakt! Es versagen auch die ganzen selbsternannten Scharlatane der Spiritistik. Es scheitert ferner eine sich anbahnende Beziehung zwischen George und Melanie, einer jungen Frau, die offenbar als Kind missbraucht wurde und beim "Hearing" mit George nicht verkraftet, damit konfrontiert zu werden. George ist unerlöst, weil er mit seiner Gabe sein Leben vom Tode bestimmen lässt, Melanie hat sozusagen ihre "Leiche im Keller", Marie muss ihre Erfahrung verarbeiten und jemanden treffen, der sie wirklich versteht, der kleine Marcus muss lernen, seinen toten Bruder loszulassen.

Wie das bei Eastwood so ist, sind die Rollen der Helfenden und der Hilflosen nicht eindeutig verteilt, jeder Hilfsbedürftige kann auch dem Anderen etwas geben, und wer wen rettet, ist nicht ausgemacht. Selbst der scheinbar so verzweifelte Marcus, der immer der passivere der beiden Brüder war, erkennt ganz genau, dass George Marie sucht und gibt ihm einen entscheidenden Tipp. Am Ende, soviel sei angedeutet, wird George erstmals eine Vision haben, die nicht mit dem Tod, sondern mit dem Leben zu tun hat. Und das letzte, was er tut: Er kann jemandem die Hand geben, ohne sofort eine Todesvision zu haben. Er kann jemanden berühren, ohne unangenehm berührt zu sein. Eastwoods humanistisches Anliegen scheint mir generell in der Behauptung zu liegen, dass jeder Mensch etwas zu geben hat, dass auch der scheinbar Hilfsbedürftige den scheinbar Überlegenen "retten" kann (hier ist mein Lieblingsbeispiel immer wieder "True Crime": Ein Mann sitzt in der Todeszelle, ein anderer - von Eastwood selbst gespielt - ist nicht des Lebens bedroht, hat aber ein ungleich verpfuschteres Leben. Man kann sagen, dass sie einander wechselseitig das Leben retten!).

Und dies ist bei Eastwood nicht These, sondern er kann davon ERZÄHLEN, dieser vielleicht letzte große klassische Geschichtenerzähler des US-Kinos. Von der minimalistischen Meisterschaft einer Szene war schon die Rede. Eastwood gelingt es durchgängig, seine teils recht bedrückende Geschichte in ein Schattenreich zu tauchen, in dem (das kennt man vom Regisseur und seinen jahrelang konstanten Kameramännern, seit 2002 Tom Stern) oftmals eine Gesichtshälfte völlig im Dunkeln bleibt. Eine Ausnahme der letzten Jahre bildet der freundliche "Invictus", in dem ebenfalls Matt Damon mitspielte. Um wie viel grüblerischer und nachdenklicher ist er hier! Auch hat ihm die Maske das eine oder andere graue Haar mitgegeben. Man fühlt sich fast an den großen Tim Robbins und seine unendlich tragische Rolle in Eastwoods "Mystic River" erinnert und hätte das Strahlemann Damon ehrlich gesagt kaum zugetraut. Mit einem sicheren Gespür für Atmosphäre und beeindruckenden Kinderdarstellern zeigt Eastwood auch das Leben von Marcus und zunächst noch Bruder Jason in nicht schönen Vierteln von London, und wie das so ist, wenn Kinder viel zu früh die Eltern ihrer Mutter werden müssen, weil diese an der Nadel und an der Flasche hängt (aber von Eastwood mit Sympathie statt Zeigefinger porträtiert wird). Und die ganze Pracht der weltumspannenden Orte sowie ein CGI-Wunderwerk eines Tsunamis verkommen nie zu Ausstellungsstücken. Eastwood lässt nie seine Geschichte und vor allem seine Protagonisten aus dem Blick, widersteht der Versuchung, beim Tsunami aufgrund der Effektmöglichkeiten Marie aus den Augen zu verlieren. Ähnlich bei dem italienischen Kochkurs, bei dem sich Melanie und George kennenlernen: Dieser wird mit eingespielten Opernarien und "Essen mit Maske erkennen" zur sinnlich-erotischen Verlockung, aber die Belastung des Unerlöst-Seins ist sofort spürbar, wenn sich Melanie und George beim Reichen der Probierhappen kurz berühren. Rot ist hier auch das Blut im Sinne der "offenen Wunden", nicht nur der Wein und die Tomaten (dass diese mit riesigen Messern geschnitten werden müssen, die unsere Protagonisten zunächst verwechseln, mag zudem anzeigen, dass sie noch nicht wissen, ob und wie sie einander sezieren sollten bzw. ob und wie sie an ihrer eigenen trügerischen Schutzhülle herumschneiden sollten).

Eastwood hat trotz der spektakulären Eröffnung eigentlich einen (auch in der von ihm selbst komponierten Musik gewohnt) leisen und zurückhaltenden, dafür aber umso eindringlicher den Blick aufs Wesentliche lenkenden Film gemacht. Und, wie gesagt, einen sehr komplexen. Wobei diverse Anspielungen auf Charles Dickens vielleicht ein bißchen hergesucht sind und sich mir noch nicht so recht erschlossen hat, warum das Drehbuch diese so wichtig nimmt, bloß weil der Autor und sein Werk gut zum sinnsuchenden George passen (das täten in dieser Allgemeinheit noch viele andere). Sei's drum, anregend sind die aus Dickens' Werk vorgelesenen Passagen allemal. Wie alles an diesem Film, der den Zuschauer nicht loslässt und noch lange nachwirkt.
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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.10.2011 10:38:20 GMT+02:00
Lieber Tonio,

Du hast recht gehabt: Deine Rezension hat mich tatsächlich neugierig gemacht, auch wenn ich gestehen muß, daß ich mir den Film bislang noch nicht angeschafft habe, denn die Themen Nahtoderfahrung und Spiritismus kann ich in der Regel nicht so recht ernstnehmen. Ich dachte mir zuerst, na, der Eastwood wird eben alt und, wie es da meist der Fall ist, beschäftigt er sich mit dem Leben nach dem Tode - etwas, das mir wahrscheinlich auch noch passieren wird, sollte ich über 60 werden - und da möchte ich einstweilen noch nicht dabei sein. - Doch aus Deinen Ausführungen wird ja deutlich, daß ich wohl ein wenig falsch lag; außerdem machen Deine Hinweise auf Dickens mich natürlich noch neugieriger. Danke für diese Zurechtrückung.

LG, Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.10.2011 16:11:34 GMT+02:00
christine meint:
Ju, ich denke, da werde ich auch mehr als nur einen Blick riskieren. "Eigentlich" geht ja ein großer Teil der Nahtoderfahrungen auf chemische und hormonelle Veränderungen im Körper zurück. Aber, Tonio, wie Du so schön schriebst, es geht ja eher um die Lebenden als um die Toten. Zudem Thema liebe ich ja besonders "Das grüne Zimmer" von Truffaut. Herzzerreißend-traurig, aber schön. LG

@Tristram: Mal eine andere Zurechtrückung: Ich habe mir die Western-Edition der SZ Cinemathek gegönnt. Was sagst Du nun? Wird aber sicherlich eine Weile dauern bis ich da durch bin.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.10.2011 18:09:20 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.10.2011 18:10:11 GMT+02:00
Liebe Christine,

dazu sage ich: "Yeehaw!!!" und führe einen Goldgräbertanz auf wie Walter Huston in "The Treasure of the Sierra Madre". Mit Ausnahme von "The Hallelujah Trail" und "Maverick" sind das nämlich durch die Bank sehr schöne Western; mit Boettichers "Ride Lonesome" und King Vidors "Man Without a Star" sind zwei Juwelen vertreten, nach denen ich lange - kann man in diesem Zusammenhang sagen: geschürft habe. Außerdem gibt es hier endlich eine deutsche Ausgabe von "Red River". Ich sag nur: Du bist auf dem richtigen Wege!

LG, Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.10.2011 21:12:51 GMT+02:00
Klein Tonio meint:
Und, liebe Christine, Du bist es auch mit dem Hallelujah Trail, bei dem Tristram und ich uns ja gaaaaar nicht einig sind;-). @Tristram: Weil ich mich bei Dickens nicht so auskenne, habe ich ein bißchen gegoogelt. Die Dickens-Fangemeinde bedauert, dass es offenbar Dickens-Lesungen, wie sie im Film vorkommen, nicht als Audiobooks gibt (der britische Schauspieler Derek Jacobi spielt sich selbst und liest Dickens). Kleiner Insider am Rande: Dass sich alle drei bei einer Autorenlesung am Ende begegnen, fand ich nen netten Einfall, jaja, solche Lesungen sind schon ein spaßig Ding - leider ist der Andrang nicht immer so groß wie in dem Film gezeigt, aber "zwei Schwärmer in leinwandgöttlicher Mission" arbeiten dran;-). LG, Tonio

Veröffentlicht am 21.10.2011 13:39:18 GMT+02:00
Berlinoise meint:
Lieber Toni,
die inhaltliche Diskussion hatten wir ja schon bei meiner -merklich kritischeren- Rezension, hier aber nun noch eine technische Frage zur DVD, da ich den Film ja bislang nur in der Kinoversion kenne, lassen sich die Untertitel ausschalten oder hat die DVD auch eine Zwangsuntertitelung?
LG, T

Veröffentlicht am 11.01.2012 16:05:49 GMT+01:00
Arne Evers meint:
Hallo,
naja mal ganz im ernst. Ich finde Eastwood ist einer der genialsten Regisseure, die der Markt momentan zu bieten hat. Auch als Schauspieler finde ich Eastwood ein gelungenes Paket. Früher fand ich die Italo Western soooo fesselnd und dann ja noch Dirty Harry mit so Sätzen wie Magnum 45, die größte Handfeuerwaffe der Welt. Sowas hat mich gefesselt und Clint Eastwood hat sich somit wohl bis in alle Ewigkeit in meinen Kopf verewigt. Ich finde als Weltstar kann man ja sagen Hey mann Leute easy going. Aber nein Eastwood versucht sich jetzt im nahtotbereich. Man kann ja sagen was man will, aber das ist Ihm auch gelungen und zwar richtig. Ich glaube der mann macht einfach Dinge die ihn interresieren und vorallem Spaß machen und daraus erwächst ja in der Regel Erfolg. Also lange reden kurzer Sinn. Schaut euch den Film an mit Popcorn Chips und Cola light und mit netten Besuch. Nein Scherz, Ich hoffe wir werden alle ur ur alt. Aber eines soll dochnoch gesagt sein. Irgendwann machen wir die Erfahrung wohl alle. Es grüßt euch Arno the Space
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