Kundenrezension

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ratten kommen auch vor, 6. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Lehrmeister Ratte: Was wir von den erfolgreichsten Säugetieren der Welt lernen können (Taschenbuch)
Ich bin an einem Mühlbach aufgewachsen. Direkt gegenüber unserem Haus mündete der sogenannten Krankenhauskanal. Ein idealer Lebensraum für Ratten. Ich habe als kleiner Bub mit Leidenschaft die Ratten beobachtet. Seit kurzem betreibe ich eine Expositur der Rattenhilfe Thüringen von Petra Mittelbach. Ich "musste" das Buch daher haben, bin aber ziemlich enttäuscht worden.
Auf Seite 214 schreibt die Autorin: "Doch genug von diesem wissenschaftlichen Abenteuer, schließlich sind die Ratten hier die Hauptfiguren". Das stimmt nicht. Das Buch ist primär eine akademische Nabelschau. Die Hauptfiguren sind mit der Autorin verbundene Forscher. Im Laufe des Buches lernt man gezählte 137 Exemplare dieser Spezies kennen. Sie schmiert den unmittelbaren Rottenmitgliedern kräftig Honig ums Maul. Die Experimente der Kollegen sind genial und brilliant, sie stellen kluge Fragen, sie sind im Umgang nett ... Das ist sehr weit von den realen Verhältnissen des akademischen Betriebes entfernt. Neid, Missgunst und Intrige sind in Forschergruppen mindestens so verbreitet wie unter den Gewerbetreibenden einer Kleinstadt. Gegen Mitgliedern konkurrierender Rotten schwingt sie hingegen den geistigen Holzhammer. K. Lambert stammt - wie sie selbst betont - aus dem erzkonservativen Milieu von Alabama. Den unaufgeklärten Südstaaten Mief merkt man an vielen Stellen des Buches:
"Damals (vor Ausbruch der Finanzkrise 2008 C.D.) war mir noch nicht klar, dass zwischen einer ökonomischen und einer emotionalen Depression ein wichtiger Zusammenhang besteht. Wenn ich aber bedenke, was uns die Ratten über den Wert der Arbeit und ihre Beziehung zu unserer geistigen Gesundheit lehren, dann vermute ich, dass hier sogar mehr Verbindungen bestehen, als ich je gedacht habe".
Bereits 1897!! hat Emile Durkheim in seinem Soziologie Klassiker "Der Selbstmord" klar den statistischen Zusammenhang zwischen Selbstmordrate und Ökonomischer Krise dokumentiert.
Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit (1933) ist der Titel einer Untersuchung von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel zu den Folgen von Arbeitslosigkeit, die zu den Klassikern der empirischen Soziologie gehört. Die Studie zeigte die sozio-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit auf und machte deutlich, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht – wie vielfach angenommen – zu Revolte, sondern zu passiver Resignation führt.
(aus wikipedia: Die Arbeitslosen von Marienthal).
Mit einem Minimum an gesellschaftswissenschaftlicher Bildung wäre K. Lambert - ohne Tausende Ratten zu quälen - schon lange vorher zur selben Erkenntnis gelangt. Aber in ihrem schlichten Weltbild ist das alles wohl nur Geschwafel und nur die Methoden und Ergebnisse ihrer Disziplin führen zur wahren Erleuchtung und allgemeiner Glückseligkeit.

Es haben auch ihre literarischen Fähigkeiten Verbesserungspotential (möglicher Weise ist das Original literarisch wertvoller als die Deutsche Ausgabe). Die ersten Kapitel sind ziemlich öde und langatmig geschrieben. Lambert entwickelt erst im Kapitel über Rattensex einen gewissen Schmäh. Wie sie selbst betont, ist das für ein Südstaaten-Mäderl ein sehr anrüchig-reizvolles Thema. Nachdem sie - mit einem gewissen Augenzwinkern - herumtrickst meint sie schließlich: "Diese Studie legt also nahe, dass Sex das Gehirn komplexer macht ... (sic!) so, jetzt ist es heraus".
Allerdings passt das Sexual- und Familienverhalten ihrer Ratten so gar nicht in das Südstaaten-Weltbild. Im Rattenrudel schnackselt jede mit jeden (und wenn gerade kein Weibchen vorhanden ist, bespringen sich die Männchen auch gegenseitig). Die sexuelle Auswahl erfolgt über die "sperm competition". Die Ratte mit den agilsten Spermien gewinnt den Fortpflanzungswettlauf. Ratten haben daher im Verhältnis zu ihre Körpergröße rießige Hoden. Nachdem - im Sinn der Autorin - auf diesem Gebiet von den Ratten so gar nix zu lernen ist, weicht sie auf monogame Mäusearten aus. Obwohl die (relative) Hodengröße eine wichtige Variable zur Erklärung des Sexualverhaltens einer Tierart ist, kommt dieser Aspekt nicht vor (der Mensch rangiert diesbezüglich zwischen dem treuen Orang-Utang und den promiskuösen Schimpansen).

Im Buch bekommt man den Eindruck, dass die Forschung an Ratten einzig und alleine zum Wohle der Menschheit durchgeführt wird. Die dunklen Seiten werden vollkommen ausgespart. So wurde der zerstörerische Effekt von Schlafentzug erstmals an Ratten erforscht. Auf Grund dieser Experimente wurde systematischer Schlafentzug eine weitverbreitete Foltermethode.
Es werden aber auch fachliche Details sehr vereinfacht wieder gegeben. So berichtet Lambert im letzten Kapitel von einem Experiment der Univ. Oxford. Es wurden Farbratten die über hunderte Generationen im Labor gelebt hatten in der Wildnis ausgesetzt. Man erhält den Eindruck, dass diese in kürzester Zeit ihre Instinkte wiederentdeckt und sich wie wilde Ratten verhalten haben. Tatsächlich war das Terrain eher ein Ratten-Zoo mit idealen Bedingungen sowohl für den Nestbau als auch die Futterbeschaffung (inkl. Schutz vor Raubtieren). Die Farbratten hätten an "meinem" Mühlbach mit Sicherheit keine Überlebenschance gehabt. (Es gibt am Netz einen sehr netten Film über dieses Experiment).

Laut Lambert haben wagemutige Ratten gegenüber vorsichtigen einen immensen biologischen Vorteil. Wäre dies in diesem Umfang tatsächlich der Fall, dann wären vorsichtige Ratten durch "survival of the fittest" im Laufe der Evolution längst eliminiert worden. Sie schränkt diese Ergebnisse zwar mit "zumindest im Labor ist das so" ein, verwendet aber in Folge dieses Resultat immer wieder und gibt es auch als Ratschlag "was wir von Ratten lernen können" weiter. Wenn man etwas von wilden Ratten lernen kann, dann ist es "wer vorsichtig ist, hat länger was vom Leben". Man könnte an dieser Stelle die Frage stellen welche Relevanz Laborergebnisse haben. Kritische Reflexionen zur eigenen Disziplin sind jedoch nicht ihre Sache. Sie pickt sich stattdessen aus dem komplexen Verhaltensrepertoire verschiedenster Nager immer jenes heraus, das ihr am besten gefällt.

Eigenartiger Weise hat die Autorin in ihrem gesamten Forscherleben nur 2x wilde Ratten gesehen. Das erste Mal, als sich eine in ihr Büro verirrt hat. Sie hat den Schädlingsbekämpfer der Uni gerufen. Das zweite Mal bei einer Exkursion in Baltimore. Laut ihrer Schilderung war sie ganz aus dem Häusl als sie dort richtige Ratten vorbeihuschen sah. Im Verhältnis dazu bin ich ja direkt ein großer Wildrattenexperte.

Wer die Namen und Universitäten von 137 Rattenforschern und Neurobiologen auswendig lernen möchte ist mit diesem Buch perfekt bedient. Falls man mehr an Ratten interessiert ist, kommt man nicht auf seine Rechnung. Ich habe jedenfalls von Petra Mittelbach viel mehr gelernt.
Die Deutsche Übersetzung dürfte auch nur mittelprächtig sein. Wobei man aber zur Entschuldigung der Übersetzerin (und nicht des Verlages) sagen muss, dass die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich beschämend sind. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Donald Duck) sind daher die meisten Übersetzungen nicht gerade sprachliche Meisterwerke.

Interessanter fand ich:
S. Barnett: The Rat: A Study in Behavior.
R. Sullivan: Rats: A Year with New York's Most Unwanted Inhabitants.
Siehe auch meine jeweiligen Besprechungen.
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Kommentare


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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 20.10.2013 09:07:38 GMT+02:00
G. Koch meint:
Schade, daß diese Rezension vor Vorurteilen gegenüber den Südstaaten nur so strotzt. Nicht alle Südstaatler sind ungebildete, prüde Hinterwäldler. Allein dies schmälert für mich die gesamte Glaubwürdigkeit der Rezension.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.10.2013 08:47:55 GMT+02:00
Die Autorin betont selbst ihre konservativen Südstaaten Wurzeln.
Aber ich weiss schon, meine Rezension verstösste gegen die politische Korrektheit. Von der ich aber herzlich wenig halte. Das ist nichts anderes als die Rückkehr des frommen Miefes den ich in meiner Kindheit noch erlebt habe.
Wobei sie nun aber als politisch korrekter aufgeklärter Mensch das logische Problem haben, eine vulgär-biologistische Autorin gegen Kritik zu verteidigen.

Veröffentlicht am 21.10.2013 12:41:39 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.10.2013 12:52:54 GMT+02:00
Sisasaskia meint:
Respekt, Herr Donninger, Sie haben hier eine vorzügliche Rezension geliefert und , wie man so schön sagt, damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Als Rattenliebhaber, der seit Jahren Ratten hält, musste ich ebenfalls nach dem Lesen dieser Abhandlung feststellen, dass die Autorin sich damit nur selbst beweihräuchert und kaum was wirklich neues herausgefunden hat, was man als halbwegs erfahrener Rattenhalter nicht schon wüsste. Hoffte ich anfangs noch, ein wenig über diverse Rattenkrankheiten und deren Therapie zu erfahren, wurde ich von Kapitel zu Kapitel mehr enttäuscht und kann mich des Gedankens nicht erwehren, einer sich wichtig tuenden Südstaatentusnelda auf den Leim gegangen zu sein. Ich finde es bemerkenswert, dass Sie Ihre Ratten über eine Rattenhilfe beziehen, diese Leute haben oftmals sehr fundierte Rattenkenntnisse und könnten selber Bücher darüber schreiben.

Veröffentlicht am 02.04.2014 21:20:13 GMT+02:00
B. Schürmann meint:
20 Euro gespart...merci!
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