Kundenrezension

5.0 von 5 Sternen K. Rahner: Institutionalisiertes Christentum ist ein Götze, so es die Realität radikaler Liebe, Treue und Hoffnung verschweigt, 12. November 2013
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Rezension bezieht sich auf: Gotteserfahrung heute (Audio CD)
Am 22.10.1969 hat Karl Rahner seine Vortrag „Gotteserfahrung heute“ in der damaligen Theologischen Akademie Koblenz gehalten. Das Manuskript hat er dann in den „Schriften zur Theologie, (Band IX, Einsiedeln 1970, S. 161 – 176) veröffentlicht. Dieser zeitlos gültige Vortrag eines großen Theologen und erfahrenen Seelsorgers ist keine leichte Kost. Doch es lohnt auch für den theologischen Laien, sich damit zu befassen. Die Sprache Rahner ist hier von geradezu beschwörender Eindringlichkeit. Man spürt förmlich, wie ihn die Sorge um unser aller Seelenheil antreibt.

Junge moderne Menschen seien stark mit Alltagsroutine beschäftigt, weshalb existentielle Fragen oft nicht vorgelassen werden. Und ausgehend von einem offensichtlich schon immer falschen „christlichen Weltbild“ („der „liebe“ Gott, der als Weltregent für Moral sorgt und auch wieder gnädig sein kann“) glaube man heutzutage (ohne zu wissen, was mit dem Wort "Gott" wirklich gemeint ist) Gott als irrelevant oder sogar als nicht existent abtun zu können. Dazu Karl Rahner: „Es ist aber in Wahrheit so: Die rationale Durchschauung der Welt, die diese entgöttlicht, ist durchaus legitim, vorausgesetzt nur, dass diese Entgöttlichung der Welt langsam immer mehr erfahren wird als getragen von jener Transzendierung von Welt und endlichem Subjekt, in der die wahre Gotteserfahrung geschieht.“

Die Grundvoraussetzung jedes Gottesglaubens sei die anonyme, natürliche und gnadenhafte Transzendenzerfahrung: Es gehe hier keineswegs um ein subjektives Gefühl, sondern und das radikale Vertrauen auf die absolute Realität unserer geistig personalen Erfahrung von Liebe, Treue, Hoffnung, Verantwortung in Freiheit, Gerechtigkeit und so fort. Während diese transzendentale Gotteserfahrung früher aus dem Staunen über die Welt erwuchs, sei sie heute eine existentielle Erfahrung: Im Angesicht des Todes, im Bewusstsein von quälender Einsamkeit, von unerbittlicher Verantwortung in Freiheit oder von unbedingter Liebe erfährt der Mensch das "unsagbare Geheimnis, das in jedem Leben waltet". Aus seiner gnadenhaften existentiellen Gotteserfahrung erwachse dem Christen – in der Nachfolge Jesu Christi –. die Kraft für seinen nüchternen, demütigen Dienst in dieser Welt.

Karl Rahners eindrucksvolles, leidenschaftliches und kritisches Schlusswort möge anregen, den ganzen Vortrag zu studieren:

„Lassen Sie mich ein letztes Wort sagen: Heute in der katholischen Kirche, überhaupt und auch in Deutschland, wird unendlich viel über Kirchenreform, über Demokratie in der Kirche, über Bischöfe und Päpste, über ihr richtiges oder falsches Verhältnis gestritten und geredet, wird viel gesagt über die Weltaufgabe, die das Christentum hat, über seine Verantwortung für die profane Welt usw. Alle diese Dinge sind wichtig. Sie können nicht übergangen werden. Aber ich meine, all das würde doch zu einem entarteten Betrieb, bei allem Reformwillen zum entarteten Betrieb einer religiösen Institutionalität entarten, die gräulich ist, auch dann wenn sie großen Lärm und Geschrei macht und stolz ist auf ihren Reformwillen, wenn dieser ganze Betrieb nicht letztlich immer wieder erkennen würde, dass er dazu da ist, den Menschen anzuleiten, diese ursprüngliche Gotteserfahrung in sich zu entdecken, vorzulassen, für sich selbst in einem gewissen Sinne wenigstens zu objektivieren, diese ursprüngliche Gotteserfahrung anzunehmen, in Freiheit sie wachsen zu lassen, sich immer radikaler zu ihr zu bekennen, in dieser Gotteserfahrung frei zu werden, von sich, von den versklavenden Mächten der Welt, des Lebens, der innerweltlichen Utopien, des Todes usw.

Religion, Reden darüber, so wichtig alle diese Dinge sind, sind nur dann nicht noch einmal ein neuer Götze, den der Mensch sich entrichtet, wenn all das immer wieder den Menschen hinführt zu einer letzten ursprünglichen, unausweichlichen, immer gegebenen, wenn auch noch so anonymen Erfahrung, dass wir immer und überall schon umgeben, getragen, angenommen, befreit und erlöst sind von jenem unsagbaren Geheimnis, das wir Gott nennen. Und ich meine, in all den heutigen kirchlichen, theologischen, dogmatischen Kämpfen und Auseinandersetzungen, die heute die Kirche durchtoben, sollten wir das nicht vergessen: Wir sind im Grunde genommen eben doch nur Christen, wenn wir uns vertrauend, hoffend, arglos, ohne letzte Angst, ohne letztes Misstrauen hinein fallen lassen in das Geheimnis unserer Existenz, das größer ist wie wir, das uns umgibt, das sich uns immer zusagt als Gnade, als Heil, als ewiges Leben.

Man darf, wie ich schon betont habe, diese Gotteserfahrung nicht verbannen in eine bloße religiöse Innerlichkeit des Menschen. Ich habe schon gesagt: Sie hat auch wirklich eine letzte sehr radikale politische gesellschaftliche öffentliche Relevanz und Bedeutung, aber eben nur dann, wenn sie echt und lebendig gemacht wird, wenn wir alle, wenn ich einmal das so sagen darf, die Mystiker dieser Gotteserfahrung sind, die wir alle haben und die wir meistens übersehen, an der wir uns, weil wir sie nicht manipulieren können, nur zu gern vorbeischleichen, zu den Dingen des Alltags, die übersichtlicher, manipulierbarer, verständlicher sind. Aber wir leben dieses klare Dasein des Alltags letztlich eben doch umfasst und von jener Tiefe des Geheimnisses her, das wir Gott nennen. Wir leben aus einer wirklichen, echten, in jedem von uns gegebenen, wenn vielleicht auch verdrängten, anonymen, nicht beachteten Gotteserfahrung heraus, und die Geschichte unseres Lebens sollte nicht in einer theoretischen Spekulation und nicht bloß in einem Gefühl, sondern in der Tat des Lebens, die Geschichte des Wachstums und der Annahme und der immer tieferen Verwurzelung dieser Gotteserfahrung sein.“
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