Kundenrezension

5.0 von 5 Sternen Fiktion schlägt Wirklichkeit: Bei Tarantino gewinnt das Kino den Krieg!, 22. November 2013
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Rezension bezieht sich auf: Inglourious Basterds [Blu-ray] (Blu-ray)
Wenn sich ein cineastischer Gratwanderer vom Schlage eines Quentin Tarantino mit seinem Hang zur ästhetisch stilisierten Gewalt einem Thema wie dem Zweiten Weltkrieg widmet, kann man nicht ernsthaft erwarten, dass dabei ein weiteres dieser Machwerke inflationär produzierten Kitsches herauskommt, mit denen vor allem das Fernsehen den Zuschauer in regelmäßigen Abständen versorgt. "Inglourious Basterds" ist eine fast schon kindliche Rachevision, die politisch vollkommen unkorrekt ist, sich um historische Fakten wenig kümmert, in der ohne jegliche moralische Bedenken getötet wird und Tarantino sich mit unverschämter Dreistigkeit über die schwere Bürde der Geschichte hinwegsetzt, indem er den Spieß einfach mal umdreht, die Betroffenen aus ihrem Trauma reißt und die sonst so hilflosen Opfer zu erbarmungslosen Richtern macht. Dabei geht es aber nicht nur um eine surreale Revision einer ungerechten Wirklichkeit, in der die Täter meist ihrer verdienten Strafe entkamen. Dieser groteske Parforceritt will vielmehr eine befreiende Katharsis sein, die sich versucht, von allen Fesseln einer faschistoiden Ästhetik aus jenen dämonischen Zeichen und Symbolen zu lösen, die bis heute immer noch ihr Unwesen in manchen Köpfen treiben. Wer die Nazis endgültig besiegen will, muss ihre Propagandamaschinerie zerstören. In Tarantinos Logik gehört es dazu auch, sich in aller Konsequenz von den gängigen Formen des Erzählkinos zu verabschieden. Man könnte diese heikle Thematik auch als den immer selben drögen Aufguss inszenieren, wie es beispielsweise Bryan Singer nahezu zeitgleich in "Valkyrie" tat. Oder man tränkt stattdessen den Topos in eine hochexplosive Mixtur aus Kriegsfilm, Italo-Western, Agententhriller, Pulps, Comics und einen Hauch von Melodram und reichert das Ganze noch mit etlichen filmischen Zitaten, doppelzüngigen Dialogen, makabren Humor und extravaganten Dingen wie einem Mexican Standoff an. Dabei fällt der Plot ziemlich trivial aus: Eine kleine Gruppe von US-Soldaten unter dem Kommando von Aldo Raine schlachtet alle Nazis ab, die ihnen über den Weg laufen. Ihr Gegenspieler ist der perfide Judenjäger Hans Landa, der gleich zu Beginn eine jüdische Familie aufspürt und ermorden lässt, bis auf Shosanna, der die Flucht gelingt. Sie taucht in Paris unter, wo sie sich als Filmvorführerin über Wasser hält. Als Goebbels ausgerechnet Shosannas Kino für die Uraufführung des Propagandafilms "Stolz der Nation" auswählt, schlägt die Stunde der Rache.

Insbesondere die Exposition erinnert in ihrem erbarmungslosen Rhythmus stark an den Spaghetti-Western und ähnlich wie bei Leone verschwimmen auch bei Tarantino die Trennlinien zwischen Gut und Böse, weil die Guten eben auch ein bisschen böse sind, nur haben sie die besseren Gründe, dies zu sein. Im Prinzip steckt in Typen wie Raine oder Stiglitz dieselbe Sorte Mensch wie in Landa, nämlich ein Sadist. Am deutlichsten wird dies in der Szene in der Kellerbar, als die Basterds in Naziuniform zu einem konspirativen Treffen mit der charmanten Agentin Bridget von Hammersmark erscheinen. Als Betrachter ist man hier kaum noch in der Lage zu differenzieren, zumal sich die Basterds der Methodik ihrer Gegner bedienen. So wie die Nazis mit ihrer Propaganda das Bewusstsein ihres Gefolges manipulieren, so unterminieren die Basterds auf gleiche Weise die Wahrnehmung der Nazis. Jeder von den Basterds könnte auch ein Nazi sein und jeder von den Nazis wiederum ein Basterd. So gaukelt es Tarantino zumindest dem Publikum vor, vielleicht weil er glaubt, dass man Sadisten nur mit Sadisten besiegen kann. Der einzige Unterschied zwischen Landa und den Basterds besteht darin, dass sich Landa kultivierter gibt. So ist er höflich und zuvorkommend (wenn auch nur um seine Opfer aus der Reserve zu locken), verfügt über stilvolle Manieren, begrüßt Damen sogar mit einem Handkuss, weiß die Vorzüge eines guten Apfelstrudels zu schätzen und ist rhetorisch überaus begabt. Dass Tarantino und in Persona der grandiose Waltz das Bild dieses effizienten Judenjägers völlig entgegen aller Klischees nachzeichnen, ist dabei ein raffiniertes Kalkül, weil dadurch für Landa das Alibi vom einfachen Mitläufer, der von Goebbels Propaganda nur verführt wurde, nicht mehr gilt. Landa ist zu schlau, um sich über die wahren Umstände des Regimes im Unklaren zu sein. Was er sogar indirekt selbst zugibt, indem er gleich zu Beginn im Haus des Milchbauern über Führer-Reden witzelt. Jemand, der so intelligent ist, dass er bereits im System die dahinterstehende Ideologie durchschaut und ins Lächerliche zieht, aber dennoch willig in gehobener Position mit grenzenloser Lust an der Folter in dieser verbrecherischen Maschinerie mitwirkt, kann man getrost als voll schuldfähig und abgrundtief bösartigen Opportunisten bezeichnen, zumal er mitnichten nur der bürokratische Schreibtischtäter ist, den er in der Eröffnungssequenz mit seiner Zettelwirtschaft zu suggerieren glaubt. Weswegen ihm Raine auch das Hakenkreuz mit einem Messer als Stigma in die Stirn ritzt. Uniformen kann man abstreifen, eine Tätowierung dagegen nicht. Man stelle sich mal vor, dieses Ritual hätte es damals wirklich gegeben. Tausenden von flüchtigen Nazis wäre es nach dem Krieg unmöglich gewesen, mit einer neuen Identität irgendwo in der weiten Welt unterzutauchen, um sich so vor der eigenen Verantwortung zu drücken, wie es Landa plant, als er Raine zu einem Deal überreden möchte.

Reden ist ein gutes Stichwort. Denn "Inglourious Basterds" ist kein normaler Kriegsfilm. In normalen Kriegsfilmen wird viel geballert und wenig geredet, bei Tarantino wird dagegen viel geredet und dazwischen ein bisschen geballert, dafür dann aber umso heftiger und brutaler. Und es scheint fast so, als würden die langen Dialoge nur dazu dienen, die Temperatur weiter zum Sieden zu bringen, ehe sich die Gewalt in ekstatischen Ausbrüchen entlädt. So sehr die Protagonisten allerdings auch versuchen, den Plot in einer Flut von Dialogen zu ertränken, so wenig Wahres transportieren doch die rege ausgetauschten Floskeln. Jeder belügt hier jeden, jeder führt sein Gegenüber an der Nase herum, der Schein verdeckt das Sein, was den Film zu einem zynischen und suggestiven Katz-und-Maus-Spiel macht, das sich um Maskerade, Täuschung, die Kunst der Verstellung und die Entschlüsselung geheimer Codes dreht und somit in eine unterschwellige Aufforderung an das Publikum mündet, die Sinne zu schärfen, genau zu beobachten, Zeichen richtig zu deuten, um sich von der medialen Subversion nicht hinters Licht führen zu lassen.

Ungewöhnliche Dinge erfordern manchmal ungewöhnliche Maßnahmen, weshalb Quentin Tarantino für die Auflösung dieser Rachevision auch sein Allerheiligstes auf dem Altar opfert, nämlich das Kino, wo er die elitäre Herrenrasse zum diabolischen Todestanz bittet. So verriegelt er die Türen und brennt die gesamte widerliche Nazi-Clique in einem lodernden Inferno nieder, das seinen Ursprung in über 350 Filmen auf leicht entflammbaren 35mm-Nitrozelluloid hat, während Shosanna mit sardonischem Gelächter eine letzte Botschaft von der Leinwand an die Peiniger sendet. Die Begleitmusik zu diesem bestialischen Gericht liefern die Basterds, die lüstern mit Maschinengewehren in die Menge halten. Die blutige Krönung einer über zwei Stunden währenden Dekonstruktion des Nazi-Mythos in seine allererbärmlichsten Einzelteile. Und wenn Tarantino mit Goebbels Propagandamaschinerie fertig ist, dann sind alle Zeichen zerstört, alle Symbole zertrümmert, alle Heldenepen abgewickelt, sämtliche Bilder ausgelöscht und ihre Macher endgültig in Stücke zerfetzt auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt. Bei Tarantino gewinnt das Kino am Ende den Krieg.
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