Kundenrezension

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk des beginnenden Realismus in der Literatur, 12. März 2005
Rezension bezieht sich auf: Madame Bovary: Ungekürzte Ausgabe (Hörkassette)
Der erstmals 1856 in Fortsetzungen in der "Revue de Paris" und 1857 in Buchform veröffentlichte Roman von Flaubert entstand auf grund eines Mißerfolges. Flauberts Freunde Maxime du Camp und Louis Bouilhet waren von der Lesung der ersten Fassung der "Tentation de Saint Antoine" so enttäuscht, dass sie Flaubert rieten, ein etwas aktuelleres, nicht so literarisch abgehobenes Thema aufzugreifen.
1848 schlug der Selbstmord von Delphine Delamare hohe Wellen. Delphine Delamare, die nicht weit von Rouen in dem kleinen Dorf Ry lebte, war mit einem unbedeutenden Landarzt verheiratet. Aus Langeweile beging sie Ehebruch, machte immense Schulden und vergiftete sich schließlich.
Diese Zeitungsnotiz griff Flaubert 1851 auf. Fast fünf Jahre, bis 1856, brauchte er, um das Thema literarisch aufzuarbeiten.
Entstanden ist ein Klassiker der Weltliteratur, der von vielen als der Ursprung des realistischen Romans in Europa angesehen wird. Erstmals recherchierte hier ein Autor ausführlich nicht nur die örtlichen Begebenheiten, sondern führte auch Korrespondenz mit Ärzten und Apothekern, um sich ein Bild vom wissenschaftlichen Stand der Medizin machen zu können. Desweiteren beschaffte er sich Expertisen von Technikern, Dispositionen von Zeit- und Lageplänen etc. um entsprechende Passagen in seinem Roman detailgetreu und realistisch darstellen zu können.
Der Roman beginnt mit der Jugend von Charles Bovary, um dann im sechsten Kapitel die eigentliche Protagonistin des Romans, Emma Roualt, behütete Tochter eines reichen Bauern, einzuführen.
Emma wird als junges, verträumtes, romantisches Mädchen geschildert, dessen lebhafte Phantasie durch die Lektüre von Romanen von z.b. Sir Walter Scott, Chateaubriand und vor allen anderen "Paul et Virginie" von Bernardin de Saint-Pierre angeregt wurde. In Ihrem Bewußtsein mischt sich die Wirklichkeit mit Wunschbildern und Emma wird bis zum Schluss des Romans nicht in der Lage sein, Schein von Wirklichkeit zu trennen.
Deshalb nimmt es nicht wunder, dass Emma bereits kurz nach der Heirat mit dem mittlerweile verwitweten Charles Bovary von der Wirklichkeit enttäuscht wird und sich von Charles und der Monotonie des Lebens als Frau eines Landarztes abgestossen fühlt.
Das tägliche Einerlei wird durch eine Einladung des Marquis d'Andervilliers unterbrochen. Auf diesem Ball sieht sie endlich die in Ihrer Phantasie existierende Welt und fühlt sich ihr zugehörig. Schon einige Tage nach dem Ball fragt sie sich, warum andere Frauen, die weniger schön, elegant und anmutig sind als sie, zu dieser Welt gehören, Ihr jedoch der Zugang verschlossen bleibt. Emma wird sich immer mehr ihres tristen, ereignislosen Lebens bewußt sowie der Tatsache, dass sie mit einem Mann wie Charles wohl nie zu dieser Gesellschaftsschicht gehören wird. Nach qualvollen Tagen und Nächten bricht Emma mit einem Nervenleiden zusammen, das fast zu Ihrem Tod führt.
Nach der Genesung beschließt Charles, die Gesundung seiner Frau durch einen Klimawechsel zu fördern und zieht nach Yonville-l'Abbaye.
Körperlich genesen vertuscht Emma vor Charles die Zerrüttung Ihres Gemütes und lebt weiterhin in einer Traumwelt, was letztlich zu Ihrer Selbstentleibung führt.
Das zentrale Thema, auf das Flaubert den Leser immer wieder zurück führt, ist die Langeweile, die Emma empfindet. Auch die Beschränkung auf wenige Örtlichkeiten (die Häuser von Yonville, die Postkutsche, Homais' Apotheke, die Wirtschaft »Lion d'or« und Emmas Zimmer) trägt zum Gefühl der Eingeschränktheit und Perspektivelosigkeit bei. Was Emma auch unternimmt, um Ihrem Leben zu entfliehen, gelingt es Ihr nicht. Immer wieder ist sie gezwungen, an den Ausgangspunkt Ihrer Flucht zurückzukehren - an die Seite Ihres ungeliebten Ehemannes Charles.^
Freunde findet sie an Ihrem neuen Wohnort nicht. Ihre Schönheit und auffällige Eleganz bauen eine Barriere zwischen Ihr und den Dorfbewohnern auf. Und dies ist auch von Emma so gewollt. Sie fühlt sich den anderen im Dorf überlegen aufgrund Ihres Aussehens, Ihrer Intelligenz und Ihrer Sensitivität, die dazu führt, dass sie alle bürgerlichen Konventionen bricht und zur Erfüllung Ihrer sexuellen Bedürfnisse Ehebruch begeht. Allerdings ist Emma weder eine feministische Figur oder tragische Heldin, sondern das Opfer einer fehlgeleiteten Phantasie durch eine falschverstandene Gefühlsromantik.
Bei der Veröffentlichung nahmen die Herausgeber der Zeitung gegen den Willen des Autors auf Wunsch der Zensurbehörde Kürzungen am Text vor. Diese reichten den Behörden jedoch nicht aus. Wegen "Verstoß gegen die öffentliche Moral, die guten Sitten und die Religion" wurde gegen Flaubert Anklage erhoben und ein Prozess geführt. Nachdem Flaubert den Prozess gewonnen hatte, konnte der Roman 1857 ungekürzt erscheinen und erfreute sich großer Beliebtheit beim Publikum.
Das Hörbuch wird gewohnt souverän vom "König der Vorleser" Gert Westphal vorgetragen.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.12.2012 23:25:49 GMT+01:00
G. Lindlar meint:
superanalyse! danke.
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