Kundenrezension

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch für Ost- und Westdeutsche, 30. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Osten ist ein Gefühl: Über die Mauer im Kopf (Broschiert)
Dieses Jahr im November jährt sich der Fall der Mauer zum 25. Mal.
Noch immer sind Worte wie Ossi und Wessi in aller Munde und so schnell werden die wohl auch nicht aus dem Sprachgebrauch verschwinden.

Anja Goerz, die Autorin dieses Buches, ist Radiomoderatorin beim rbb, wo die Besetzung des Senders sowohl mit Menschen aus dem Westen wie auch aus dem Osten besteht.
Von dort kam auch der Anstoß, dieses Buch zu schreiben.

Sie hat viele Prominente, aber auch "Otto-Normalverbraucher" befragt, wie sie rückwirkend gesehen, die Zeit in der DDR verbracht haben, welche Erinnerungen geblieben sind, was als gut und was als schlecht empfunden wurde.
Unter den Prominenten befinden sich z.B. Sebastian Krumbiegel, Sänger der Prinzen, Achim Mentzel, Inka Bause, aber auch ein ehemaliger Direktor der Charité oder ein Polizist.

Einige von ihnen durften aufgrund ihres Berufes schon zu DDR-Zeiten ins westliche Ausland reisen, andere hatten sich in der DDR mit der Tatsache arrangiert, dass das erst mit Eintritt ins Rentenalter geschehen würde.

Es gibt gute und schlechte Erinnerungen. Viele haben von ihrer Kindheit in der DDR gute Erinnerungen. Schlechte Erinnerungen gehen in die Richtung der unterschiedlichen Versorgungslage in der DDR. Berlin und Leipzig wurden als Vorzeigeobjekte für das westliche Ausland natürlich anders beliefert als der Rest der Republik.

Ein großer Kritikpunkt geht an die Wessis, dass sie sich nicht für den Osten interessieren, für die Menschen im Osten.
Während zu DDR-Zeiten bei vielen, wenn auch im Geheimen, Westfernsehen geguckt wurde, um zu erfahren, wie es im anderen Teil Deutschlands aussah, so stieß das Interesse nicht auf Gegenliebe. Auch heute noch kann man die Frage hören, was sie denn im Osten sollten.

Jeden der Befragten bewegte etwas anderes, blieben andere Erinnerungen hängen. Einige kamen mir vertraut vor, andere konnte ich mit den Augen von den jeweiligen Personen sehen, die ich so nicht empfunden oder gewusst habe.

Jeder der Befragten hat auch in seinem privaten Fotoalbum geblättert und für den Leser ein Foto hinterlassen. Bilder wie die mit Telefon im Kindergarten oder dem Löwenbaby im Tierpark finden sich auch in meinem Fotoalbum, die waren damals Standard.

Viele Wahrheiten, die dem westlichen Leser sicher nicht geläufig sind, werden angesprochen. Nicht jeder ging in der DDR den einfachen Weg und lief im Trott mit. Einige eckten an, gingen dafür auch ins Gefängnis, anderen wurde nahegelegt, doch lieber die DDR zu verlassen, wieder andere wollten sie verlassen, konnten oder durften das jedoch nicht tun.

Es ist eine interessante Zusammenstellung von Interviewpartnern, die sich Anja Goerz hier zusammengestellt hat. Nicht nur ehemalige "Ostler" kommen hier zu Wort, auch einige "Westler" wurden befragt.

Für mich war dieses Buch zum Teil ein Blick in die Vergangenheit, denn auch ich bin in der DDR groß geworden und kann bei vielem, da Jahrgang 1958, mitreden. Einiges hatte ich schon wieder vergessen, anderes war noch so present wie damals.

Drei Sachen möchte ich jedoch noch ansprechen, die ich anders in Erinnerung hatte.
Das Rentenalter der Frauen lag bei 60 Jahren, nicht wie erwähnt bei 63.
Auch habe ich eine andere Erinnerung was die Zeit im Krankenhaus nach einer Geburt angeht. Wir sind damals im Schnitt nach 5 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Auch durften die Väter ihre Kinder auf den Arm nehmen und nicht nur hinter einer Scheibe bewundern. Wir Mütter hatten die Kinder nicht nur zum Stillen bei uns, sondern es gab dieses Rooming-in, wo wir die Babys den ganzen Tag bei uns hatten und versorgten und sie nur nachts auf der Säuglingsstation verbrachten. Das habe ich bereits 1983 bei meinem ersten Kind so erlebt, aber vielleicht ist das eine Sache, die in den Krankenhäusern unterschiedlich gehandhabt wurde.
Auch traf in meinem Fall nicht zu, dass jeder Stipendium erhalten hat, unabhängig vom Verdienst der Eltern. Meine Eltern hatten scheinbar zuviel verdient, so dass ich kein Stipendium erhalten habe und sie zahlen mussten. Ich habe 1978 angefangen zu studieren, vielleicht wurde das später geändert, zu meiner Zeit jedoch noch nicht.

Anja Goerz legt mit diesem Buch ein Werk vor, das sowohl West- wie auch Ostdeutsche anspricht.
Man kann der Autorin nur wünschen, dass ganz viele das Buch lesen werden, zum einen, um sich nochmal zu erinnern, zum anderen, um uns Ostdeutsche ein wenig kennenzulernen.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung.
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