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Tiefsitzende Hass-Liebe, 5. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Antichrist: Versuch einer Kritik des Christentums (Gebundene Ausgabe)
Zunächst erhebt Nietzsche Einzelvorwürfe. Das Christentum habe den Gottesbegriff erfunden als Gegenbegriff gegen das Leben, um seine Instinkte, seine Freuden, seine Fülle zu unterdrücken; das Jenseits, um das Diesseits zu entwerten; die Seele, um den Leib und alles Leibliche zu verleumden; die Sünde, das Gewissen, die Willensfreiheit, um den Starken und Stolzen ihre Kraft zu nehmen; eigentlich seien Sünde und Gewissen zwar eine jüdische Erfindung, aber das Christentum und besonders Rom hätten sie übernommen, um damit die ganze Welt zu verjüdeln. Die Grundbegriffe des Christentums: Liebe, Mitleid, Demut, Selbstlosigkeit, Opfergeist seien Sklavenmoral und Feindschaft gegen das Leben. "Der Gott am Kreuz ist ein Fluch auf das Leben - ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen!" Der Gegenbegriff ist Dionysos. "Dionysos gegen den Gekreuzigten" ist ein Schlagwort Nietzsches. Und dann haben wir wieder die allgemein gehaltenen maß- und sinnlosen Verurteilungen: "Ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen... Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten, auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelenniedertracht gemacht". Aber wie hinter dem Zorn auf die Deutschen die versteckte Liebe stand, so haben wir auch hier die positiven Äußerungen zum Christentum. "Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werturteile sind damit absolut nicht überwunden. 'Christus am Kreuze' ist das erhabenste Symbol - immer noch« Auch eine Reihe von wesentlichen Einrichtungen der katholischen Kirche finden Nietzsches Beifall: die guten Werke statt des bloßen Glaubens, die Zeremonien des kirchlichen Kultus, die besondere Stellung des Priesters mit seinen Vollmachten; sogar das Rosenkranzgebet, die Beichte, der Zölibat und die Jesuiten werden gelegentlich gegen die landläufige Kritik in Schutz genommen. Besonders billigt er, daß es in der katholischen Kirche einen echten Mythos, einen unbezweifelten Glauben gebe, während im Protestantismus der Professorengeist herrsche, lauter Rationalismus und Menschlichkeit. Und vor allem gefällt ihm die Hierarchie der Kirche. Das sei Rangordnung, Wille zur Macht, ein letztes Stück Imperium Romanum. Nietzsche donnert gegen Luther, der durch sein allgemeines Priestertum diese Hierarchie beseitigte, die demokratische Gleichheit eingeführt und so den höheren Menschen abgeschafft habe. Die Reformation sei der Bauernaufstand des Nordens gegen den feineren Geist des Südens, Luther selbst der beredteste und unbescheidenste Bauer, den Deutschland je gehabt habe, ein Schimpfteufel, Plebejer und Rüpel, der "direkt" und "ungeniert" mit seinem Herrgott reden wollte, weil er keinen Sinn hatte für Ehrfurchtsetikette und hieratischen Geschmack. Nietzsche begeisterte sich geradezu für die Aristokratie der römischen Kirche, für die Anmut der Gebärden, die herrschenden Augen, das durchgeistete Antlitz, wie man das bei der höchsten Geistlichkeit sehen könne, besonders wenn sie aus vornehmen Geschlechtern komme. Und da er nun gerade auf dieser Tour "philosophiert", erhält der Priester, der ihm sonst eine Ausgeburt ist von Niedrigkeit, Ohnmacht, Lebensneid und giftigster Verleumdungssucht, den Ehrentitel »delikateres Raubtier«, und die Kirchenfürsten erscheinen als Brücke zum Übermenschen . Man hat Nietzsches Kritik am Christentum als eine heimliche Sehnsucht nach einem wahren und echten Christentum interpretieren wollen. So wie er nur die Deutschen seiner Zeit gehasst habe, hätte er auch nur die Christen seiner Zeit gehasst, weil er die Mittelmäßigkeit und Unechtheit hier und dort durchschaut habe. Es ist aber sehr fraglich, ob Nietzsche das Christentum in irgendeiner Form, auch der idealsten, bejaht hätte. Bei diesen Deutungen wird gewöhnlich viel in Nietzsche hineingelesen, was nicht darin steht, und viel ausgelassen, was sicher dasteht. Immerhin ist die Parallele in seinem Verhältnis zum Deutschtum und Christentum auffallend. Sie hat sogar noch eine dritte Parallele, nämlich in seinem Hass zur alten Moral. Auch dort ist der Gegensatz, trotz des in Worten verkündeten Naturalismus, kein endgültiger, weil, wie wir sahen, nach höchsten Kriterien gesucht wird, die dem Willen zur Macht erst seinen letzten Wert geben. Könnte, wie der »Immoralist« in Wirklichkeit Moralist ist, nicht auch der Antichrist in tiefster Seele Christ sein wollen? Man müsste da aber zuerst fragen, was man unter Christsein verstehen will. Etwa das biblische Christentum? Davon hat Nietzsche sicher nichts gewusst, sonst hätte er diesen hang zur Römischen Kirche nicht gehabt. Und noch notwendiger wäre die weitere und ganz fundamentale Frage, ob Nietzsche überhaupt wusste, was er wollte, in Sachen Christentum, aber auch in seinem sonstigen Denken; denn der Widersprüche sind es zu viele. Jaspers sagt mit Recht, dass sich so ungefähr zu jedem Satz Nietzsches auch die gegenteilige Behauptung bei ihm finden lasse. Aber das ist nicht deswegen so, weil Nietzsche eine Philosophie der Selbstüberwindung vorexerziert hätte, wie Jaspers denkt, sondern weil sich sein Geist nicht in der Gewalt hatte. Es ist kein Zweifel, dass bei Nietzsche die Krankheit tiefer sitzt und schon viel früher einsetzt, als man gewöhnlich zugeben will. Nietzsches Kritik geht am biblischen Christentum völlig vorbei. Man kann sagen, dass er die christliche Botschaft gar nicht verstanden hat.Das ist aber nicht verwunderlich, da er es nie kennen gelernt hat. So gesehen kann man vieles stehen lassen, was er zum Christentum, wie er es erfahren hat, mitbekommen hat. Eine überwiegend positive Aufnahme des Geschriebenen verbietet sich aber dennoch, weil es zu viele Fehler udn Irrtümer enthält. Insoweit sollte man um Nietzsches Christentumkritik, die eigentlich eine Kirchenkritik ist, die auch wieder nur das allgemeine Kirchenvolk angreift, nicht allzu ernst nehmen.
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Der Antichrist: Versuch einer Kritik des Christentums 3937872736
Friedrich Nietzsche
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Tiefsitzende Hass-Liebe
Zunächst erhebt Nietzsche Einzelvorwürfe. Das Christentum habe den Gottesbegriff erfunden als Gegenbegriff gegen das Leben, um seine Instinkte, seine Freuden, seine Fülle zu unterdrücken; das Jenseits, um das Diesseits zu entwerten; die Seele, um den Leib und alles Leibliche zu verleumden; die Sünde, das Gewissen, die Willensfreiheit, um den Starken und Stolzen ihre Kraft zu nehmen; eigentlich seien Sünde und Gewissen zwar eine jüdische Erfindung, aber das Christentum und besonders Rom hätten sie übernommen, um damit die ganze Welt zu verjüdeln. Die Grundbegriffe des Christentums: Liebe, Mitleid, Demut, Selbstlosigkeit, Opfergeist seien Sklavenmoral und Feindschaft gegen das Leben. "Der Gott am Kreuz ist ein Fluch auf das Leben - ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen!" Der Gegenbegriff ist Dionysos. "Dionysos gegen den Gekreuzigten" ist ein Schlagwort Nietzsches. Und dann haben wir wieder die allgemein gehaltenen maß- und sinnlosen Verurteilungen: "Ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen... Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten, auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelenniedertracht gemacht". Aber wie hinter dem Zorn auf die Deutschen die versteckte Liebe stand, so haben wir auch hier die positiven Äußerungen zum Christentum. "Ironie gegen die, welche das Christentum durch die modernen Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werturteile sind damit absolut nicht überwunden. 'Christus am Kreuze' ist das erhabenste Symbol - immer noch« Auch eine Reihe von wesentlichen Einrichtungen der katholischen Kirche finden Nietzsches Beifall: die guten Werke statt des bloßen Glaubens, die Zeremonien des kirchlichen Kultus, die besondere Stellung des Priesters mit seinen Vollmachten; sogar das Rosenkranzgebet, die Beichte, der Zölibat und die Jesuiten werden gelegentlich gegen die landläufige Kritik in Schutz genommen. Besonders billigt er, daß es in der katholischen Kirche einen echten Mythos, einen unbezweifelten Glauben gebe, während im Protestantismus der Professorengeist herrsche, lauter Rationalismus und Menschlichkeit. Und vor allem gefällt ihm die Hierarchie der Kirche. Das sei Rangordnung, Wille zur Macht, ein letztes Stück Imperium Romanum. Nietzsche donnert gegen Luther, der durch sein allgemeines Priestertum diese Hierarchie beseitigte, die demokratische Gleichheit eingeführt und so den höheren Menschen abgeschafft habe. Die Reformation sei der Bauernaufstand des Nordens gegen den feineren Geist des Südens, Luther selbst der beredteste und unbescheidenste Bauer, den Deutschland je gehabt habe, ein Schimpfteufel, Plebejer und Rüpel, der "direkt" und "ungeniert" mit seinem Herrgott reden wollte, weil er keinen Sinn hatte für Ehrfurchtsetikette und hieratischen Geschmack. Nietzsche begeisterte sich geradezu für die Aristokratie der römischen Kirche, für die Anmut der Gebärden, die herrschenden Augen, das durchgeistete Antlitz, wie man das bei der höchsten Geistlichkeit sehen könne, besonders wenn sie aus vornehmen Geschlechtern komme. Und da er nun gerade auf dieser Tour "philosophiert", erhält der Priester, der ihm sonst eine Ausgeburt ist von Niedrigkeit, Ohnmacht, Lebensneid und giftigster Verleumdungssucht, den Ehrentitel »delikateres Raubtier«, und die Kirchenfürsten erscheinen als Brücke zum Übermenschen . Man hat Nietzsches Kritik am Christentum als eine heimliche Sehnsucht nach einem wahren und echten Christentum interpretieren wollen. So wie er nur die Deutschen seiner Zeit gehasst habe, hätte er auch nur die Christen seiner Zeit gehasst, weil er die Mittelmäßigkeit und Unechtheit hier und dort durchschaut habe. Es ist aber sehr fraglich, ob Nietzsche das Christentum in irgendeiner Form, auch der idealsten, bejaht hätte. Bei diesen Deutungen wird gewöhnlich viel in Nietzsche hineingelesen, was nicht darin steht, und viel ausgelassen, was sicher dasteht. Immerhin ist die Parallele in seinem Verhältnis zum Deutschtum und Christentum auffallend. Sie hat sogar noch eine dritte Parallele, nämlich in seinem Hass zur alten Moral. Auch dort ist der Gegensatz, trotz des in Worten verkündeten Naturalismus, kein endgültiger, weil, wie wir sahen, nach höchsten Kriterien gesucht wird, die dem Willen zur Macht erst seinen letzten Wert geben. Könnte, wie der »Immoralist« in Wirklichkeit Moralist ist, nicht auch der Antichrist in tiefster Seele Christ sein wollen? Man müsste da aber zuerst fragen, was man unter Christsein verstehen will. Etwa das biblische Christentum? Davon hat Nietzsche sicher nichts gewusst, sonst hätte er diesen hang zur Römischen Kirche nicht gehabt. Und noch notwendiger wäre die weitere und ganz fundamentale Frage, ob Nietzsche überhaupt wusste, was er wollte, in Sachen Christentum, aber auch in seinem sonstigen Denken; denn der Widersprüche sind es zu viele. Jaspers sagt mit Recht, dass sich so ungefähr zu jedem Satz Nietzsches auch die gegenteilige Behauptung bei ihm finden lasse. Aber das ist nicht deswegen so, weil Nietzsche eine Philosophie der Selbstüberwindung vorexerziert hätte, wie Jaspers denkt, sondern weil sich sein Geist nicht in der Gewalt hatte. Es ist kein Zweifel, dass bei Nietzsche die Krankheit tiefer sitzt und schon viel früher einsetzt, als man gewöhnlich zugeben will. Nietzsches Kritik geht am biblischen Christentum völlig vorbei. Man kann sagen, dass er die christliche Botschaft gar nicht verstanden hat.Das ist aber nicht verwunderlich, da er es nie kennen gelernt hat. So gesehen kann man vieles stehen lassen, was er zum Christentum, wie er es erfahren hat, mitbekommen hat. Eine überwiegend positive Aufnahme des Geschriebenen verbietet sich aber dennoch, weil es zu viele Fehler udn Irrtümer enthält. Insoweit sollte man um Nietzsches Christentumkritik, die eigentlich eine Kirchenkritik ist, die auch wieder nur das allgemeine Kirchenvolk angreift, nicht allzu ernst nehmen.
Roman Nies
5. Februar 2011
- Insgesamt:
5

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Ort: Helibrunna
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