Kundenrezension

24 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Spannend, aber etwas flach, 1. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Der Täter (Taschenbuch)
Für gewöhnlich ist Katzenbach bei "Spontankäufen" nicht meine erste Wahl. Seine Bücher (z.B. "Der Patient" oder "Die Anstalt") finde ich durchaus unterhaltsam, allerdings gebe ich mein spärlich bemessenes "Lesebudget" am Ende dann doch eher für Bücher aus, von denen ich weiß, dass sie meinen Lesegeschmack eher treffen.
Der Grund, wieso ich diesmal dann doch wieder bei Katzenbach gelandet bin, ist das interessante Setting des Romans:

Im Miami der neunziger Jahre ist der pensionierte Polizist Simon Winter des Lebens überdrüssig. Seine erfolgreiche und aufregende Karriere als Ermittler ist längst einer einsamen Monotonie des Ruhestandes gewichen. Doch kurz bevor Winter mit seinem alten Revolver einen Schlusstrich unter dieses Leben ziehen will, bittet seine völlig verstörte Nachbarin ihn um Hilfe: Die Holocaust-Überlebende will ihren alten Häscher, den "Schattenmann", auf der Straße wiedererkannt haben und fürchtet nun um ihr Leben. Winter beruhigt die Dame, schenkt der ungewöhnlichen Geschichte allerdings keine weitere Beachtung. Das ändert sich schlagartig, als die alte Dame am Tag darauf erdrosselt in ihrer Wohnung aufgefunden wird und Winters kriminalistische Instinkte wieder erwachen. Will der Schattenmann sein grausames Werk nach über 50 Jahren fortsetzen?

Da ist es also passiert: Ich bin einmal mehr der dunklen Faszination des Jahrhundertverbrechens erlegen und investierte die 10 Euro. Leider (oder zum Glück?) ist der Roman ansonsten ein typischer Katzenbach. Ich will das an folgenden Punkten darlegen:

Handwerklich gesehen ist der Roman durchaus gelungen. Auch wenn es sich um eines der früheren Werke des Autors handelt, merkt man, dass man es nicht mit einem Neueinsteiger zu tun hat. Routiniert baut Katzenbach die Spannung auf, gönnt einem hier und da mal ein Päuschen, lässt einen aber nie zu weit von der Leine. Die Schilderungen im Roman sind plastisch, verfallen aber glücklicherweise nicht in den Gewaltvoyeurismus, der in Film und Buch heute immer weitere Bahnen zieht. Auch unnötig präzise und schlüpfrige "erotische" Schilderungen in Beate Uhse-Manier gibt es keine, Pluspunkt dafür!
Katzenbach geht bei Charakterdarstellung etc. ausreichend in's Detail um ein gewisses Ambiente zu schaffen, schweift allerdings dabei nie zu weit ab. So behält man stehts das "Ziel" im Roman vor Augen, hat aber trotzdem nicht das Gefühl, dass es sich bei den Figuren um austauschbare Roboter handelt. Gut so!

Wie schon erwähnt gibt es keine größeren Längen im Roman, der Autor arbeitet zielstrebig auf das Finale hin, wobei die Geschichte langsam aber kontinuierlich an Fahrt aufnimmt. Geschickt wechselt der Autor die Perspektiven, verknüpft Handlungsstränge und lässt den Leser miterleben, wie die Ermittler sich allmählich an die Aufklärung des Falles herantasten und wie der titelstiftende "Täter" dies vereiteln möchte. Da verzeiht man auch gerne mal einige logische Schnitzer, ein zweifelhaftes/inkorrektes Bild des heutigen Deutschlands und einige unschöne inhaltliche Doppelungen.
Alles klar also? Nicht ganz, denn leider hat das Buch auch einige Schwächen:

Zum einen sind die Charaktere zwar keineswegs störend, allerdings schon ein wenig stereotypisch. Für einen Roman in dieser "knackigen" Länge von etwa 600 Seiten wird zwar ausreichend viel an Hintergrund, Charaktermotivation etc. geliefert, so dass man schon eine gewisse Bindung zu den Protagonisten aufbauen kann. Dann hat man allerdings doch wieder ein bißchen zu sehr schwarz-weiß-gepinselt. Hier die toughen, klugen und aufrichtigen Helden, dort der völlig irre und abgrundtief bösartige Bösewicht. Leser, die so etwas anders(bzw. besser) kennen, mögen bei der ein oder anderen Schilderung also mal die Augen verdrehen.

Negativ fällt im Leseerlebnis auch etwas die deutsche Übersetzung auf. Dafür kann zwar weder Autor noch Übersetzer was, aber es kratzt einfach immer ein bißchen am Lesefluss und an der Atmosphäre, wenn der Autor deutsche Kommentare und Aussagen von Figuren in sein Werk einflechtet mit der Maßgabe, dass der englische Leser das eigentlich nicht versteht oder nachschlagen muss. So muss man unweigerlich schmunzeln, wenn der Sohn eines Opfers dem Protagonisten in einem Kapitelklimax dramatisch erklärt, was der deutsche Spitzname "Schattenmann" eigentlich bedeutet: Eine Kombination der deutschen Worte "Schatten" und "Mann". Na wunderbar! So wendet sich das Setting also doch ein bißchen gegen den deutschen Leser. Wie gesagt: Das ist Pech.
Kein Pech sondern vermeindliches Unvermögen ist allerdings der mal wieder typisch "deutsche" Buchtitel. Auch hier bleibt man sich dem ungeschriebenen Gesetz treu, dass der Titel eines Thrillers/Horrorromanes/etc. höchstens aus einem Wort bzw. einem Wort plus Artikel bestehen darf. Der Patient. Das Opfer. Die Anstalt. Die Arena. Das Grab.
Ich habe mal gehört, dass der "deutsche Markt" so etwas toll findet. Ich finde das allerdings mittlerweile ziemlich nervig und platt.
Aber das ist wirklich nur eine Kleinigkeit.

Am meisten Punkte verschenkt das Buch meines Erachtens am ungenutzten Potential der Story. Man hätte gewarnt sein können, denn wie bei anderen Werken von Katzenbach habe ich hier dein Eindruck, dass die Geschichte nur als Vorwand dazu dient, mit Worten und Situationen Spannung zu erzeugen. Das funktioniert auch, keine Frage. Logisch ist das nicht immer (braucht es meiner Meinung nach bei Unterhaltungsliteratur auch nicht immer zu sein!), pfiffig leider auch nicht. Das ist unter dem Strich wohl Geschmackssache: Ist man auf den puren Nervenkitzel aus, ohne groß in irgendwas eintauchen zu wollen? Oder will man eine intelligente Story, die einen nachdenken lässt und sogar überrascht und nimmt dafür auch etwas "langweiligere" Passagen in Kauf? Ich persönlich habe letzteres lieber, deswegen hat mich das letzte Drittel des Buches leider etwas enttäuscht.
Ohne viel zu spoilern: Das Ende ist typisch Katzenbach, es gibt keine atemberaubenden Plottwists, keinen großen Hokus Pokus, aufgelöst wird sowieso nicht alles, wie man sich das vielleicht wünscht. Während der "geübte" Thrillerleser die ganze Zeit im Kopf versucht, die grandiose Schlusspointe zu konstruieren, ist man am Ende dann irgendwie tatsächlich überrascht: Nämlich dass der Autor ganz trocken auf sowas verzichtet und ein nüchternes, realistisches Ende liefert. Das hat man in der der modernen Literatur, die einen immer irgendwo überumpeln und/oder schockieren will, nicht oft.
Am Ende werden viele Dinge schlicht und ergreifend der Phantasie des Lesers überlassen. Das hat einen gewissen Charme, ist allerdings für manche Leser (zu denen ich mich auch zähle) nicht das, was man sich erhofft. Und so bleibt am Ende irgendwie doch zu vieles unausgesprochen, zu viel Potential wird liegen gelassen.

Deswegen gibt es von mir leider nur drei Punkte. Das Buch war durchaus kurzweilig, bereut habe ich den Kauf sicher nicht, aber Katzenbach wird auch in Zukunft eher meine "zweite Wahl" hinter Koontz, King und Co. bleiben.
Wer aber mit dem oben angesprochenen Stil keine Probleme hat, wer auf solide Spannung ohne blutige Orgien, Gespenster, Mutanten oder anderem "Fiction"-Kram steht, der kann das Geld ruhigen Gewissens investieren!
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.11.2010 21:22:06 GMT+01:00
Mario Pf. meint:
Spitzen-Rezension, danke dafür dass du dir diese Mühe gemacht hast :)
Hoffe mal die Bewertungen arten nicht in einem Massaker aus, nur weil manche nach den Sternen schon gar nicht mehr weiterlesen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 26.11.2010 19:22:18 GMT+01:00
Danke, es freut mich wirklich, dass jemand sich das Ganze durchliest :)

Veröffentlicht am 07.11.2011 18:34:08 GMT+01:00
Galamion meint:
Sehr gute Besprechung. Ich hatte eigentlich vor, eine eigene Rezension einzustellen, aber das hat sich hierdurch als unnötig erwiesen. Sie haben bereits die positiven (Charakterzeichnung, Spannung) und negativen (fragwürdiges Deutschlandbild, verschenktes Potential) Punkte treffend aufgespürt!
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