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5.0 von 5 Sternen Einstieg in Thomas Manns Fiktionale Welt, 21. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Thomas Mann, Das erzählerische Werk in 12 Bänden: Mario und der Zauberer: Späte Erzählungen (Gebundene Ausgabe)
Auf den ersten Blick stellt sich die Erzählung als eine vom realen Erleben (Brief an O. Hoerth vom 12. 6. 1930) diktierte Aufeinanderfolge zweier heterogener Teile dar: an eine mehr atmosphärische Natur- und Milieuschilderung schließt sich die Vorstellung des buckligen Zauberers und Hypnotiseurs Cipolla an. Eine knappe, Aufbau und Modellhaftigkeit des Geschehens signalisierende Exposition lenkt jedoch die Aufmerksamkeit des Lesers auf den thematischen Funktionszusammenhang der Teile hin und schärft den Blick für ein feines, alle realistischen Details zu einem integralen Sinnganzen zusammenschließendes Netz sprachlicher und bildlicher Beziehungen.
Die Handlung des ersten Teils, die »Zusammenstöße mit dem landläufig Menschlichen, dem naiven Mißbrauch der Macht, der Ungerechtigkeit, der kriecherischen Korruption«, die zur Ausquartierung aus dem Grand Hotel von Torre di Venere und zur Umsiedlung in die Pensione Eleonora führen, die über allem lastende »Schreckensherrschaft der Sonne«, die unduldsame, auf die »Würde« und »die Idee der Nation« pochende »Mediokrität« des Strandpublikums, das auf die unschuldige Nacktheit der kleinen Tochter des Erzählers wie auf eine Verletzung der »Ehre seines Landes« reagiert - dies alles steht in direkter Korrelation zum Auftritt Cipollas (»Knolle«), »in dessen Person sich das eigentümlich Bösartige der Stimmung auf verhängnishafte und übrigens menschlich sehr eindrucksvolle Weise zu verkörpern und bedrohlich zusammenzudrängen schien«. Seine auf den Abbau der personalen Würde eben jener so auf ihre nationalistische »Würde« bedachten Leute zielende »Demonstration der Willensentziehung und -aufnötigung«, die taschenspielerische Eloquenz seiner häßlich kränkelnden, doch geckenhaft übersteigerten »Führer«- und »Verführer«-Persönlichkeit ziehen Italiener wie Ausländer, ja mitunter sogar den Erzähler in seinen Bann und werden selbst wiederum vom Willen der ihrer Individualität beraubten Masse getragen. Erst die vom Erzähler ausdrücklich als Befreiung empfundene Tat eines aus tiefster Demütigung erwachten einzelnen vermag den Teufelskreis der Massenpsychose zu durchbrechen, nachdem sich die bloße bürgerliche Negation des Terrors als hilflos erwiesen hat: Der unglücklich verliebte Kellner Mario verwechselt unter hypnotischem Zwang Cipolla mit seiner Geliebten, küßt den häßlichen Alten und erschießt ihn, während dieser lachend den Höhepunkt seines Machtrausches genießt.
Thomas Mann, der in den zwanziger Jahren den Übergang seiner schriftstellerischen Existenz »aus dem Metaphysisch-Individuellen ins Soziale« (Lebensabriß, 1930) vollzogen hatte, ließ es bewußt geschehen, daß »im Lauf der Erzählung aus dem Privaten . . . etwas Kritisch-Ideelles, Moralisch-Politisches« erwuchs (Brief an O. Hoerth vom 12. 6. 1930) und deutete die Novelle rückblickend als modellhafte »Warnung vor der Vergewaltigung durch das diktatorische Wesen« (On Myself, 1940), eine Deutung, an die nach 1945 vor allem Hans Mayer anschloß, die in der neueren Forschung bis heute jedoch relativiert wird, nicht nur, weil nachträgliche Rücksichtnahmen auf die gewandelte Rezeptionssituation durchaus häufig bei Thomas Mann sind (H. R. Vaget, H. Kurzke), sondern auch, weil vor dem Hintergrund des Mannschen Werkzusammenhangs »weiterhin Kritik und Erklärung der Künstlerexistenz mit den Mitteln Schopenhauers, Nietzsches (und Wagners)« (M. Dierks) strukturbestimmend bleiben.
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