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5.0 von 5 Sternen "Der Mensch ist, was wir alle wissen". (Demokrit), 28. Juni 2008
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Rezension bezieht sich auf: Die Verwandlung (Suhrkamp BasisBibliothek) (Taschenbuch)
So sicher war Kierkegaard mit dieser Formulierung Demokrits nicht, so dass er sie in "Das absolute Paradox" aus: Philosophische Bissen) umformulierte in eine Annahme. Kierkegaard (1813-1855) und Kafka (1883-1924) verband literarisch eine gewisse Vorliebe zum Paradoxen, immer in der Weise, dass weder Wahrheit noch Bedeutung so klar wurden, dass es Sicherheit und Klarheit in das Gelesene brachte. Wenn der Mensch das Maß der Dinge ist, dann gilt nicht nur Sokrates sondern auch Protagoras, dass der Mensch das Maß für andere sei. Paradoxe Leidenschaft des Verstandes ist es bei Kafka, die ohne sich selbst zu verstehen, ihren Untergang will. Wahrheit und Zeit galten für Kierkegaard wie auch für Kafka als Einheit.

Kafka ist ein Arkanum, zumindest verwoben in ein Geheimnis, in dem weder Wahrheit noch Bedeutung zu finden sind. Er bleibt uninterpretierbar, wie manche zu sagen pflegen, und doch beginnt er seine bekannte Parabel "Die Verwandlung" mit einem Satz, der in sich alles an Wahrheit und Endgültigkeit zu bergen scheint: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt". Gregor Samsa ist ein Einsamer (Samsa: "ich bin allein" im Tschechischen), ein Ausgestoßener, als der er sich fühlt. Diese Verwandlung ist Zeichen des ersten Satzes und damit ist die Geschichte schon hier vollendet. Das Schicksal ist gewiss, so weiß man, dass keine Hoffnung zu haben, Gewissheit bringt. Kafka legt jedoch Hoffnung in das Schreiben, Hoffnung, Grenzen zwischen ihm und dem Himmel zu überwinden und doch ist er in einem Gesetz, in seiner familiären Sekte und so zeigt sich auch Gregor Samsa in einem Gesetz der ewigen Wiederkehr, der Wiederholung als universalen Zwang, der sich zeigt in seinem Arbeitgeber, auftretend wie Gott, doch nur die kosmologische Leere offenbart, wie Bloom mal aufzeigte. Kafka zeigt seinen Samsa als einen durch Wissen vom Leben verschreckten Menschen. In seinen Aphorismen schrieb Kafka: "Es ist uns auferlegt, das Negative zu vollbringen, das Positive ist schon gegeben" und doch ist es nicht zu sehen, auch für den Landvermesser K., der in die scheinbare Leere empor sieht und Kafka für sich entdecken lässt, dass der Himmel ihm entgegenstürmt. So wie Samsa zunächst beflissentlich seiner Arbeit nachging, Leben als Pensum zum Abarbeiten betrachtete und nichts Tieferes als dieses im Leben entdeckte, so ist das Ungeziefer etwas, was weit von Samsa entfernt scheint, weder Hülle noch Erlösung. Es klingt nach Rimbaud: "Ich ist ein anderer" und so wird klar, warum erst im Zustand nach der Verwandlung, Samsa befähigt ist zur ästhetischen Wahrnehmung. Wie Shakespeares grotesker Caliban (Der Sturm) hört Samsa das Schöne in der Musik und nimmt so Klänge einer anderen Sphäre wahr. Doch seine Wahrnehmung von Ästhetik hört dort auf, wo es um ihn selbst geht. Dem zweiten Gebot folgend wird festgestellt: "Das Insekt selbst kann nicht gezeichnet werden. Es kann auch nicht gezeichnet werden, als ob man es aus der Entfernung sähe". Kafka erinnert, dass eine Negation eines Bildnisses nicht dargestellt werden kann. Samsa sieht sein Verschwinden, seinen Tod voraus und diesen letztendlich als Befreiung seiner selbst vor sich und auch als eine Art Liebe und einen Akt der Liebe zur Familie.

Aber ob es diese Aussage ist, bleibt fraglich, denn wie kann man von einem Nichts von Wahrheit reden. Kafka bleibt verschwommen, Wahrheit könnte nun doch in der Hoffnung liegen und somit sind beide nicht zugänglich. Somit bleibt nach der Bedeutung dieser Parabel zu suchen und auch dort bleibt Kafka ausweichend, da Bedeutung von etwas eine Perspektive zur unbekannten Zukunft hat. Wie man es dreht, der Ratschlag der Katze in "Eine kleine Fabel" wird ein sicheres Ende verheißen. So sicher, wie der Wartende vor dem Gesetz nicht bemerkt, dass er schon drin ist. Es ist nur für ihn, so kann man dem Schicksal nicht entfliehen, die Hoffnung Samsas ist im ersten Satz erloschen, seine, Kafkas Hoffnung auf ewig ins Schreiben verband.

Das Ziel des Lebens, sagt Freud, ist der Tod. Samsas Aktivität im Leben hat sich abgenutzt, er wollte in einem unheimlichen Sinn sterben. Kafka wollte zur Welt kommen durch Schreiben, vielleicht wollte er auch nur bleiben. "Niemand wird lesen, was ich hier schreibe" lesen wir in "Der Jäger Gracchus". Gracchus heißt Krähe oder Dohle und Krähe oder Dohle heißt auf Tschechisch: KAVKA. ".. denn niemand weiß von mir, und wüsste er von mir, so wüsste er meinen Aufenthalt nicht, und wüsste er ..." Der finale Gedanke ist auch der von Gregor Samsa: "Der Gedanke mir helfen zu wollen, ist eine Krankheit und muss im Bett geheilt werden".

Diese Verwandlung aus dem unruhigen Traum ist gleich einer Veränderung der inneren wie der äußeren Welt. Aus der Deutlichkeit des Anfangs, aus der Ausweglosigkeit dieses Faktes, Hoffnung verschwindend, entsteht in den Menschen um ihn herum Sturm, Beben und Feuer in seiner Wahrnehmung, die sich am Ende der Erzählung, am Ende von Gregor Samsa auflöst in einen neuen verständigen Blick. "und nach dem Feuer eine Stimme von Windverwehen, ganz fein." (1.Kö 19, 12) wird bei Kafka: "Stiller werdend und fast unbewusst durch Blicke sich verständigend, .. ". Der Leser weiß es, im verstehenden Mitschweigen dessen, was der Text sagt, indem er es nicht sagt. (vgl. 1. Könige 19, 11-13) "Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume".

Kafka in all seinen Schattierungen zu lesen ist eine Freude. Diese Unbestimmtheit in der Erklärung eröffnet Horizonte, seine Bücher führen zu neuen Kammern des inneren Schlosses, und wie er in den Oktavheften im Februar 1918 schrieb: "Anbieten wird sich Dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anderes, verzückt wird sie sich vor Dir winden". Blickt man durch dieses Offensichtliche, erspürt man einen Paria. Der bewusste Paria steht wirklich außerhalb der Gesellschaft und erlangt durch diese Distanz bessere Einblicke in diese, sagt Hannah Arendt und nennt beispielhaft eben diesen Franz Kafka, dessen Geburtstag sich am 3. Juli zum 125sten Mal jährt. Ein Grund, sich diesem Geheimnis wieder zu nähern, damit wir uns herantasten zu wissen, was der Mensch ist.
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