Kundenrezension

72 von 103 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Alles wollen, wenig können, 21. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Mylo Xyloto (Audio CD)
Musikalischer Sozialneid war und wird stets eine unliebsame Begleiterscheinung popkultureller Karrieren bleiben. Mit der Größer einer Band steigt auch die Anzahl der differenzierten Meinungen. Das sich ein Teil der alteingesessenen Fans dann schon mal aufgrund der Abneigung von Erfolg oder ähnlichem Firlefanz enttäuscht abwendet ist normal. Doch wo zieht man da die Trennlinie? Muss man Bands die Gefolgschaft krampfhaft verweigern, nur weil sie bekannter werden? Ist es Bands nicht erlaubt, sich musikalisch weiterzuentwickeln, um für sich selbst spannend zu bleiben, auch auf die Gefahr hin, dass viele alte Fans abspringen? Eine Lose-Lose-Situation... es scheint, als könnten Künstler bei so etwas nur verlieren. Also sollen sie einfach machen.

Die Leidensgeschichte des frühen Coldplay-Fans fällt in jedem Fall in diese Abteilung. Die Band hat auf ihrem scheinbar mühelosen Weg von einer kleinen, netten Britpop-Band hin zum globalen Megaact den ein oder anderen Jünger hinter sich gelassen. Die meisten vermutlich irgendwo zwischen dem ambitionierten "A Rush of Blood To The Head" und dem etwas einfallslosen "X&Y". Coldplay fanden ihren Platz, egal, was andere sagten. Mit dem Rücken zur Wand spielt sich's meist besser. Damit hatte ich als Fan, der seit "Parachutes" an Bord ist auch nie ein großartiges Problem. Gerade das letzte Mammutwerk "Viva La Vida" zeigte, dass der Band trotz Sprung an die Weltspitze, das Geschick gute und spannende Songs zu schreiben, nicht abhanden gekommen ist. Meinen Support hatten sie, gegen alle Widerstände, immer noch. War ja auch eine gute, euphorische Platte. Was sollte jetzt also noch kommen? Rückbesinnung auf alte Stärken? Experimentierfreude? Radikale Brüche? Leider nicht... die Vorzeichen standen ohnehin schon nicht gut. Brian Eno wieder an Bord, die frühe Vorabsingle "Every Teardrop Is A Waterfall" klang dann doch nur nach Selbstkopie. Selbst die aktuellen Bandoutfits orientieren sich an der letzten Platte. "Mylo Xyloto" will vielleicht "Achtung Baby" sein oder zumindest die logische Weiterentwicklung des eingeschlagenen "Viva La Vida"-Weges, ist aber am Ende ein recht schales, über weite Strecken ideenloses und schlicht und ergreifend schwaches Sammelsurium an schwachen Songs. Die schwächsten, die Coldplay im Laufe ihrer Karriere bisher versammelt haben.

Dabei ist der Sound nicht unbedingt das Problem. "Mylo Xyloto" präsentiert sich noch glattpolierter, elektronischer und flächiger, als der Vorgänger. Hochglanz-Pop, der Eno-typische Weite vortäuschen will, am Ende aber die Songs an sich erstickt. Und da sind wir schon beim Thema 'Songs". Denn es ist nicht der veränderte Sound (was ja an sich gut ist, da man auch nicht allzu krass nach dem Vorgänger klingt) oder der Hang zu Mainstream-Pop und Elektronik (welcher auch nicht überraschend kommt), der sauer aufstößt. Den gab es schon auf "Viva La Vida". Die wirkliche Enttäuschung dieser Platte ist, dass die 11 Songs (die drei kurzen Instrumentalstücke lassen wir mal unter den Tisch fallen) kaum qualitativ mit dem bisherigen Output der Band mithalten können. Anfangs wiegt man sich noch auf der Gewinnerseite, denn "Hurts Like Heaven" und gerade "Charlie Brown" sind diese Coldplay-Pop-Songs, bei denen man im Radio nicht unbedingt wegschalten würde. Aber nach und nach reiht sich ein seelenloser Song an den nächsten. Die ruhigen Momente, wie "Us Against The World" oder "Up In Flames" sind langweilig, die epischen Momente wie "Don't Let It Break Your Heart" hat man in dieser Form schon mal spannender gehört. Außerdem sind sie zu voll gepackt. Sogar ein an sich schmissiges Stück wie "Major Minus" wurde so auf Überschuss produziert, dass der ursprünglich sicher vorhandene Drive gänzlich verloren scheint. Es ist die Summe der Teile, die hier einfach nicht zusammenpassen will. Schwache Songs treffen auf häufig unpassende Produktion. Und mangelnde Ideen. Es wirkt so, als jaule Chris Martin diesmal noch doppelt so häufig, wie sonst, weil ihm zu den ohnehin schon flachen Texten nix mehr eingefallen ist (siehe Single "Paradise"). Die "Ohs" und "Aahs" müssen öfters mal Lücken überbrücken. Das dann am Ende noch die furchtbare Rihanna auf einem Song auftaucht (und größtenteils auch nur diese "Ohs" und "Aahs" beisteuert), ist da quasi symptomatisch für den späteren Verlauf der Platte. Das ein oder andere "Lalalala" wird da auch in Kauf genommen. Es kommt alles zusammen, wie ein großes, nerviges Ärgernis. Das man große Massensongs mit guten Inhalten und dem Gespür für die große Geste auch machen kann, hat "Viva La Vida" bewiesen. Umso verrückter und seltsamer mutet das an, was die Band hier abliefert. Ist das ein Witz? Realsatire? Wo bleibt das wirkliche Album?

Es liegt nicht am Sound, es liegt nicht an der Hinwendung zum Chartspop. Das ist natürlich gewagt und macht die Sache nicht einfacher. Aber am Ende passt das einfach nicht zusammen, passen Coldplay mit ihrem Wesen nicht zu Rihanna und Co. Oder man hat sich irgendwo zwischen all den Mammutproduktionen, Grammys und Millionen irgendwo mal verloren. Kommt ja leider öfters vor. Aber das ist der vorläufige und dann doch irgendwie überraschende Tiefpunkt einer Band, bei der ich stets dachte, sie hat das gewisse Etwas in ihren Songs, um Qualität und Quantität zu vereinen und das Ganze mit Stil zu machen. Doch nicht so. Die Idee war vielleicht rühmlich, aber die Umsetzung krankt an der Unvereinbarkeit der Elemente. Die einzige Hoffnung, die jetzt am Ende bleibt, ist, dass die Band dann auch bald die Schnauze voll von ihrem Wesen und den ewig gleichen Routinen hat und es mal wagt, das komplette Bandgefüge über den Haufen zu werden und alles neu zu überdenken. Bei U2 hat das Anfang der 90er auch Wunder gewirkt. Sollten Coldplay diesen Schritt nicht wagen, sieht die Zukunft leider wesentlich düsterer aus, als das aktuelle Plattencover.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-10 von 21 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.10.2011 05:50:29 GMT+02:00
Heinrich meint:
Also ich finde , es ist ein geiles Popalbum und da es im Grunde nicht die Welt verändern soll oder den Britpop neu erfinden muß kann ich sagen, für 12 Euro habe ich ein Dutzend guter Songs. Coldplay ist für mich ein Popact und ich finde alle Alben bislang
sehr hörenswert.

Veröffentlicht am 21.10.2011 09:55:11 GMT+02:00
Tom Bernard meint:
Es muss doch jedem klar sein, dass nicht jeder Song auf einem Album zum Nummer 1 Hit taugt. Aber ich bin der Meinung Mylo Xyloto ist eines der wenigen Alben 2011, die es sich lohnt zu kaufen. Es muss ja auch nicht jedem gefallen.

Veröffentlicht am 21.10.2011 11:00:48 GMT+02:00
Gut beobachtet und bewertet, Norman Fleischer ! Aber auch Langweiler-Alben werden Hits, siehe die letzten beiden Red Hot Chili Pepper-Scheiben.

Veröffentlicht am 21.10.2011 11:16:29 GMT+02:00
Ich habe das Album bis jetzt "nur" dreimal durchgehört, muss aber bisher voll zustimmen. Das größte Problem ist, dass die Songs teilweise völlig mit Elementen und Effekten überfrachtet sind. Dazu passt auch folgendes Zitat, das Martin zuvor abgegeben hat: "Mehr Gitarren, mehr von allem. Mit Ausnahme von mir. Also weniger Chris – mehr von allem anderen"
Manchmal ist weniger eben wirklich mehr...

Veröffentlicht am 21.10.2011 12:38:28 GMT+02:00
Kosmokrator meint:
(Leider) volle Zustimmung. Ich bin einer der zwischen "A Rush..." und "X&Y" verloren gegangenen Jünger, konnte mit "Viva la Vida" schon gar nichts anfangen und jetzt der komplette Offenbarungseid. Hoffentlich verdienen die Jungs mit der Scheibe so viel Kohle, dass sie entweder aufhören oder neu anfangen. Für letzteres fehlt offenbar die Substanz - schade, hätte ich nicht gedacht.

Veröffentlicht am 21.10.2011 13:21:21 GMT+02:00
S. Starck meint:
"Ist das ein Witz? Realsatire? Wo bleibt das wirkliche Album?"
Made my day :D

Man sieht mal wieder, dass Geschmack subjektiv ist.
Ich finde, es ist ein cooles Album, wenn man es aus dem Coldplay-Kontext abkoppelt.
Mit dem von dir ausführlich dargelegten Hintergrundes ist es tatsächlich traurig und ein Schritt zurück!

Nichtsdestotrotz finde ich die Scheibe super, unglaublich rund. Man kann kaum einen Song überspringen, ohne, dass was fehlt.

Veröffentlicht am 21.10.2011 14:38:59 GMT+02:00
M. Friebe meint:
Sehr treffende Rezension.

Veröffentlicht am 21.10.2011 15:30:49 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.10.2011 15:32:29 GMT+02:00
Dodo meint:
Thema "Fan der ersten Stunde"... gewonnen! ;-))))
Denn ich war per Autoradio dabei, als Coldplays allererste Single in GB als Neuvorstellung auf BBC lief und der Sprecher dort eine ziemlich zynische Ansage im Sinne von: Na, auf die nächste Boy Group mit Weltschmerz-Songs haben wir ja auch nur gewartet. Als dann im Oktober "Trouble" herauskam, beklagte sich der Sprecher von HeartFM, ob denn das Gejammer kein Ende nehme.

Wie Recht sie doch alle hatten... haha... hoho...

"Independent" war Coldplay eigentlich nie. Parlophone, bei denen das erste Album herauskam, ist ein Großlabel, das auch The Pet Shop Boys und Tina Turner vertreibt.

Jedenfalls gönne ich es den Jungs, dass sie es geschafft haben. (Was man eben 2000 nicht unbedingt für möglich hielt, der Tenor ging zumindest in GB eher in Richtung "Eintagsfliege")
Mir gefielen bislang alle Alben, auch wenn ich "X&Y" zugegebenermaßen abgesehen von den bekannten Singelauskoppelungen nicht ganz toll fand wie die anderen.
Jetzt bin ich mal neugierig auf das neue Album.

Vielen Dank für die ausführliche Rezi. :-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.10.2011 15:38:32 GMT+02:00
Musik meint:
Ich finde, das neue Album hat nicht mehr die Klasse der beiden ersten Alben. Was ich überhaupt nicht mag ist das auch dieses Werk, wie schon die letzen beiden Alben, total überproduziert wurde, man hört die einzelnen Instrumente nicht mehr - ein einziger Klangbrei - weniger wäre hier mehr gewesen. Insofern hoffe ich auf eine " unplugged best of" als nächste CD.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.10.2011 21:14:31 GMT+02:00
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]
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