Kundenrezension

42 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Gefährliches und einseitiges Buch, 12. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Aus den Ruinen des Empires: Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens (Gebundene Ausgabe)
Eine sehr gute Rezension zu dem Buch hat Necla Kelek geschrieben. Mishra spricht den Orient einseitig von jeder Schuld frei und stellt den Islam als wichtige Waffe gegen die "Imperialisten" dar ...

"Ihm ist die klammheimliche Freude anzumerken, mit der er immer wieder seine Stichwortgeber – "den Westen", "die Zivilisation" oder "Europa" – für alles verantwortlich machen lässt, was zum Untergang der asiatischen Reiche beigetragen haben soll.
...
An vielen Stellen kippt der aufklärerische Anspruch des Autors so ins Ideologische, wird die Darstellung einseitig und fragwürdig. Seine Darstellung der Gesellschaften Asiens ist selektiv. Mishra schreibt weder von der Tyrannei der Osmanen, der Despotie indischer Mogule oder dem Rigorismus chinesischer Kaiser.
...
Das ist das Enttäuschende an diesem Buch. Mishra – selbst kein Muslim – kommt nicht darüber hinaus, was der islamische Gelehrte Abdelwahab Meddeb als "Die Krankheit des Islam" bezeichnet. "Es ist das Ressentiment desjenigen, der nur noch auf die Stunde der Vergeltung wartet."

Aufschlußreich ist die subtile Art, mit der der Autor seine Weltsicht sprachlich zu vermitteln sucht.
Mishra schreibt über den türkishen Genozid an den Armeniern nur einen Satz: "Zermürbt von armenischen Nationalisten im Osten Anatoliens, deportierten die Türken 1915 gnadenlos Hundertausende von Armeniern – ein Vorgehen, das ihnen später den Vorwurf des Völkermords einbrachte."
Der Autor legt uns – so lese ich das - mit dieser Formulierung nahe, dass die Armenier ihre Deportation provoziert haben müssen und die Türken gar nicht anders konnten. Und natürlich ist alles nur ein "Vorwurf", was heißt, es ist noch lange nicht bewiesen. So würde Erdogan es auch sagen.
(...)
Ich habe mich gefragt, warum dieses Buch ausgerechnet mit einem Preis für "Europäische Verständigung" ausgezeichnet wird, denn auf Verständigung, gar Versöhnung scheint es der Autor nicht anzulegen. Im Gegenteil, er teilt die Welt in Gut und Böse. Die Juryentscheidung kann ich mir nur aus dem Überdruss der europäischen Intellektuellen an der eigenen Gesellschaft und der eigenen Geschichte erklären.

Mishra liefert nachträglich die intellektuelle Rehabilitierung der gescheiterten Politik der anti-imperialistischen Linken, die jetzt in Universitäten und Medien über postkoloniale Politik referieren. Das mag bei dem einen oder anderen Jurymitglied biografische Erinnerungen geweckt haben. Der beredte Versuch, den politischen Islam und den organisierten Islamismus als nicht-europäische Idee, als antikoloniale und damit moralisch akzeptable Kraft darzustellen, halte ich nicht nur politisch für falsch."

Erschienen in der Welt am 11.03.2014
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Kommentare

Von 3 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 13.03.2014 12:37:23 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.03.2014 12:37:38 GMT+01:00
weiter meint:
Nur als Fußnote: Kelek schreibt aber auch in ihrem Artikel :"Wird man dem Westen gerecht, ohne zu erwähnen, was in den letzten zweihundert Jahren in Europa und Amerika an Diskursen und Kämpfen für Menschenrechte, gegen Sklaverei und Kolonialismus stattgefunden hat? Zum Beispiel, dass England die Sklaverei bereits 1834 verboten und mehr Geld im Kampf gegen Sklaverei ausgegeben hat, als es je damit eingenommen hat?"
Für den zweiten Teil des letzten Satzes hätte ich dann schon gern mal eine Quelle um den Wahrheitsgehalt zu überprüfen zu können.
Dies nur zum Thema, dass man rhetorisch verdichtet um zu seiner Aussage zu gelangen - genau das, was Kelek Mishra vorwirft.

Veröffentlicht am 11.05.2014 12:02:21 GMT+02:00
DerErwin meint:
Haben Sie zufällig auch eine eigene Meinung zum Buch? Haben Sie es überhaupt gelesen?
Oder geht es hier nur darum, blind nachzuplappern was man irgendwo aufgeschnappt hat?!

Veröffentlicht am 12.09.2014 21:55:07 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.09.2014 22:56:59 GMT+02:00
Darkenwood meint:
Ich habe mit der Rezension ein paar Probleme. Zunächst einmal hat ein Problem einen Namen: Frau Kelek. Und zwar apropos hämische Freude. Frau Keleks hämische Freude, wenn sie "dem Orient" etwas anhängen kann, hat mir ihre sämtlichen eigenen Bücher verleidet. Sie ist selbst noch nie objektiv gewesen, und ihre Karriere als "Vorzeigemuslimin" hat mich nicht überzeugt, dass sie selbst Integration und Assimiliation voneinander unterscheiden kann. Sie bekommt in ihren eigenen Werken so manches Mal die Fakte nicht sauber hin. Ich erinnere mich z. B. auf Anhieb an eine Behauptung, dass in Deutschland, im Unterschied zu Moscheen der Türkei, keine Staatsgelder zur Kirchenförderung/Kirchenbau eingesetzt werden. In Wirklichkeit sind das alles in allem Millionenbeträge, sei es für Denkmalschutz, Aufbau oder Betrieb sozialer Einrichtungen, und nicht zuletzt die Gelder, die für Religionsunterricht, die theologischen Fakultäten der Universitäten, sowie für die Verwaltung der Kirchensteuer anfallen. Eine gängige Eidesformel, z. B., ist, trotz "opt-out-Möglichkeit", auch in Deutschland noch immer, "so wahr mir Gott helfe" oder eine andere religiös begründete Formulierung. Die Priester und Funktionsträger der großen christlichen Konfession haben Beamtenstatus. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, nur sollte eine Wissenschaftlerin nicht behaupten, es gäbe das nicht im "säkularen" Deutschland. Frau Kelek hat weiterhin behauptet, einen Strafrechtsparagrafen zum Schutz der Religion vor Beleidigung gäbe es im deutschen StGB nicht, darauf würde das fortschrittliche Deutschland im Gegensatz zur rückständigen Türkei nicht kommen. Dies trifft ebenfalls nicht zu. Wahr ist, dass der § 166 StGB kaum angewandt wird, während der "Beleidigungsparagraf" im türkischen Strafrecht öfter zur Anwendung kommt. Jedoch stellt der § 166 StGB die Verunglimpfung religiöser Bekenntnisse und daraus resultierende Störungen des öffentlichen Friedens unter Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren. Inländische Kirchen werden explizit gesondert erwähnt (§ 166 Abs. 2 StGB), was in der allgemeinen, traditionellen deutschen Rechtsauslegung bedeutet, dass sie einen vorrangigen Schutz durch die Rechtsnorm genießen. Zusammengenommen bedeutet das für mich, dass ich nicht ausgerechnet Frau Keleks Rezensionen für maßgeblich nehmen würde.
Mein zweites Problem mit der vorliegenden Einschätzung zu Pankaj Mishras Buch besteht in einer persönlichen Einschätzung des Rezensenten: " Seine Darstellung der Gesellschaften Asiens ist selektiv. Mishra schreibt weder von der Tyrannei der Osmanen, der Despotie indischer Mogule oder dem Rigorismus chinesischer Kaiser."
Zu einem Buch, das sich mit Geschichte erfasst, ist das m. E. kein zulässiges Argument. Wozu sollte Mishra sich mit dem Rigorismus feudaler oder autokratischer Regierungsformen befassen? Notwendigerweise waren die deutschen Kaiser und die anderen europäischen Monarchen nicht weniger "undemokratisch" und - wobei das grob vereinfachend ist - "oppressiv", als die vergleichbaren Regierungsformen in Asien. Bis ins 18. europäische Jhd. hinein konnte jeder deutsche Landesherr seinen "Landeskindern" (sic!) das religiöse Bekenntnis vorschreiben. Die Juden zahlten noch bis ins 19. Jhd. in Preussen eine Sondersteuer dafür, dass sie Juden bleiben durften. In Großbritannien standen bestimmte Ämter, insb. öffentliche Ämter, den Katholiken nicht offen, und das bis ins 20. Jhd. hinein. In Nordirland war das Problem nach dem 2. Weltkrieg noch nicht abschließend gelöst. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Wäre ein Vergleich nicht-demokratischer Staatsformen Mishras Thema gewesen, hätte er die chinesische Kaiserzeit selbstverständlich neben bspw. die deutschen Kaiserperioden stellen müssen. Sein Thema ist allerdings ein Anderes: Der Einfluss Europas auf Asien und "den Orient" insgesamt. Woher er kam, was er für Folgen hatte, wie er in Asien wahrgenommen wurde und wird, und welche Konsequenzen diese Wahrnehmung hatte und hat. Das ist naturgemäß ein Thema, in dem die theoretische Abhandlung der möglichen Staatsformen nichts verloren hat. Nicht einmal die Briten selber behaupten heute noch, dass die gewaltsame Absetzung indischer Fürsten und die Einverleibung ihrer Staaten in die British Raj zu einer "Befreiung" der "Untertanen" geführt hat, oder das dies ihr Zweck war, auch wenn zur damaligen Zeit etwas Anderes behauptet wurde. Das britische Salzmonopol, gegen das Gandhi kämpfte, war sowohl eine Maßnahme im wirtschaftlichen als auch im politischen britischen Interesse, die die Abhängigkeit der indischen Bevölkerungen von der britischen Kolonialherrschaft verstärken sollte, und damit die britische Kontrolle. Es triff auch zu, dass eine Vielzahl indischer Herrscher über einen langen Zeitraum religiös bedingte Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen in Indien vermeiden oder wenigstens entschärfen konnte. Gleiches gilt für das Millet-System der Osmanen. Übrigens hatte, um der Wahrheit die Ehre zu geben, die (zu Unrecht) vielgeschmähte Habsburgermonarchie im 19. und frühen 20. Jhd. das gleiche ausgleichende Talent. Der aufkommende Nationalismus hat diese Perioden sowohl im osmanischen als auch im Habsburgerreich letztlich beendet, ohne sie gleichwertig ersetzen zu können. So war z. B. einer der serbischen "Freiheitskämpfer", die an der Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 beteiligt waren, später massiv an der Diskriminierung und geplanten Vertreibung der Albaner in bzw. aus Serbien beteiligt. Der Völkermord an den Armeniern geht nicht zu Lasten des Osmanischen Reichs. Vielmehr geht er auf dei "jungtürkische" Bewegung zurück, die zuvor aktiv gegen das osmanische Herrschaftssystem gekämpft hatte und einen an Europa orientierten türkischen Nationalstaat anstrebte.
Im Gegensatz zur Donau- und zur Osmanenmonarchie haben andere europäische Mächte teilweise aggressiv missioniert und Religions- bzw. ethnische Konflikte ausgenutzt oder gefördert, insbesondere auch in ihren Kolonialgebieten. Alle diese Tatsachen sind von den Maßnahmen der Mogulherrscher, der chinesischen Kaiser, der Osmanischen Herrscher etc. völlig unabhängig von den Europäern bewusst oder unbewusst verursacht worden. Als Folgen der Europäisierung der Welt, von der übrigens europäische und amerikanische Historiker zuerst gesprochen haben (allerdings meistens als Errungenschaft), gehören diese Tatsachen zu Mishras Buch. Weil sie 1. zutreffend und 2. Teil seines Themas sind. Das hat mit Einseitigkeit nichts zu tun.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.09.2014 22:36:51 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.09.2014 22:40:54 GMT+02:00
Darkenwood meint:
Ich stimme Ihnen zu, dass Frau Kelek zu unstatthaften Verkürzungen und Verdichtungen neigt. Jedoch hat die Aussage zu den Briten und der Sklaverei einen wahren Kern, der aber eben auch wieder verkürzt dargestellt ist. In der Tat hat Großbritannien die Sklaverei der farbigen Afrikaner früh verboten, einige Zeit danach vollständig geächtet. Während das Verbot nur für die unmittelbar unter britischer Jurisdiktion stehenden Gebiete galt, lieferte die spätere Ächtung die parlamentarische Grundlage für einen Befehl an die Royal Navy, den überseeischen Sklavenhandel aktiv mit militärischen Mitteln zu bekämpfen. Gleichzeitig gab es Versuche für farbige "displaced persons" Heimstätten in Afrika zu schaffen, was nicht besonders gut funktioniert hat. Betrachtet man nun nur die rein staatlichen Einnahmen aus dem Sklavenhandel früherer Jahre und dagegen die staatlichen (Militär)ausgaben für den Kampf gegen die Skaverei, dann trifft es zu, dass die Briten mehr Geld in den Kampf investiert haben, als sie je eingenommen haben. Allerdings hat dies natürlich nicht die Vermögen der Familien geschmälert, die ursprünglich ihren Reichtum direkt oder indirekt mit der Sklaverei gemacht hatten. Zudem war ein - aber immerhin wohl diskutierter - Boykott der amerikanischen Exporte insb. von Baumwolle für die englischen Textilfabriken für die Briten wirtschaftlich nicht möglich. Die Abhängigkeit der britischen Baumwollspinnereien von der amerikanischen Baumwolle war im amerikanischen Bürgerkrieg (Frühphase) zusammen mit einer gewissen britischen Sympathie für den liberalen staatsrechtlichen Ansatz der amerikanischen Südstaaten dafür verantwortlich, dass die Briten zunächst mit den Südstaaten sympathisierten, trotz der Ankündigung der Nordstaaten, ggf. die Sklaverei auch in den USA komplett abschaffen zu wollen. Erst später näherte sich Großbritannien den Nordstaaten an. Übrigens hatte zuvor die Ächtung des Sklavenhandels im UK nicht nur aus ethischen sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen politischen Rückhalt gefunden, wo sie zuvor vehement bekämpft worden war. Nachdem die Sklaverei von Afrikanern in den (außeramerikanischen) britischen Kolonien z. B. bei der Zuckerproduktion verboten worden war, hatte die amerikanische Produktion am Weltmarkt einen erheblichen Kostenvorteil ggü. der britischen. Da die Briten selbst damals wenig Baumwolle produzierten, aber reichlich importierten, waren die niedrigen Baumwollproduktionskosten der südstaatlichen Bamwolllplantagen für die Briten allerdings ein Vorteil, weshalb, wie gesagt, der Boykott nicht zu Stande kam.
Fazit: Frau Kelek hat Recht, wenn sie auf die Gewissensfragen verweist, die der Westen sich durchaus wieder und wieder gestellt hat. Nur: Es gab auch im "Osten" Vordenker, die sich und ihren Völkern ähnliche Fragen stellten, die gesellschaftliche Debatte war nicht völlig auf den Westen beschränkt. Und: Die Menschenrechte haben nicht nur, aber auch im Westen oft genug den Kampf mit dem Profit und dem (geostrategischen) Machtinteresse verloren. Deshalb kann ich Frau Keleks gern und häufig unterstellte grundsätzliche "moralische Überlegenheit" des Westens nie erkennen. Eine natürliche moralische Unterlegenheit des Westens oder Ostens aber auch nicht. Europa hatte 500 Jahre lang in seiner weltumspannenden Expansionsphase viel Gelegenheit, viele Fehler zu machen. Viele Fehler haben schlimme Folgen bis heute. Man sollte sie keinesfalls noch mal machen. Ob der Osten, wäre die Geschichte umgekehrt verlaufen, die gleichen Fehler nicht gemacht hätte, weiß niemand. Deshalb stehe ich allen, u. a. Frau Keleks, Versuchen, die eine Hälfte der Welt auf Kosten der anderen Hälfte weiß zu waschen, äußerst skeptisch gegenüber. Wichtig sind an Pankaj Mishras Buch für mich deshalb zwei Dinge: 1. Das er die europäischen Einflüsse, einschließlich der Fehlentwicklungen, benennt und beschreibt. 2. dass er auf deren heutige Folgen und evtl. immer noch stattfindende Folgefehler verweist. Denn der Aufstieg Asiens ist da. Die Welt ist multi-polar, und ein Ignorieren dieses Faktes nicht mehr möglich. Europas Hang zur Selbstbeweihräucherung wird daran auch nichts ändern. Pontius Pilatus hat sich die Hände gewaschen, aus der Liste der Bösewichte der Bibel hat ihn das nicht gebracht. Also tut Mishra gut daran, uns zu sagen, wie man uns in Asien sieht, und warum. Tut wohl manchmal dem Ego weh, ist aber nun mal so, wie's ist, nicht wie wir's gern hätten.

Veröffentlicht am 12.11.2014 09:31:56 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.11.2014 10:07:43 GMT+01:00
Wesser, U. meint:
Rund um die "Welt" sammelt sich eine neokonservative Truppe, die selbst die Welt extrem simpel in Gut und Böse ("Islamismus", "Anti-Imperialismus") aufteilt. Böse ist alles, was nicht eng einer bestimmten euro-amerikanischen Perspektive rund um 2001 folgt. Kelek ist eine dieser analytisch meist arg schwachbrüstigen Protagonistinnen, die noch nicht mal damit zurecht kommen, dass es im 19. Jahrhundert neben London, Paris, Berlin noch etwas anderes auf der Erde gab.

Vermutlich hat im Bild Keleks und ähnlicher Ideologen nicht nur England, Frankreich für die Abschaffung der Sklaverei gelitten, sondern auch noch beim Schutz der halben Welt um 1850 bis 1950 zwischen Beirut, Delhi und Hanoi vor dem Pöbel in diesen Ländern oder den islamistischen Gefahren, die dort immer schon drohten. Diese Ideolog(inn)en sind strategische Teile der Gefahr durch militarisierten Neo-Nationalismus, der überall wieder durchbricht.
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