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27 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen der alles verändernde Krieg.., 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Nacht über Europa: Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs (Gebundene Ausgabe)
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Der Historiker Ernst Piper betrachtet in seinem Buch zum hundertsten Jahrestags des 1. Weltkrieges die kulturelle Seite, nämlich die geistigen Strömungen, die während dieser Jahre vorherrschten. Es ist eine andere Betrachtungsweise dieses Massenmordkrieges, nämlich die der menschlichen und sozialpolitischen Seite.

Die letzten Jahre vor dem Kriegsausbruch waren eine Zeit des Aufbruchs, aber auch der Veränderungen gewesen. Sie waren gekennzeichnet durch politische Krisen, begrenzte militärische Konflikte in den verschiedensten Regionen der Welt, eine massive koloniale Expansion der europäischen Großmächte. Es gab aber auch eine Vielzahl von Erfindungen, neue wissenschaftliche Theorien und Entdeckungen, den Durchbruch der Moderne in Kunst und Literatur und politische Reformbewegungen wie die Frauenrechtsbewegung. Deutschland hatte den Krieg von 1870 gewonnen und gewaltige "Hightech"-Militärwaffen entwickelt (Gewehr 88, 98, U-Boote, Krupp Geschütze, Maschinenwaffen, Seekriegsschiffe). Deutschland schickte sich ausserdem an, ein industrieller Gigant zu werden, der sogar den britischen Rivalen hinter sich ließ. 1903 erreichte eine Elektrolokomotive der Firma AEG eine Geschwindigkeit von 210 Kilometern in der Stunde. Schneller war noch nie eine von Menschen gebaute Maschine gewesen. Der Wunsch nach der Überwindung von Raum und Zeit gebar neue Helden: Rallyefahrer, Fahrradchampions und Piloten waren die Heroen der Zeit. Die ersten Flugzeuge warfen im italienisch-türkischen Krieg 1912 Bomben auf Tripolis ab, Graf von Zeppelin baute seine ungeheuerlichen Luftschiffe und gerade in Deutschland hatte man den Eindruck, die beste Armee der Welt zu besitzen.

Der italienische Poet und Vertreter des Futurismus Marinetti nahm als Kriegsberichterstatter am Libyen-Krieg teil. Er zog tanzend und singend in den Krieg, wie es in seiner Reportage „La battaglia di Tripoli“ heißt. Die Prosatexte, die in dieser Zeit entstanden, sind Beispiele des von ihm propagierten „telegraphischen Lyrismus“. In der Beschreibung der Schlacht wird zu jedem Begriff eine Metapher assoziiert: „Vorhut: 20 meter bataillone-ameisen reiterei-spinnen straßen-furten general-inselchen meldereiter-heuschrecken sand- revolution haubitzen-volksredner wolken-gitter gewehre-märtyrer schrapnells-heiligenscheine.“ Der Krieg war die Verlängerung der revolutionären Gewalt, die Schlacht die sakralisierte Destruktion. Nach dem Libyenkrieg wurden auch die folgenden Kriege, so zum Beispiel die beiden Balkankriege 1912 und 1913, von den Nationalisten und den Futuristen begrüßt, mit Texten wie Enrico Cardiles „Ode an die Gewalt“, in der die Gewalt aufgefordert wird, das ganze Leben in eine Schlacht zu verwandeln. Der Erste Weltkrieg löste dann eine wahre Flut von „Interventionsliteratur“ aus. Die namenlosen Schrecken und der millionenfache Tod, der auch die Gemeinschaft der Futuristen nicht verschonte, taten der Begeisterung keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Faschisten und Futuristen einte die Überzeugung, dass der Kampf nach dem unvollständigen Sieg von 1918 weitergehen müsse. Als Italien 1935 einen Krieg gegen das damalige Kaiserreich Abessinien begann und dabei mit unglaublicher Grausamkeit gegen die Zivilbevölkerung vorging, war Marinetti wieder zur Stelle und besang erneut die Ästhetik des Krieges: „Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schreckenerregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen über die unterjochte Maschine begründet. Der Krieg ist schön, weil er die erträumte Metallisierung des menschlichen Körpers inauguriert. Der Krieg ist schön, weil er neue Architekturen, wie die der großen Tanks, der geometrischen Fliegergeschwader, der Rauchspiralen aus brennenden Dörfern und vieles andere schafft.“

In Deutschland, wie auch in Italien, wurde der Krieg bejubelt- alles war auf ein paar Wochen Krieg eingestellt und zum Winteranfang, spätestens, wollte man wieder zuhause sein, so wie es in den meisten europäischen Kriegen bislang üblich war. Denn der strenge Frost, die verschneiten Wege und die Stürme erschwerten die Kampfhandlungen ganz ungemein. Kriege wurden üblicherweise im Frühjahr, nach dem Austrocknen der matschigen Heerstrassen und Schlachtfelder, begonnen und zum ersten Schnee wieder eingestellt. Millionen von deutschen Soldaten - darunter Künstler, Poeten, Schriftsteller - zogen mit großer Freude in diesen unverhofften Krieg, galt es doch, die deutsche Übermacht mit allen technischen Errungenschaften unter Beweis zu stellen. Doch schnell stellte es sich heraus, dass dieser Krieg zum Stellungskrieg wurde, der ein furchtbares Gemetzel verursachte. Die deutschen Kolonien - schwach verteidigt von einigen hundert deutschen Soldaten - fielen schon im ersten Jahr in die Hände der Feinde (ausser Deutsch-Ostafrika, das von General von Lettow-Vorbeck verteidigt wurde), und trotz vieler siegreicher Schlachten kam die Front nicht vorwärts.

Anders als Clark, der diesen Krieg als Krieg der Schlafwandler betrachtet, sieht Piper vor allem die tiefen Hintergründe in der rasenden kulturellen Entwicklung der zentraleuropäischen Staaten und liest in den Beschreibungen der damals führenden intellektuellen Köpfen. Wie war das vor 100 Jahren? Was waren die Ingredienzien, die zu diesem Desaster führten? Und wie wirkte sich der Krieg auf die Stimmung der nächsten Jahrzehnte aus? Der 1. Weltkrieg war der Startpunkt der Vormachtstellung der USA, war das schleichende Ende der Kolonialpolitik und bewirkte die tiefgreifenden Veränderungen in Russland mit der Oktoberrevolution. Der Krieg veränderte die deutsche Gesinnung, das "Deutschtum" und implizierte bereits in sich den nächsten Krieg.

Ein spannendes Buch mit einer sehr interessanten Sichtweise auf unsere Wurzeln. Acht Seiten Bilder gehören zu diesem Opus, das ich jedem Geschichtsinteressierten nur ans Herz legen kann!
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