Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Erzählerische Gravitation, 12. Mai 2008
Rezension bezieht sich auf: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis: Roman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Man muß sich schon entsprechend Zeit nehmen für diesen Wälzer; vermutlich müssen Partner, Freunde, Schlaf- und sonstige Bedürfnisse deswegen auch streckenweise ein wenig hintangestellt werden. Aber so ist sie nun einmal, diese erzählerische Gravitation, die jegliche Aufmerksamkeit anzieht - mit ebenso großer Selbstverständlichkeit, wie es die »echte« Schwerkraft in der physischen Welt tut. Trotzdem ist »Ssipur al ahava we-choschech« (so lautet der hebräische Originaltitel dieses Romans) eigentlich kein »Reißer« im herkömmlichen Sinn (à la John Grisham oder so).

Welch ein umfassendes Buch! Mit all den eingeschobenen Gedichten, der delikat eingestreuten hebräischen Literatur- und sogar Sprachgeschichte (Zeitgeschichte sowieso, davon handelt der Roman ja in erster Linie), mit der (eines Du-Mont-Reiseführers würdigen) Detailgetreue in der Schilderung des levantinischen, aber auch des osteuropäischen Schtejtl-Lebens kommt Amos Oz' autobiografisches Werk jenen literarischen »Hausbüchern« längst vergangener Tage erstaunlich nahe - und ist dabei doch niemals lehrbuchmäßig oder schulmeisterlich (wiewohl einige »Schulmeister-Charaktere« darin vorkommen: allen voran Arie Klausner, Oz' Vater). Nein, die Beschreibungen des Autors leben von der schieren Sprachsinnlichkeit: egal, ob es um die Schilderung einer üppigen Marktszenerie (S. 62f.) oder um das In-Worte-Fassen des unfaßbaren Selbstmordes (S. 353) geht.

Nun, bei den enorm unterschiedlichen, vielfältigen, das gesamte Spektrum menschlicher Wesenszüge sattsam abdeckenden »Originalen« (möchte man fast sagen) aus dem familiären und nachbarschaftlichen Umfeld des Autors liegt eine solche »Saga« wahrlich auf der Hand; es sind beeindruckende Menschen wie Naftali Herz Mussman, jener herzensgebildete Philanthrop aus dem bettelarmen weißrussischen Kuhdorf, oder wie die umsichtige Grundschullehrerin Mora-Zelda Schneerson; es sind teils skurrile, teils wahnwitzige, teils zutiefst mitleiderregende Zeitgenossen, die (und deren Schicksale) wir -zig, ja Hunderte Seiten lang (wenn auch nicht immer sehr »linear«) begleiten dürfen - deren Weisheiten und Irrtümer Amos Oz uns überliefert. Doch der Autor geht noch einen Schritt weiter: er erzählt uns über das Schreiben, über den erzählerischen Schöpfungsakt selbst; die letzten paar Seiten des 40. Kapitels schildern, wie die letzten paar Seiten des 40. Kapitels entstanden sind - das ist ziemlich einzigartig.

Amos Oz' Stil ist äußerst musikalisch: der Autor liebt die quasi »liturgische« Wiederholung, gewissermaßen das »Rondo-Prinzip« der Worte - nicht nur, daß man sich an diesen Reprisen überhaupt nicht stößt: ganz im Gegenteil, man freut sich auf und über jede einzelne; gehört dieser Vorgang doch oftmals sogar zur Charakterisierung der entsprechenden Figur. Richtig »leitmotivisch« wird das regelmäßig wiederkehrende »ti-da-ti-da-ti« des Vogels »Elise«!

Mit seinen politischen Ansichten hält der Autor keineswegs hinterm Berg (wie könnte er es auch als wachsamer Bürger des Staates Israel) - reichlich ungewöhnlich ist Amos Oz' grundsätzliche Sicht des jüdisch-arabischen Konfliktes (S. 543); unglaublich selbstkritisch heißt es in einer Passage: »Wir haben ja nicht wirklich Mitleid mit dem kleinen arabischen Mädchen gehabt, das an der Straßensperre unterwegs zum Krankenhaus gestorben ist, weil dort, an der Sperre, anscheinend irgendein Soldat, so ein Kardinal Richelieu gestanden hat, ohne Herz. Ein jüdischer Soldat - aber ein Kardinal Richelieu! Alles, was er wollte, war absperren und nach Hause gehen, und so ist das kleine Mädchen gestorben, deren Augen uns die Seele durchbohren müssen, damit wir alle die ganze Nacht nicht schlafen, obwohl ich ihre Augen nicht gesehen habe, weil man in der Zeitung immer nur Bilder von unseren Opfern zeigt und nie die Augen von den Opfern der anderen.« (S. 302)

Ruth Achlamas Übersetzung, die in wunderschönem Deutsch gehalten ist und in der man doch bisweilen einiges an israelischem Jargon zu erkennen meint, läßt zu, daß sich der Leser stets vom ruhigen, wissenden, sanften Blick des Autors geleitet fühlt. MIR vermag Amos Oz in seinem Erzählen mehr über den Tugendkanon, über Vergebung, Liebe und Finsternis zu sagen als so mancher Philosoph...
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