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5.0 von 5 Sternen Alptraumhafte Kriegsbeute, 6. Dezember 2005
Rezension bezieht sich auf: Nachtmahr,Ltd.Erstauflage (Audio CD)
Nachtmahr
Wer dieses Album kauft, sollte wissen, worauf er sich einläßt.
Sich von einem geisterhaften Wesen Sprache und Regung rauben lassen oder fortan von Alpträumen verfolgt zu sein - alles ist möglich. Eine Gewähr für seelische und geistige Unversehrtheit nach dem Konsum der 11 Titel ist ausgeschlossen.
Nachtmahr ist ein typisches JANUS-Produkt geworden. Und andererseits genau das Gegenteil.
Typisch, weil der Gesang sofort erkennen lässt, wer am Mikro steht. Es ist die eine Hälfte des Duos, die JANUS bilden. Dirk Riegert, allgemein nur RIG genannt, verfasste als Texter und Sänger kleine Geschichten, die den Hörern Alpträume bescheren könnten.
Der zweite Teil von Janus, Tobias Hahn aka Toby , verantwortete wie immer die Studioaufnahmen und steuerte programmierte Sounds und das Klavierspiel bei. Beide gemeinsam schrieben alle Lieder mit einer Ausnahme.
Typisch ebenfalls die opulente Produktion mit nicht weniger als 15 Gastmusikern sowie das im Vergleich zum Vorgänger "Auferstehung" nochmals ins beinahe gigantische gesteigerte äußere Erscheinungsbild, gestaltet von Allessandro Bavari und Oliver "OLI" Schlemmer.
Untypisch hingegen das völlige Fehlen von E-Gitarre und heftigem Schlagzeug, das gesamte Album kommt eher orchestral bis kammermusikalisch ruhig daher. Außerdem erschien es "nur" 18 Monate nach dem letzten regulärem Album und gar noch exakt zum angekündigten Termin. Janus-Zeitrechnung in völlig neuem Gewand. Respekt für dieses untypische Gebaren.
Ein sogenanntes Konzept-Album liegt auch diesmal nicht vor - Begehrlichkeiten dieser Art gibt es seit "Schlafende Hunde" bei der Hörerschaft immer wieder - ein roter Faden verbindet allerdings die meisten Titel. Auf einen kurzen Nenner gebracht - Krieg. Eine weitere Spur, nämlich der mehrmalige "Auftritt" von Hunden, scheint eher zufälliger Natur zu sein.
Unter Verwendung eines Zitats von Cees Noteboom , welches dem ersten Track den recht sperrigen Titel "Ein Hund , der sich hinlegt, wo er will" , erzählt die Story von einem Kriegsbeteiligtem , der als alter Mann seinen Erinnerungen an den letzten Weltkrieg nachhängt. Interessanterweise nicht von einem Wehrmachtssoldat ist die Rede , wie man anhand der aus Deutschland stammenden Künstler vermuten könnte, sondern von einem Helden der Sowjetarmee bzw. befreundeter Sieger, die sich mit dem roten Sowjetstern schmückten.
Die eingängige, sofort im Ohr hängenbleibende Melodie beginnt mit 18 Sekunden Bassgegrummel, die bei ordentlich aufgedrehter Lautstärke die Lautsprechermembran fast zum flattern bringen. Später wird’s ziemlich orchestral mit einer besonders fein eingefügten Klarinette. Wer wissen will, was Soldaten im Krieg erleiden mussten, gut zuhören. Ohrwurm mit ernstem Hintergrund!
Track 2 bringt ein bereits mehrfach live aufgeführtes Gänsehaut-Stück. "Anita spielt Cello". Eine historisch verbürgte Geschichte, vorzüglich in ein musikalisches Gewand gekleidet. Traurig aber wahr, was RIG da singt. Wer herausbekommen möchte, welches Lager beschrieben wird und warum das Cello ausgerechnet aus Kanada kam, der sollte unbedingt die Erlebnisse der besungenen Cellistin im Taschenbuch "Ihr sollt die Wahrheit erben" von Anita Lasker-Wallfisch nachlesen. Empfehlenswerte Lektüre, trefflich untermalt von der sehr ruhig gehaltenen Ballade.
Track 3 ist der traurigste und zugleich längste der gesamten CD, musikalisch für mich zunächst wenig einprägsam, aber der Text !! Das die Grausamkeiten eines Krieges auch vor Kindern nicht halt machten, dürfte allgemein bekannt sein, aber wie das hier geschildert wird, das rührt an und lässt sensiblen Gemütern sicher die Tränen fließen. Ein Kinderkreuzzug, der es in sich hat.
Track 4, "Dorinas Bild" lässt Hoffnung aufkeimen, mit dem Bild der Geliebten im Herzen den Wirren des Krieges entkommen zu können, das begleitende Orchester läuft hier zur Hochform auf. Allein , die Hoffnung schwindet mit jedem Takt........
Mit Track 5 verläuft sich der rote Faden ein wenig in den privaten Bereich. Dank der Vorarbeit des Herrn mit der Brille namens Kunze bekam RIG eine feine Vorlage, sich selbst dem Kadaverstern zu nähern. Er tut das in einer neuen Version, die ich so live noch nie hörte. Eine kurze "Propaganda"-Sequenz verweist erneut auf das Thema der CD. Der instrumentale Ausklang streckt den Titel recht vergnüglich auf beachtliche 6 Minuten
Im 6. Stück lebt Nellie nicht nur im Bauch einer Stadt, sondern auch im hier und jetzt. Was natürlich nicht ausschließt, sich im Kriegszustand zu befinden. Mit dem Leben zum Beispiel. Mir scheint allerdings eher, am Ende schließt Nellie Frieden mit ihrer Umwelt. Weil sie lebt.
Teil 7 gelangte ebenfalls zu mehrfachen Live-Ehren, begeistert mich immer wieder. So auch aktuell auf der Nachtmahr-CD . Bevor die Dämme lautlos brechen - bemerkenswert, wie leise RIG bis hierher seine Sangeskunst vorführt - fiel mir beim hören des Textes unmittelbar die politisch-wirtschaftliche Situation in Deutschland ein. Sollte dieser Titel ein Fingerzeig für alles Kommende sein? "Denk ich an Deutschland in der Nacht..." dieses bekannte Zitat hätte Pate stehen können für "Was uns zerbricht".
Track 8 markiert eine Ode an die Zweisamkeit, in der die Protagonisten der sprachlichen Enthaltsamkeit frönen. Selbsterkenntnis, gepaart mit flehendem Verlangen......ein schöner, sentimentaler Titel, in einer sparsam instrumentierten Sanftheit vorgetragen.
Nummer 9 führt den Kriegstitel im Namen, obwohl das Geschehen wiederum privater Natur ist. Aber ein "Grabenkrieg" muss schließlich nicht zwangsläufig mit monströsen Militärwaffen geführt werden, sondern kann sich gut und gern mit Worten zwischen zwei Menschen abspielen. Der einzige Track, auf dem Gastsängerin Diana Nagel ihre vortreffliche Sangeskunst unter Beweis stellen kann. Live kommt dieser Titel regelmäßig sehr gut beim Publikum an.
Mit Titel 10 findet ein letztes nagelneues Lied ans Licht der Öffentlichkeit, endlich hat RIG Gelegenheit, die Stimme zu erheben und seine von der Bühne gewohnte Lautstärke zu erreichen. Was tatsächlich als Beschreibung einer Beziehung und Aufforderung zu mehr Mut ruhig beginnt - eine sehr schön in Worte gefasste Liebesbeziehung, die dem Ende entgegensieht - mündet in einer kurzen Schreiorgie ICH BIN DIE RUHE SELBST , ein Titel, der für sich spricht.
Der letzte Track bringt ein seit Jahren bekanntes Lied endlich regulär auf CD. "Das Gesicht" läßt Nachtmahr ruhig ausklingen, nur RIG, Toby und eine einsame Violine verabschieden den Käufer dieser CD mit "...geh da raus...".
54 Minuten und 54 Sekunden wundervoller Musik zogen am gewillten Zuhörer vorbei und ihn in seinen Bann. Einen Favoriten zu nennen, fällt schwer. Sollte es sein müssen, würde ich mich wegen der hohen Authentizität für "Anita spielt Cello" entscheiden, 10 weitere Titel hätten den "Sieg" aber ebenfalls verdient.
Ein Album voller Höhepunkte, ohne Ausfall! Und wo waren die E-Gitarren? Ich vermisste sie nicht.
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