Kundenrezension

27 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen I want to ride my bicycle, 13. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Mädchen Wadjda (DVD)
(Kinoversion)

Einen Film in einem Land zu drehen, in dem es keine Kinos (und auch keine Theater) gibt, dazu noch mit einer Frau als Regisseurin, die dann auch noch offen die immensen Einschränkungen der Frauen aufgrund der Religion thematisiert, scheint ein äußerst sinnloses Unterfangen zu sein. Und dennoch, die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al-Mansour hat es getan. Sie hat einen kritischen, wahren und sehr berührenden Film über ein Mädchen gedreht, das gerne ein Fahrrad haben möchte. Obwohl sie in Riad, wo sie lebt, nicht Fahrradfahren darf. Man munkelt, dass Al-Mansour ihren Film nur mithilfe eines einflussreichen Prinzen verwirklichen konnte. In einem Land, in dem Kinofilme verboten sind. Und natürlich auch, sie zu drehen. Seit 1975 gibt es in ganz Saudi-Arabien kein einziges Kino mehr. Dafür jetzt aber wieder eine Regisseurin. Auch die einzige in ganz Saudi-Arabien. Der Film ist also weit mehr als "nur" ein Film, er ist eine kleine Sensation.

Wadjda (Waad Mohammed) ist 10 Jahre alt und lebt in Riad mit ihrer Mutter und ihrem meist abwesenden Vater (der ist gerade mit der Suche nach einer Nebenfrau beschäftigt, da Wadjdas Mutter keine weiteren Kinder bekommen kann). Im Kleinen probt das Mädchen fast täglich die Rebellion gegen gängige religiöse und moralische Zwänge. Sie trägt unter der vorgeschriebenen schwarzen Kleidung Turnschuhe, bindet ihren Schleier nur nachlässig oder vergisst ihn ganz und hört gern westliche Popmusik. Und sie möchte gerne ein Fahrrad haben. Ein Unding in der streng islamischen Welt, in der sie lebt. Frauen dürfen weder Radfahren noch ein Rad besitzen. Das hält Wadjda aber nicht von ihrem Plan ab. Nachdem sie mit ihren illegalen Verkäufen von Mixed Tapes und Armbändern auf dem Schulhof aufgeflogen und nur knapp einem Schulverweis entronnen ist, scheint jegliche Hoffnung auf das ersehnte Rad zunichte. Doch dann hört Wadjda von einem Koran-Rezitationswettbewerb an ihrer Schule, der mit 1.000,- Rial (ca. 200,- Euro) Preisgeld dotiert ist. Sie, die sich bislang nur rudimentär mit dem Koran beschäftigt hat, beginnt eifrig zu lernen, damit ihr Traum vom eigenen Fahrrad doch noch wahr werden kann…

Es ist erstaunlich, wie viel positive Stimmung ein Film verbreiten kann, der die Hälfte seiner 97minütigen Laufzeit damit beschäftigt ist, das für Frauen extrem diskriminierende und frauenfeindliche Leben in Saudi-Arabien aufzuzeigen. Vielleicht ist das so, weil Al-Mansour nicht den Fehler macht, mit ihrem Film eine Wertung abzugeben. Sie zeigt einfach nur, wie es für eine Frau bzw. für ein weibliches Kind ist, in diesem Land zu leben. Zahlreiche kleine Details, die wertungsfrei gezeigt werden, machen dem westlichen Zuschauer immer wieder deutlich, wie rückständig und frauenverachtend dieses Land den weiblichen Teil seiner Bevölkerung behandelt. Das fängt bei der Burka an, hört dort aber längst noch nicht auf. Frauen dürfen nicht Auto fahren, sie sind auf von Männern gesteuerte Sammeltaxis angewiesen. Wenn sie ihre Tage haben, darf der Koran nur mit einem Taschentuch angefasst werden. Sie dürfen sich nicht die Nägel lackieren. Radfahren ist auch verboten, da dies die Frauen angeblich unfruchtbar macht. Frauen dürfen nicht laut sprechen und müssen einen öffentlichen Ort verlassen, sobald sie von Männern gesehen werden können. Selbstverständlich dürfen sie nicht mit anderen Männern in einem Raum sein, und essen dürfen sie auch erst, wenn der Mann und seine Freunde fertig sind…die übriggebliebenen Reste. Viele Mädchen in Wadjdas Alter werden bereits von den Eltern verheiratet. Man kann nur immer wieder fassungslos den Kopf schütteln bei so viel Diskriminierung, Ungerechtig-, Unsinnig- und Rückständigkeit.

Doch so schwer erträglich manche dieser Szenen auch sind, gelingt es Al-Mansour dennoch, ihrem Film einen positiven Grundton zu verleihen. Interessiert verfolgt man, wie Wadjda sich durch ihren durch Restriktionen geprägten Alltag kämpft und immer mal wieder versucht, dagegen aufzubegehren und sich nicht alles gefallen zu lassen. Auch das Schicksal der Mutter lässt einen nicht kalt. So modern sie in einigen Bereichen auch sein mag, fügt sie sich doch (zu) oft klaglos in ihr Schicksal. Einen vielversprechenden neuen Job nimmt sie nicht an, da sie dann auch mit Männern zusammenarbeiten würde, was der eifersüchtige Ehemann nie erlauben würde. Obwohl der sich schon nach einer Zweitfrau umsieht, die ihm Söhne gebären soll, wozu seine Frau nicht in der Lage ist. Dennoch gewährt sie ihrem Mädchen kleine Freiheiten oder vergisst einfach, sie auszuschimpfen. Vielleicht hat sie die Hoffnung, dass ihre rebellische Tochter eher für ihre Ziele kämpfen wird als sie es getan hat.

Der Film berührt durch Wadjdas unermüdliches Kämpfen um ihren einen, ganz großen Traum: das grüne Fahrrad, das sie bei einem Händler in der Stadt gesehen hat und das 875,- Rial (175,- Euro) kostet. Das ist der Grund für ihr plötzliches eifriges Lernen der Koranverse, nicht, wie die Lehrerin vermutet, Wadjdas Wunsch, Gott zu beweisen, wie sehr sie sich bemüht. Wadjda ist herzerfrischend clever und setzt ihren Weg, ohne große Worte darum zu machen, unbeirrt fort. Und so ganz nebenbei schnuppert sie an der Emanzipation: dem gemalten Stammbaum im Wohnzimmer, auf dem nur Männer stehen dürfen, fügt sie per handgeschriebenem Zettel ihren Namen hinzu. Und mithilfe ihres Freundes Abdullah lernt sie auf dem Dach ihres Hauses heimlich Radfahren.
Die Schauspieler treten hier größtenteils in ihrer ersten Rolle auf, doch sie alle machen ihre Sache ganz hervorragend. Besonders den Kindern ist dies hoch anzurechnen, sie spielen wunderbar unbefangen und natürlich, allen voran die verschmitzte Waad Mohammed als Wadjda. Bei den Erwachsenen sind besonders die Darstellungen von Ahd als Schuldirektorin und Reem Abdullah als Wadjdas Mutter hervorzuheben. Man wünscht ihnen, dass es in ihrem Land bald mehr Jobs für sie geben mag.

"Das Mädchen Wadjda" ist ein wichtiger und ein schöner Film. Er führt uns sehr objektiv in eine Welt, die für uns nicht vorstellbar wäre, zeigt aber auch, wie man die ein oder andere völlig unsinnige oder verachtenswerte Regel umgehen kann. Und er zeigt vor allem, dass man niemals aufgeben und seine Träume verwirklichen sollte, koste es, was es wolle. Denn, man staune: das Radfahren soll mittlerweile in Saudi-Arabien erlaubt sein, für Frauen. Vorerst zwar nur in Begleitung eines Mannes, aber immerhin. Sollte "Das Mädchen Wadjda" auch nur ein winziges Stück dazu beigetragen haben, wäre das doch wunderbar. So wie dieser Film. Deshalb gerne vier von fünf Fahrrädern, die einen vielleicht in eine etwas freiere Welt fahren lassen.
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Kommentare

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.09.2013 14:48:29 GMT+02:00
Und warum nur 4 von 5 Sternen?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.09.2013 15:03:10 GMT+02:00
MissVega meint:
@Ursi: weil es für mich zwar ein toller Film war, es aber trotzdem Filme gibt, die mich emotional noch mehr gepackt haben oder die straffer inszeniert waren. Das ist so für "Wadjda" schon ok so, aber es gibt halt einfach Filme, die mich komplett umhauen und begeistern. "Wadjda" hat mir sehr gut gefallen und ich halte ihn für einen wichtigen Film, aber er hat mich halt nicht zu totalen Begeisterungsstürmen hingerissen. Und nur für die gibt's bei mir fünf Sterne. ;-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.09.2013 15:38:22 GMT+02:00
Danke für die Nachricht und danke für die ausführliche Rezension
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