Kundenrezension

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Informative Zusammenfassung der neuesten Forschungsergebnisse, 29. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Machtergreifung (Gebundene Ausgabe)
Guido Knopps Buch über die Phase der "Machteroberung", also der Zeit zwischen dem turbulenten Januar 1933, vom sogenannten "Kölner Gespräch" zwischen Hitler und Papen, den darauf folgenden Intrigen bis zur Ernennung Hitlers durch Reichspräsident von Hindenburg und die folgenden Ereignisse bis zum Abschluss der "Machteroberung", als nach dem Tode Hindenburgs Hitler in Personalunion Staatschef, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Wehrmacht wurde und seinem absolutem Machtanspruch niemand mehr im Wege stand, ist ein informatives Buch über diese Zeit. Nun ist das Thema nicht neu und in vielen Publikationen behandelt worden, wenn man etwa an die Standardwerke von Broszat: "Die Machtergreifung" (1984) denkt.

Aber das Buch besticht durch leichte Lesbarkeit und Berücksichtigung neuerer Forschungsergebnisse. So wird die wichtige Rolle des Reichspräsidenten von Hindenburg in dieser Phase in Anlehnung an die Thesen der Biographie von Wolfram Pyta treffend dargestellt. Hindenburg war nicht die "passive" Figur, die Hitler widerwillig ernannte und von seinen Beratern "gesteuert" wurde, wie es die historische Forschung lange annahm, sondern in Hitler sah Hindenburg den Mann, der Deutschland zu einer "Volksgemeinschaft" führen und zum machtpolitischen Wiederaufstieg führen werde.

Die weiteren Stationen der Machteroberung, vom Reichstagsbrand (Knopp teilt hier die These, dass Marius van der Lubbe alleiniger Täter war, seine Tat den Nazis aber sehr willkommen war) über das Verbot der weiteren Parteien, der Errichtung des Einheitsstaates im Juli 1933 bis zum sogenannten "Röhm-Putsch" wird treffend dargestellt.

Es wird deutlich, dass Hitler bis zu Hindenburgs Tod eben nicht Alleinherrscher war, insofern ist der Begriff "Diktator" vor dem August 1934, als Hindenburg starb, m.E. irreführend. Gerade beim sogenannten "Röhm-Putsch" wird deutlich, dass Hitler zumindest fürchtete, ohne Beseitigung der SA und Befriedigung der Ansprüche der Wehrmacht, alleinige bewaffnete Macht im Staate zu sein, durch Verhängung des Ausnahmezustande durch Hindenburg seiner Macht enthoben zu werden. Doch es gelang ihm, bei seinem Besuch in Neudeck (ein aktuelles Bild zeigt ihn bei der Ankunft, wie er von Hindenburgs Sohn militärisch begrüßt wird) am 21. Juni 1934 - offiziell wollte er dem Reichspräsidenten über seinen Besuch in Venedig unterrichten - Klarheit über den Grad der Unzufriedenheit von Reichswehr und Reichspräsident über Röhm und die SA zu erhalten. Als Hitler dann in Essen erfuhr, dass Vizekanzler von Papen, der sich in seiner Rede in Marburg am 17. Juni 1934 offen gegen Hitler stellte, um diesen als Nachfolger des bereits todkranken Hindenburg zu verhindern, sich für den 30. Juni 1934 bei Hindenburg angemeldet hatte, um Hindenburgs Rückendeckung für diesen Plan zu erhalten, schlug er zu. Er ging gegen Röhm wie auch gegen die "konservative Opposition" vor und ließ Papen kurzerhand verhaften. Er kam erst nach einigen Tagen wieder frei. Mit dem "Röhm-Putsch" und der "Beseitigung des SA-Problems" war die Reichswehr zufrieden: sie fühlte sich als "Sieger" der Auseinandersetzung, zumal ihr Hitler ihre Rolle als einzige Trägerin der "bewaffneten Macht" bestätigte. Und Reichswehrminister Blomberg revanchierte sich, indem er unmittelbar vor Hindenburgs Tod vorschlug, die Wehrmacht auf Hitler zu vereidigen und der Nachfolgeregelung seinen Segen gab. So war der Alleinherrschaft Hitlers nach dem 30. Juni 1934 nichts mehr im Weg. Er mußte nur noch den Tod Hindenburgs abwarten, der am 2. August 1934 erfolgte. Hitler wurde ohne Probleme dessen Nachfolger, vereinigte alle Macht in seiner Hand. Dies ließ er sich in einer Volksabstimmung Ende August 1934 bestätigen und stellte zutreffend auf dem Parteitag der NSDAP in Nürnberg fest, dass nun alle Macht in den Händen der Nazis vereinigt und die "Machteroberung" damit abgeschlossen sei.

Konsequent endet das Buch dann an der Stelle. Packend beschreibt Knopp auch das Schicksal von Widerständlern, die ermordet und in KZs eingewiesen worden waren und entlarvt zum Teil apologetische Versionen, etwa des ersten Polizeichefs Rudolf Diels, über "humanere" Methoden der SS gegenüber der SA in Bezug auf die Konzentrationslager.

Insofern ein informatives Buch, wenn man akzeptiert, dass die Zielgruppe von Knopp Laien und nicht Forscher sind. Knopp wertet keine neuen Quellen aus und forscht nicht. Er bilanziert sehr lesenswert und engagiert die bisherige Forschung.

Als einzigen Nachteil dieses Buches sehe ich - und ziehe daher einen Punkt ab - dass zu Beginn ein Kapitel fehlt, "wie es dazu kam", also eine Kurzanalyse über das Scheitern von Weimar und die Gründe des Aufstiegs von Hitler. Dies haben vergleichbare Publikationen, etwa Janßens Darstellung über den 30. Januar 1933, geliefert.

Aber ansonsten: eine sehr lesenswerte und beeindruckende Darstellung auf Grundlage des neuesten historischen Forschungsstandes.
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