Kundenrezension

57 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Besser als Polanski!, 25. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Charles Dickens' Oliver Twist (2007) [2 DVD Set] (DVD)
Jetzt werden sicher viele denken "Na toll, noch eine weitere, zigte Verfilmung der abgenudelten Story". Richtig, es gab da schon so einige... Wir erinnern uns:
Hatte doch erst Starregisseur Roman Polanski 2005 seine angeblich ultimative Verfilmung des Stoffes mit Ben Kingsley vorgelegt. Leider gibt es aber nicht wirklich DIE ultimative Verfilmung. Die ach so hochgelobte, uralte David Lean - Verfilmung, die laut Kritikern immer noch als die beste gilt, mutet für heute Sehgewohnheiten seltsam langatmig, künstlich und überzogen theatralisch an (versteht mich richtig, Alec Guinness war ein toller Schauspieler, aber sein Fagin bleibt seltsam farblos und steif), die Polanski - Verfilmung bietet ausser tollen Bildern und einer wirklich bedrohlichen Spannung leider auch nichts neues, mal abgesehen von dem bis dato wohl hübschesten Oliver Twist - Darsteller Barney Clarke, der allerdings schauspielerisch sehr wenig zu bieten hat. Und der sonst oft so grandiose Ben Kingsley orientiert sich mit seinem Spiel nur allzu sehr an der Alec Guinness - Rollenvorgabe und fügt dem Charakter daher auch keine neuen Nuancen hinzu, bleibt blass und steif.
Auch die kindgerechte und deshalb eher "beschönigte" Disney - Variante( ein wunderschöner Kinderfilm, aber eine katastrophale Literaturadaption) mit einem geradezu knuddeligen Richard Dreyfuss als Fagin und "Frodo" Elijah Wood als Dodger kann nicht wirklich überzeugen. Elijah Wood gab zwar der Dodger - Rolle neue Nuancen und Charakterzüge und versah diese charismatische Figur mit einem ganz eigenen, liebenswerten Charme, doch streng genommen, war er für diese Rolle damals schon zu alt. Dreyfuss war zudem zu sehr der "liebe Onkel" und gewann Fagin nichts an Verschlagenheit und Niedertracht ab. Es gab unzählige Verfilmungen, darunter auch so prominent besetzte mit George C. Scott, Tim Curry, Andy Serkis oder Keira Knightley.
Aber rein von der Rollenbesetzung her bleibt das seinerzeit mit sechs Oscars ausgezeichnete 68er ( oder war es 1969?) Musical "Oliver" tatsächlich bis heute unerreicht. Ron Moody als "Fagin"( Oscar für die beste Hauptrolle ), Oliver Reed als "Bill Sikes" und der erst zwölfjährige Jack Wild als "Dodger" ( Oscar für beste Nebenrolle) setzten darstellerische Messlatten, die keiner ihrer Rolennachfolger jemals auch nur annähernd erreichten. Und obwohl das Musical aus heutiger Sicht eher verkitscht, zuckersüß und auch stellenweise langatmig wirkt, so bleibt es doch mit Abstand die einprägsamste aller Versionen.
Nachdem Polanski dann mit seinem "Oliver Twist" 2005 so grandios floppte ( sowohl in künstlerischer als auch finanzieller Hinsicht), weil er trotz Stars, Aufwand und toller Fotografie einfach nicht schaffte, den Zuschauer wirklich emotional zu berühren ( zu kühl, steril und distanziert inszeniert), sah es so aus, als wäre die Zeit der "Oliver Twist" - Verfilmungen endgültig vorbei.
Doch dann entschloss sich die BBC, die sich bekanntermaßen auf Literaturverfilmungen spezialisiert hat ( unter ihnen entstand auch - ebenfalls nach einer Charles Dickens - Vorlage - "David Copperfield" mit "Harry Potter"-Darsteller Daniel Radcliffe, Maggie Smith ( ebenfalls aus Harry Potter bekannt), "Gandalf" Ian Mc Kellen und "Roger Rabbitt" - Star Bob Hoskins ) mit weniger bekannten Darstellern eine weitere Neuauflage des Stoffes zu inszenieren. Und was Polanski misslang, schaffte diese Verfilmung: den Zuschauer emotional zu berühren.
Der neue britische Kinderstar William Miller ist zwar ebenso wie sein Polanski Rollenkollege Barney Clarke ein für die Rolle fast zu hübsches Kind, allerdings besitzt er etwas, dass ihn von Dutzenden seiner Vorgänger unterscheidet: Er kann nämlich schauspielern und das sogar auf eine sehr natürliche und daher glaubwürdige Weise. Wie hier bereits ein anderer schrieb, ist er nicht so edel wie Mark Lester und auch nicht so verletzlich wie Barney Clarke, er ist trotziger, wehrt sich und schafft es der sehr eindimensionalen Oliverrolle neue Facetten abzugewinnen. Ähnlich wie Timothy Spall ( Peter Pettigrew alias "Wurmschwanz" in Harry Potter) als Fagin, der zunächst aufgrund seines Äußeren eher gewöhnungsbedürftig ist, aber im Laufe des Filmes zeigt, dass er es durchaus versteht, die allzu bekannte Figur tatsächlich noch neu zu definieren. Überhaupt ist der Film bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt und inszeniert, er bietet mehr Nebenhandlung und macht einiges nachvollziehbarer. Ganz bemerkenswert ist auch die Darstellung der Nancy erstmals durch eine farbige Darstellerin verkörpert), die sich dem Zuschauer nachhaltig ins Gedächnis brennt. Man merkt, dass er mit viel Liebe zum Detail erstellt wurde. Mit Abstand eine der besten Verfilmungen, was vielleicht auch daran liegen mag, dass der Film - auch wenn es sich jetzt blöd anhören mag - eine sehr weibliche Handschrift besitzt. Regisseur,Drehbuchautor und Produzent sind Frauen, und zwar - wie man im Making of - welche mit viel Liebe zur literarischen Vorlage. Sie versuchen sich weitestgehend nicht an vergangene Verfilmungen zu orientieren und schaffen es tatsächlich neue Ansätze zu entdecken, sowie im Film die Gratwanderung zwischen klassischem Stoff und modernen Sehgewohnheiten zu meistern.
Mit dieser Verfilmung hat BBC nicht nur eine sehr frische, entstaubte Version vorgelegt, sondern die mit Abstand realischstste, glaubwürdigste und authentischste Verfilmung geschaffen, die ohne Zweifel zu den allerbesten Verfilmungen gehört. Nur halb so teuer wie die Polanski - Großproduktion ist sie doch dreimal so wirkungsvoll.
Ich kann diese DVD ( endlich in Deutsch erschienen) vorbehaltlos empfehlen. Erwachsene meines Jahrgangs wird der Film in seiner Machart auch so manches mal sehr an die großen Kinder - TV - Klassiker der 80er Jahre erinnern, wie etwa "Jack Holborn" oder "Silas". Natürlich hat jeder "Oliver Twist" - Fan seinen persönlichen Favoriten, doch diese Verfilmung ist sicherlich einer der stimmungsvollsten, gelungensten und vor allem am besten gespielten. Ein echtes Highlight!
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.12.2008 23:37:40 GMT+01:00
Brundibar meint:
Sehr richtige Worte für eine sehr stimmige Verfilmung! Trifft es genau auf den Punkt! Vielen Dank für Deine ausführliche Rezension, Christoph! Bin übrigens auch mit Silas und Jack Holborn "aufgewachsen". Echte Klassiker!

Veröffentlicht am 26.02.2009 11:54:49 GMT+01:00
Mediaworld meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 15.08.2009 11:19:50 GMT+02:00
Mentor54 meint:
Ich kenne nicht alle Oliver Twist-Verfilmungen, und auch an die Details des Buches kann ich mich kaum noch erinnern. Ich kann nur sagen, dass ich mich durch diese zähen, den öden Charme eines ZDF-Fernsehspiels versprühenden knappen drei Stunden förmlich kämpfen musste und dabei tödlich gelangweilt habe.

Veröffentlicht am 24.07.2012 13:48:41 GMT+02:00
Kardewski meint:
Nachdem Polanski...so grandios floppte..., weil er trotz Stars, Aufwand und toller Fotografie einfach nicht schaffte, den Zuschauer wirklich emotional zu berühren... - Wer bitte ist das, "der" Zuschauer? Ich jedenfalls nicht, denn mich hat diese wunderbare Verfilmung durchaus berührt. Ich respektiere Ihre Meinung, weil sie (was hier selten genug vorkommt) gut begründet ist, doch durch Ihren überheblichen Tonfall entwerten Sie Ihre Kritik zu einem guten Teil selbst.

Veröffentlicht am 09.12.2013 15:17:54 GMT+01:00
Herzlichen Dank für diese informative und kundige Rezension. Nachdem mich die Polanski-Verfilmung ebenfalls nicht überzeugte, werde ich mir nun die BBC-Verfilmung kaufen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.03.2014 16:46:06 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 10.03.2014 17:21:29 GMT+01:00
chris meint:
Diese 2007er TV-Serie war in sich ordentlich erzählt und hat stellenweise (mit einer Farbigen als Nancy) einen neuen Input gegeben, aber mehr auch nicht. Die Darstellung des Dodger ist eine schwächsten Interpretationen dieses Charakters, die ich kenne und auch die Oliver-Interpretation von William Miller als aufmüpfiger, ständig Widerworte gebender Junge ist nicht wirklich gut gemacht, weil man (zumindest ich) dadurch weniger Sympathien für Oliver entwickelt. Das ist meine persönliche Meinung und man kann es so sehen oder auch nicht.

Allerdings sind Sie in Ihrer Rezension an zwei Stellen etwas unlogisch:

- Was Fagin angeht, bemängeln Sie beim Oliver!-Musical, einerseits, dass Richard Dreyfuss Fagin zu sehr als "lieben Onkel" dargestellt hat. Das kann an sich ja schon stimmen und ich kann es auch nicht beurteilen, weil ich das Musical nicht gesehen habe. Andererseits macht aber der von Ihnen so gelobte Timothy Spall in seiner Darstellung genau das - er spielt Fagin auch als "lieben Onkel", mehr noch - durch sein ganzes feminines Gebaren eigentlich schon eher als eine das arme Waisenkind Oliver umsorgende Glucke. Und genau dieses Verhalten hat Spalls Fagin-Darstellung meiner Meinung nach sehr ins Lächerliche gezogen.

- In Bezug auf den Kinofilm, der anscheinend "so grandios floppte", was soweit ich mich erinnere zahlenmäßig auch den Tatsachen entsprach: Diese 2007er- Version hat in Charles Dickens Heimat - wenn man sich mal in die unzähligen Meinungsäußerungen und Rezensionen zu dieser TV-Serie reinliest - auch keine Begeisterungsstürme ausgelöst. Teils eher das Gegenteil, sehr viele waren enttäuscht. Wenn Sie sich in Ihrer Kritik an der 2005er Version also auf Zuschauerreaktionen beziehen, dann werden Sie wohl nichts dagegenhaben, auch das für die 2007er Version in Ihre Betrachtung einzubeziehen. Sie sehen: Ob ein Film oder eine TV-Produktion in den Augen der Mehrheit floppt oder nicht, ist nicht unbedingt das Maß aller Dinge.
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