Kundenrezension

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Literarisches Glanzstück, 26. August 2010
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Rezension bezieht sich auf: Die Leinwand (Gebundene Ausgabe)
Gibt es ein "Perpetuum Mobile"?
In der Physik und Mechanik muss diese Frage bislang verneint werden. Ein Ding, das sich unausgesetzt um die eigene Achse bewegt, kann nicht sein, da sich immerzu die Frage nach dem Anfang, dem ersten Energiestoß, stellt - und die Bewegung somit nicht ewig sein könnte. Doch bislang hat noch niemand gewagt, sich diese Frage in Bezug auf literarische Werke zu stellen. Eine ungewöhnliche Fragestellung, sicher. Aber für mich ist dieser Ansatz die bislang einzige Möglichkeit, das Buch "Die Leinwand" von Benjamin Stein auch nur annähernd zu beschreiben, zu fassen, und ihm einen Rahmen zur Reflexion zu geben.

Denn es geht hier, zunächst einmal abgesehen von der eigentlichen Handlung, um zwei Bücher, zwei Geschichten gleichzeitig, die an den gegenüberliegenden Enden des Buches beginnen, und in der Mitte aufeinander treffen. Man kann sich das nur schwer vorstellen, wenn man das Buch noch nie in der Hand hatte. In der Tat ist schon allein der physische Eindruck kurios. Der Geschichte um "Jan Wechsler" ist die Farbe Rot zugeordnet, sowohl oberer Seitenschnitt wie Vorsatzblatt sind auf dieser Seite Rot. Wenn man das Buch nun genau einmal dreht, sozusagen von hinten nach vorne beginnt, trifft man nicht etwa auf das Ende, sondern auf die Geschichte um "Amnon Zichroni", der die Farbe Blau zugehört. Auch sie beginnt, auf ihrer Seite der physischen Einheit "Buch", wie eine eigene Erzählung. Genau in der Mitte treffen beide Geschichten aufeinander, stehen sich auf den Kopf gestellt gegenüber. Somit hat das Buch keinen eindeutigen Anfang, und, wenn man es gelesen hat, auch kein Ende. Beide Erzählstränge enden mit der gleichen Episode, doch es bleibt für den Leser absolut unentscheidbar, wer nun "Recht" hat, oder was die "Wahrheit" ist. Ich sagte ja: ein "Perpetuum Mobile" auf literarische Art, das den Leser noch weit über die Lektüre hinaus zum Nachdenken geradezu zwingt.

Genau in diesem Umstand liegt auch für mich der Wert dieses Buches, und alle weiteren Fragen, wie Inhalt, Stilmittel, und Erzählperspektive, sind dem untergeordnet. Insofern möchte ich diese auch nur kurz anreißen. Für mich ist das Buch, wie gesagt, in erster Linie ein formales und erzählerisches Experiment, und erst in zweiter Linie eine Geschichte - eigentlich ja zwei Geschichten.

Wagen wir einen kleinen Überblick. Jan Wechsler und Amnon Zichroni sind beide Juden - Jan Wechsler ist Journalist und Verleger und lebt in München, Amnon Zichroni ist Psychoanalytiker und hat seinen zuletzt bekannten Wohnsitz in Israel. Jeder erzählt seine Lebensgeschichte aus seiner Sicht, wobei dem Leser spätestens beim Beginn der zweiten Geschichte vom anderen Ende her klar wird, dass sich ihre Lebenswege einmal gekreuzt haben müssen. Man kann das Buch natürlich auch "abwechselnd" lesen, von Rot nach Blau wechselnd, und dann macht man diese Entdeckung entsprechend früher.

Ich finde die Namen sehr gut und vieldeutig gewählt. Denn, wie man im Laufe der Geschichte merkt, Jan Wechsler hat deutliche Erinnerungslücken, er hat offensichtlich einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit, den er zu ergründen versucht. "Wechsler" ist somit ein beziehungsreicher Name für ihn! Und "Amnon zichroni" hat es ebenso in sich; die Initialen machen es deutlich: A - Z. Zwar kenne ich mich im Hebräischen nicht so weit aus, dass ich die eigentliche Bedeutung des Namens erläutern könnte, doch schon allein die Initialen sind mir bedeutungsschwanger genug. Es geht um die Frage, was ein Leben "von A bis Z" eigentlich ausmacht. Was sind Erinnerungen, was ist Verantwortung. Somit ist auch dieser name, in Verbindung mit Jan Wechsler, gut gewählt.

Es sei kurz erwähnt, was den eigentlichen Anstoß für die Handlung gibt. Jan Wechsler erhält eines Tages einen Koffer zugestellt, der ihm angeblich gehören soll. Doch darin sind lauter Gegenstände, die er noch nie gesehen hat. Durch das Misstrauen seiner Frau weiter unter Zugzwang gesetzt, versucht er, das Geheimnis des Koffers zu enträtseln. Und stößt dabei ganz zuletzt auf Amnon Zichroni, der sich als Schlüssel zum Ganzen erweisen wird - genauso wie Jan Wechsler der Schlüssel für die Erzählung von Amnon Zichroni ist...

Nein, mehr erzähle ich nicht. Denn dann würde man jedem Leser das Vergnügen nehmen, das dieses Buch bietet. Jeder muss für sich entscheiden, wie er diese beiden Erzählungen bewertet, und wie er sie zueinander in Beziehung setzt. Eine "Lösung" an sich gibt es nicht, und ich denke, dies ist vom Autor auch gar nicht beabsichtigt. Er will Fragen stellen und zum Nachdenken anregen, und genau dies gelingt ihm hervorragend.

Ich möchte noch einige Besonderheiten erwähnen, die sich als Würze des Buches erwiesen haben. Erstens hat mich fasziniert, wie sehr der Autor dem Leser die jüdische Lebensweise nahebringt, und zwar in beiden Geschichten. Jan Wechsler hat es als Jude in München nicht leicht. Jüdische Regeln und Traditionen sind komplex, und das ist nicht immer mit einer modernen Lebensweise vereinbar. Aber auch Amnon Zichroni ging es so. Er wurde zwar in eine recht orthodoxe Familie geboren, jedoch hatte er sich als Kind heimlich Zugang zu des Vaters verbotenem Bücherschrank verschafft, flog auf, und musste ins Exil geschickt werden. Sein Lebensweg führt ihn über Amerika und die Schweiz, bevor er wieder in Israel landet.

Ferner ist das ganze Buch durchsetzt mit biblischer Symbolik. Amnon Zichroni macht als Kind die Entdeckung, dass er die Gedanken und Erinnerungen anderer Menschen "sehen" kann - und zwar, als er in einen Apfel beißt! Jan Wechsler wird hingegen, meiner Meinung nach, mit der Geschichte von Hiob in Bezug gesetzt. Ihm widerfahren schwere Schicksalsschläge, dennoch wird er gerade dadurch zu seinem Glauben zurückgeführt.

Beide Erzähler lieben die Literatur und die Bücher, und diese Passagen gehören mit zu den schönsten des Buches. In beiden Lebensläufen gibt es Episoden des "Untertauchens", sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Denn das Untertauchen in einer "Mikwe", einer religiös als heilsam anerkannten Quelle, ist im Judentum eine alte Tradition. Und beide Erzähler müssen mehrfach fliehen, "Untertauchen", sei es vor Anderen oder vor sich selbst.

Wenn ich noch mehr erzähle, zerrede ich das Buch, und das wäre schade. Ich möchte abschließend bemerken, dass es eine durch und durch lohnende Lese-Erfahrung war, die ich aber nur solchen Lesern ans Herz legen möchte, die die entsprechende Geduld und Ausdauer sowie Forschergeist mitbringen.
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